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Der Israelit · 1903-12-17 · Heft 100 (17.12.1903) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 100 (17.12.1903)
Date
1903-12-17
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Mas die erste betrifft, so ist die öffentlich rechtliche Lage der Juden in den einzelnen Staaten sehr verschieden. In Deutschland kann von einer Rechtsunsicherheit seit der. Herstellung der verfassungsmäßigen Gleichheit kaum mehr die Rede sein. Die Bestrebungen einer gewissen Partei, diesen Zustand wieder auszuheben, und die verwandte Strömung, die eine Rechtsverkürzung aus dem Wege der Verwaltung und dergl. anstrebt. müssen am Wesen des Rechtsstaates scheitern, der gesetzliche Kampf um die uns noch thatsächlich vorenthaltenen Rechte muß zum Siege führen. Die Zionisten wollen dagegen durch Hervorkehrung der einstigen jüdischen Nationalität die Anerkennung der Mächte für diese letztere fordern, und damit zugleich die Heraabe eines bestimmten Landes zum Zwecke der Selbstregierung gegen angemessene Entschädigung und Garantieen erwirken. Hier trennen sich also die Wege. Die deutschen Juden betrachten Deutschland seit etwa 1600 Jahren rückhaltlos als ihr alleiniges, politisches Vater- und Heimathland; und hoffen darin, besonders nach den herrlichen Fortschritten des vorigen Jahrhunderts. auf völlige Gleichstellung mit den übrigen Bürgern. Die russischen und rumänischen Glaubensgenossen. die noch immer einer planmäßigen Bedrückung ausgeseht sind, können nicht getadelt werden, wenn sie von Heimathssehnsucht ergriffen, lieber heute denn morgen den Staub von den Füßen schütteln wollen, und irgendwo in der Welt Ruhe und Rast vor ihren Verfolgern zu finden hoffen. Mit der öffentlich-rechtlichen Lage der Juden ist ihre soziale eng verknüpft. Früher konnte dieselbe selbst in Deutschland zu Besorgnissen Anlaß geben, solange die Juden in unnatürlicher Weise von allen anderen Berufen, als dem Handelsbetriebe ausgeschlossen waren. Seit der Emanzipation macht der Ausgleich täglich Fortschritte. Die deutschen Juden selbst haben seit fast 100 Jahren die Ueberleitung zum Handwerk und zur Bodenkultur in Angriff genommen. Mit der Oeffnung weiterer Stände, z. V. vieler niederer und höherer Beamtenkategorien wird das deutsche Judenthum nicht mehr, wie im Mittelalter, als soziale Klasse, sondern einzig und allein als religiöse Gemeinschaft empfunden werden. Für die osteuropäischen Juden dagegen mag das Wort gelten: Der Zionismus ist die Form, die die soziale Frage im Judenthum angenommen hat. Ihre Lösung wird auf dem Wege einer großangelegten Kolonisation am besten gelingen^ Diese soll allerdings kein bloßes Werk der Humanität, sondern der Selbsthilfe sein, zu dem das Judenthum aller Länder seine Kräfte zusammenrafft. Dann aber wird die Ueberführung der überschüssigen Juden in andere Länder nicht nur den Juden, selbst, sondern auch den Staaten nützen, die sich heute in thörichter Verblendung aus Haß und Fanatismus in ihren jüdischen Unterthanen unzufriedene und veränderungssüchtige Elemente - heranziehen. Was endlich das ethisch-religiöse Moment angeht, so finden es die Zionisten darin, daß die stete Beargwöhnung, Aechtung und Demüthiguna Beunruhigung erzeugt, und das Hin- und Herschwanken zwischen Assimilation und treuem Bekmntnrtz zum Judenthum einen bedenklichen Zwiespalt in's Seelenleben wirft. Der Ausgleich ist durch die Bewegung der letzten Jahrzehnte wieder in unabsehbare Ferne gerückt, und die Judenheit, zur Selbstbesinnung gezwungen, von selbst auf seine Stammesverwandtschast und seine ganze geschichtliche, kulturelle und religiöse Einheit verwiesen. Die wahre Geschlossenheit des Lebens, die zu ersprießlichem Wirken für sich und die Menschheit führen könnte, vermöge also der Jude nur im jüdischen Gemeinschaftsleben (Staat, Kolonie etc.) zu finden. Demgegenüber verkannte auch der Vortragende die Schwierigkeiten dieses Gebietes, die sog. geistige Judennoth nicht; aber er hält sie für überwindbar. Judenthum und Staatsbürgerthum' schließen einander nicht aus. Die jüdische Religion hat von altersher die überragende Gewalt der Staatshoheit anerkannt und ihr sogar das zeremonielle religiöse Leben untergeordnet. Darum können die Konflikte der Pflichten hier keine scharfen Formen mehr annehmen, zumal bei der fortschreitenden Anerkennung des durch und durch sittlichen Charakters der jüdischen Religion. Eine religiöse, wohl gar meffianische Befreiung kann man in der zionistischen Bewegung schon gar nicht erblicken, weder im Sinne der Schrift, noch der Ueberlieferung; sie selbst will nur rein weltlich aufgefaßt sein. Allerdings hofft sie auch, die Seele des einstigen jüdischen Volkes wiederzuerwecken, sie zu ihrer Eigenart zurück-, zu ihrer Vollendung emporzuführen. Sie . hat es versucht, durch Belebung der hebräischen Sprache und Litteratur. Pflege neuer Wissenschaftszweige (Statistik u. s. w.). selbst der Kunst. Aber die ganze neue Kultur (jüdische Renaissance) ist überall abhängig von der allgemeinen, sie umgebenden. Das deutsche Judenthum sollte sich daher auf Erhaltung und Pflege seiner religiösen Eigenart beschränken, dagegen alle weltlichen Gebiete in treuem Verein mit den Andersgläubigen anbauen. Die Geschichte habe bewiesen, dgß dies der ersprießlichste Weg ist. So mag denn der Zionismus der osteuropäischen Judenheit nicht nur Ideale, sondern auch positive Wohlthaten gebracht haben, und noch weiter bringen; für die Juden in Deutschland. Holland. Frankreich. Italien, England, Amerika ist er besonders in seiner politischen Form .unbrauchbar» wenn nicht schädlich, indem er zur Verwirrung der Geister und zur Vernachlässigung der Nächstliegenden Pflichten führen kann. In der von Herrn Rechtsanwalt Abel geleiteien Debatte, die sich bis Mitternacht hinzog, wurde der Vor- [ .tragende zwar durch Redner von anderen Standpunkten (z. Th. auswärtigen Gasten) lebhaft bekämpft.

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