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Der Israelit · 1903-12-10 · Heft 98 (10.12.1903) · page 28

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 98 (10.12.1903)
Date
1903-12-10
Page
– (sequence 28)
Language
German
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gefaßt, als er mit geraubter Waare den Laden verlassen wollte." Bei diesen Morten springt der angeklagte W e t o auf und ruft mit lauter Stimme: »Herr Präsident, so wie er es sagt, ist es eine Lüge. Ich stand ruhig dabei und sah zu, wie das Eigenthum der Juden geplündert wurde. Da trat der Revierinspektor Gablonski auf mich zu und sagte: „Es ist doch eine Schande für einen christlichen Mann wie du, so unthätig dabei zu stehen, du kannst dir ja auch aus dem Geschäfte etwas mitnehmen!" Nachdem ich das auf seine Veranlassung gethan, nahm er mich fest." Rechtsanwalt Kalmanowitsch verwahrt sich dagegen, daß ein Vertheidiger der Angeklagten es hier, in diesem Saale, übernehme, die Polizei reinzuwaschen, was doch nicht seines Amtes sei. Selbst die anderen Vertheidiger der Angeklagten erklären hierbei, daß sie ihrerseits mit Romanenkos Auffassung nicht einverstanden seien. Sämmtliche Rechtsanwälte beider Parteien, mit Ausnahme von Romanenko und Borgorschew, haben gestern beschlossen, den Antrag zu stellen, der Prozeß möge unterbrochen und eine neue Voruntersuchung eingeleitet werden, damit die eigentlichen Urheber und Veranstalter der Exzesse zur Verantwortung in die Anklage einbezogen werden können. Bis zum Schluffe der gestrigen Verhandlung wurden 82 Zeugen einvernommen, während 480 noch zu verhören bleiben. Von dem bereits vielfach kompromittirten Polizeipristaw Solowkin wurde heute bekannt, daß er während der Ostertage in seinem Amislokal einigen jüdischen Familien gegen Bezahlung von fünf Rubeln für den Kopf Schuh gewährte; von einer Wöchnerin hatte er sich 10 Rubel ausbedungen, je fünf für sie und fünf für das neugeborene Kind. Am Montag Abend wollte er die Frau auf die Straße setzen, und man mußte ihm neuerdings 30 Rubel geben, damit er Mutter und Kind bis zum folgenden Tage beherberge. Es wurden die Bewohner des Hauses Nr. 33 in der Gostinajergasse, Simon Varanowitsch. Israel Rosenmann und Chawa Raschkowan nochmals vorgerufen, um über die Identität der von ihnen als Mörder bezeichneten Angeklagten auszusagen, da bezüglich des einen, Namens Kolesnitschenko, der einen Doppelgänger im Gefängnisse hat, Zweifel entstanden. Die Chawa Raschkowan war nicht mit sich im reinen, ob Kolesnitschenko oder der andere zu der Mörderbande gehörte. Varanowitsch und Rosenmann bezeichnen jedoch mit vollster Bestimmtheit Kolesnitschenko als einen der Mörder. Ein Bewohner des Hauses Nr. 36 in der Swjeischnajagasse erkannte unter den Angeklagten zwei als Teilnehmer an den Plünderungen. Der Vizepristaw Trofinow ging — wie der Zeuge aussagt — am Hause vorüber, während im Innern geplündert wurde; auf die Bitte um Gewährung von Hilfe rief er dem Zeugen zu: »Troll dich weg!" Ein Militärdetachement marschirte vorüber, that aber, als wenn es mit der ganzen Geschichte nichts zu thun habe. Der Vicepristaw im dritten Stadttheile, Namens M a k e d o n, gibt, ins Kreuzverhör genommen, nach und nach folgende Thatsachen zu Protokoll: »Am zweiten Ostertage stand ich an der Ecke der Nikolajewskaja- und Puschkingaffe nächst dem Fischmann'schen Konfektionsgeschäfte. Ich sah einen der hier sitzenden Angeklagten, Theodor, mit einer schweren Eisenstange den herabgelassenen Rollladen aufstemmen, später den Angeklagten Wero und mehrere andere Exzedenten den Laden plündern; unter diesen Leuten befand sich auch der ehemalige Wachmann Wakar, der gleichfalls ein Eisenstück in der Hand hatte. Den Theodor verhaftete ich und führte ihn auf's Kommissariat. Am Morgen dieses Tages stand ein Militärdetachement zu meiner Verfügung; es wurde aber im Laufe des Tages abberufen. Solange ich neben dem Geschäfte Fischmann's stand, fürchteten sich die Exzedenten, denn so oft sie herkamen, zerstreute ich sie. Da hörte man einen Schuß aus dem Gold- und Juwelenladen Salomon Grobdruck. Der Schuß fiel, als die Plünderer eindringen wollten. Auf die Frage, welche Instruktion er am 20. Avril von seinen Vorgesetzten erhalten hatte, gibt Maked o n an, er sei beauftragt gewesen, sich in feinem Revier zu halten, habe jedoch reine Ermächtigung zur Verhaftung von Exzedenten gehabt; den Theodor habe er nichtsdestoweniger verhaftet. Einen Studenten in hellgrauem Anzuge sah er eine Rotte kommandiren (was die Aussagen der Zeugen Fischmann und Abatzky bezüglich der Mitwirkung des Studenten Malay bestätigt). Eine große Menge christlicher Mitbürger war auf dem Platze versammelt, ich forderte sie aber nicht auf, mir bei der Zerstreuung der Exzedenten behilflich zu sein, da ich eine solche Aufforderung für erfolglos hielt. Einige aus der Menge forderte ich später dennoch hierzu auf. sie sagten aber, die Sache ginge sie nichts an. Den.. Juden befahl ich. sich in ihre Häuser zurückzuziehen. Kaum hatte Makedon seine Aussage beendet, als sich der Angeklagte Theodor erhob und mit erregter Stimme ruft: „Ich erkläre feierlichst vor den Herren Richtern, daß ich ganz unschuldig bin; dieser Herr Makedon hat mir mit eigener Hand eine Eisenstange gegeben mit den Worten: „Geh, brich jüdische Laden auf." Ein Polizeiwachmann zeigte mir. an welche Geschäfte ich mich heranmachen soll. Ms Makedon mich verhaftete. sagte er. er thue es nur zum Scheine, ich bin in vierzehn Tagen wieder entlassen. Als Beweis dafür, daß diese Verhaftung nicht ernst gemeint war, diene, daß man mich nicht, wie sonst üblich ist. zu Fuß führte, sondern in die Tramway setzte." (Allgemeine Bewegung^)- (Fortfetz, in der Montagsnummer.V Verantwortliche Redaction: Oscar Lehmann in Mainz. — Expedition des ^Israelit". SchottNratze Nr. 2. Mainz. Druck und Verlag der Joh. W irth'scheu Hosbuchdruckerei Actien-Gesellschaft in Mainz.

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