Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1903-12-14 · Heft 99 (14.12.1903) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 99 (14.12.1903)
Date
1903-12-14
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2449890-2449981--59656-2523915
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

BaHamas^s^ 44. Jahrgang. zu M 99 des „Israelit". Wck-«. Ausschau über Kar Snhsltmß Wische« Mob «ad Lsau. Von L. Anfänger-Memmelsdorf. Göttlicher Weisung gemäß hatte der Patriarch Jakob nach 20 langen und bangen Dienstjahren im Hause Labans sich aufgemacht mit all den Seinen, um wieder zur schmerzlich entbehrten Heimath zurückzukrhren. Wie fest und unerschütterlich nun auch sein Glaube und sein Gottvertrauen, so menschlich und begreiflich ist doch hinwiederum das Gefühl der Angst vor der Begegnung mit seinem Bruder Esau, der ihm je einst im lohenden Zorne den Tod geschworen. Durchdrungen von dem Bewußtsein, daß der Mensch in allen Stücken seine Schuldigkeit zu thun habe, ps ca bv pM*D bietet er alles auf, um den beleidigten Bruder zu versöhnen und freundlich zu stimmen. Er sendet ihm die ergebensten Grüße, er läßt ihm von seiner Leidenszeit in der Fremde berichten, er schickt ihm die kostbarsten, auserlesensten Geschenke, und wirklich, Esau söhnt stch mit ihm aus. Und gleichsam, als wollte er zeigen und beweisen, wie wenig ihm Jakob habe nehmen können,' kommt er mit 400 seiner Mannen angezogen, ein freier Fürst, ein Mann irdischer Macht. Stolz, herablassend will er die Geschenke Jakob's zurückweisen, im Vollgefühle seiner Macht, seiner Stellung, seines Ansehens, spricht er die stolzen Worte: „Möge Dein bleiben, was Dein ist. — ich habe ja viel, so vielt" Und Jakob, der2N V'rr,er weiß wohl, daß er an irdischer Macht und Kraft sich nicht mit jenem messen kann; er ist kein seßhafter Fürst — er ist ein Nomade, er gebietet nicht über zahllose, streitbare Mannen, er hat für schwache Frauen und Kinder, für seine Herden zu sorgen — und dennoch antwortet er in stolzer Bescheidenheit: i>2 'v '2' ''r6a ’:;n '2 da Gott mir Gnade erzeiget, habe ich alles; in der Gnade des Herrn, in seinem Dienste finde ich, ob mir auch viel Irdisches mangelt, den Inbegriff und die Erfüllung aller meiner Wünsche und Bestrebungen, und so habe ich „Alles". So hat Esau „viel" — Jakob aber hat „alles", und in diesen Wörtchen ist gleichsam die ganze Geschichte der Menschheit und des jüdischen Volkes niedergelegt; wandern wir durch die Hallen der Geschichte, lesen . wir ihre Aufzeichnungen, verstehen wir ihre Lehren, stets finden wir es wieder und immer wieder, Esau hat „viel", er hat äußerlich mehr als Jakob, und doch, Jakob hat „alles". Denken wir zurück an die finsteren Zeiten des Mittelalters. Vergegenwärtigen wir uns die stattlichen Nitter an der Spitze ihrer Reisigen, die behäbigen Patrizier und Bürger in den reichen Städten, die jtolzen Handwerker in ihren Zunftvereinigungen, und betrachten wir dagegen die Nachkommen Jakob's, die Juden, m ihrer rechtlosen, gedrückten, unsicheren Lage. In finstere Ghettos eingeschlossen, mit beschimpfenden Abzeichen verunstaltet, ausgeschlossen von fast jeder bürgerlichen Beschäftigung, gar oft dem Blutdurste und allen rohen Instinkten preisgegeben — konnte da nicht Esau stolz ausrufen: „Wie habe ich so viel!" Aber Jakob's Kinder, wenn sie auch oft bitter sepfzten unter Ungerechtigkeit und Bosheit, sie neideten Jenen nicht ihre Machtfülle, wenn man ihnen nur in ihrer Abgeschlossenheit die Ruhe ließ, erblühte ihnen schöneres Glück. In der Innigkeit und Frömmigkeit des Familienlebens, im eifrigen Studium des Gotteswortes, in gewissenhafter Bethätigung der göttlichen Gebote, in Hilfsbereitschaft und gegenseitiger Liebe fanden sie Erfüllung ihrer Wünsche, hatten sie „alles". — . Die Ghettomauern sind gefallen; eine neue Zeit war hereingebrochen. Fortschritt und Aufklärung ließen die Welt zur Einsicht kommen, daß man an den armen Juden viel gut zu machen habe; und so gab man ihnen denn nach und nach Freiheiten und Rechte, sprach da und dort ihre Gleichberechtigung aus. Aber nicht allerorten erblühte diese schönere Einsicht. Gar viele Feinde und Gegner hat noch heute der Jude und das Judenthum. Nicht nur, daß manche Staaten noch in den Maximen des Mittelalters verharren, auch in aufgeklärten, fortschrittlichen Gegenden verkörpert der Antisemitismus noch das Mittelalter im Verhalten zu den Juden. Die wüsten Mord- und Greuclszenen in Homel und Kischinew, die jüngste Mordthat in der Konitzer Gegend, die Hetzreden und Dreschflegelsuaden,, die Zurücksetzungen und Ausschließungen in vielen Sparten sind dessen genugsam Beweis und Zeuge. Ob aber auch der Antisemitismus in stolzer Heerschau über die Zahl seiner Anhänger und Getreuen selbstbewußt ausrufen mag 'h L" seht doch, wie viel ich habe, wie viele zu mir stehen, wie mächtig gebietend und einflußreich ich bin. — die Zahl allein macht es nicht. Die wahre Intelligenz, der Adel des Geistes und Gefühls, die besten und edelsten Glieder der Nationen sind nicht auf jener Seite zu finden. Und in der Ueberzeugung, daß nicht die äußere Masse, sondern der innere Werth, daß nicht die Quantität, sondern die Qualität maßgebend und entscheidend für die richtige Einschätzung sei, mag Israel zuversichtlich sprechen Ss 'd r* ich habe „alles". Siegreich und unaufhaltsam schreitet

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.