Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 99 (14.12.1903)
- Date
- 1903-12-14
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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2201 das Tuch ihrer Hand, und wie der Stütze bedürftig hielt sie sich an dem Tische. „Du — Du willst Kiddusch machen — und dann das Geschäft aufmachen?" stammelte sie, „willst sagen, die Kinder Israels sollen den Sabbat beobachten — und — und — das war ja, als ob Du Dich ivoütest lustig machen über unfern Herrgott. — Willst sagen, der siebente Tag ist deinem Gott geweihter Sabbat, an ihm darfst du keinerlei Arbeit verrichten — und — dann den Sabbat öffentlich entweihen?!" Sie brach in ein. grelles Lachen aus, wahrend ein Strom von Thränen ihren Augen entstürzte. Müller wechselte die Farbe, vollständig gleichgiltig hatten ihn die Vorstellungen seiner Frau nicht gelassen, absichtlich hatte er bisher den Sabbat noch nie entweiht, es ward ihm in der That nicht leicht. Aber seinmangelhaftes Gottvertrauen stellte es ihm als Pflicht dar. Unwillig schüttelte er den Kopf. „Es ist ein wahres Wort, daß die Frauen langes Haar haben, aber kurzen Verstand. Du weißt doch so gut wie ich, daß ich den Sabbat nicht aus Uebermuth entweihe. Es ist doch, weiß Gott, ungleich angenehmer, in die.Synagoge zu gehen und zü beten, und die Thora' vorlesen zu hören, dann spazieren zu gehen auf dem Iking draußen vor der Stadt, als sich da abzurackern drunten im Gewölbe mit den ungeschliffenen Menschen, die einein nicht das trockene Vrod möchten gönnen. — Aber was soll man thun?'— man muß doch leben und muß dafür sorgen, daß Frau und Kinder leben lc-nnen." ..Wir werden leben können, auch ohne daß Du d-en Sabbat entweihst," sagte sie leise, aber bestimmt, „ich bin fest überzeugt. Gott wird uns nicht verlassen." Er warf den Kopf zurück und zuckte mit den Achseln. „Du hast gut reden, Gott wird uns nicht verlassen. Hat Er uns denn, nicht schon verlassen? Wegen was hat er's zugelassen, das; der Wochenmarkt verlegt wurde? Wenn Ihm was daran liegen würde, daß wir am Sabbat das Geschäft geschlossen haben, hätte Er's vielleicht nicht machen können, daß es so geblieben wäre, wie es von jeher gewesen ist? Wenn Er zugibt, daß der Wochenmarkt auf den Sabbat verlegt wird, dann kann Er von keinem Familienvater verlangen, daß er am Sabbat das Geschäft nicht ausmachen soll. Das solltest Du bedenke« und solltest mir nicht das Herz noch schwerer mache», als es ohnedies schon ist. — Gib schon das Frühstück her —" Sie aber stand noch immer wie festgewurzelt an ihrem Platze. „Denke an unsere Kinder — wie wirst Du ihnen wieder in die Augen sehen können, wenn —" Er fuhr, sich mit der Hand über die Sirne. „Red' nicht so viel — gib schon her zu Kiddusch —" Sie entsprach schließlich seinem Verlangen.! Kaum vernehmlich murmelte er .die Worte flüsternd vor sich hin, trank dann hastig eine Tasse Kaffee, aß eine Kleinigkeit und stand auf.' „Es ist spät, ist muß hinunter — es ist die höchste Zeit—" Sie vertrat ihm den Weg und erfaßte flehend seine Hände. . „Heinrich! Heinrich! — Ich bitte Dich um Gotteswillen! — Denke an unsere Kinder!" . „Das thu' ich ja, gerade von wegen der Kinder ist es ja — halt mich nicht länger auf, Rest — ich kann's nicht ändern — es muß sein." „Es wird Dir kein Glück bringen —" „Schweig! Weißt Du nicht, daß es heißt: Oeffne Deine Lippen nicht dem Ankläger?" Er riß sich von ihr los, nicht unsanft, aber sie taumelte zurück gegen den Tisch, während er mit dem i Schlüssel in der Hand hinunter eilte, das Gefchäftslokal zu öffnen. Gleich darauf sprangen die Kinder in's Zimmer mit fröhlichem Gutenmorgen-Grüß. „Wo ist der Vater? — Ihr habt schon gefrühsiückt?"; j „Wir haben schon gefrühstückt," erwiderte FraÄ - Müller, indem sie sich bemühte, den Kindern ein hei- I tcres Gesicht zu zeigen. „Mar, Du kannst für rnich -! Kiddusch machen, hier hast Du ein Glas Milch."! In munterem Geplauder nahmen die Kinder das; wegen des Sabbats etwas reichere Frühstück ein, dann ' aber war es Zeit, sich auf den Weg zur Schule zu! machen. Frau Müller hoffte noch immer, daß ihr - Mann durch irgend einen Zufall veranlaßt werde, das j Geschäft wieder schließen, so daß die Kinder die! Verirrung des Vaters vielleicht nicht zu erfahren ’ brauchten. Sic überredete sie daher, durch die Hinterj thüre das Haus zu verlassen, angeblich, weil es schon j spät und der Weg zur Synagoge so etwas kürzer war. j Und nun war sie allein. Sie konnte sich nicht ent- * schließen, wie sonst am Sabbat in die Synagoge zu , gehen, wie konnte sie das Gotteshaus betreten, während! ihr Mann öffentlich den Sabbat entweihte? — I Wenn nur beute keine Käufer kommen würden! i Wie würde sie Gott danken, wenn ihr Mann herauf- . käme, ohne irgend ein Geschäft gemacht zu haben. . j Aber da klopfte es an die Thüre und auf ihr ein-! ladendes „Herein!" trat ein Knabe in das Zimmer, der; ihr im Namen ihres Mannes mittheilte,, daß das Ge<! schäft voll Käufer sei, sie möchte so gut sein, und! hinunter kommen. - i „Sage meinem Manne, daß ich nicht kommen' \ rvcrde." erwiderte sie in hartem, bestimmten Tone." - Der Knabe sah sie an, er glaubte sie nicht verstanden zu haben. . . , . .-7 „Was soll ich Herrn Müller sagen?" ' . . ' „Daß ich nicht hinunter komme, weil sch am Sab- | bat nicht in's Geschäft gehe." Wieder war sie allein, aber der Knabe hatte die