Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 98 (10.12.1903)
- Date
- 1903-12-10
- Page
- – (sequence 25)
- Language
- German
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44. Jahrgang. srts Amage 'zu M 98 dss „Is Der Kischinew, 1. Dezember. Vor Beginn der heutigen Verhandlung, um 10 Uhr Vormittags, begab sich eine Kommiffion von Mitgliedern des Gerichtshofes in Begleitung mehrerer Rechtsanwälte beider Parteien nach der Gostinaygaffe, um das Haus und die Oertlichkeiten im Hof Zu beaugenscheinigen, welcher den gemachten Aussagen zufolgeder Schauplatz der an dem Realschüler Benjamin Baranowitsch sowie an Benzion. Galanter begangenen Mordthaten war. Das Haus trägt die Nummer 33 der genannten Gaffe und ist Eigenthum des Ascher Faden. Der Lokalaugenschein ergab die vollständige Richtigkeit der Angaben der Familie Baranowitsch sowie der engeren Zeugen; diese begaben sich vor den Augen der Kommiffion an dieselben Stellen, auf den Dachboden und in andere Verstecke, von welchen aus sie in eigener Todesangst den schrecklichen Vorgängen zusahen. Zugleich ging aus der Besichtigung die Thatsache hervor, daß der Untersuchungsrichter Freyuat seinerzeit bei den vorgenommenen Messungen der in Betracht kommenden Klosetträume die Breite jeder Abtheilung um 6 Zoll kleiner annahm, wodurch sich ein mit den Aussagen der Zeugen nicht überein stimmendes Bild in den Akten ergab. Von Freynats Leitung oer Untersuchung wird ohnehin gesagt, daß er vielfach die Zeugen einschüchterte, namentlich wenn diese während der Aussagen über Mitglieder der sog. Jntelligenzkreise oder über Polizeibeamte etwas erwähnen wollten. Auch Varanowitsch erzählt, daß er. als er Freynat beim Verhöre der Polizei erwähnte, dieser ihn barsch anschrie und mit Gefängniß bedrohte. Der bereits einvernommene Zeuge Fischmann hatte bestätigt, daß Freynat einen Zeugen mit der Peitsche in der Hand ausfragte. Unter anderm konnte bei der Lokalbesichtigung der Zeuge Israel Rosenmann anschaulich zeigen, in welcher Weise er selbst mit knapper Roth dem Tode entging. Er kletterte auf einen in der Nähe befindlichen Zaun und zeigte, in welcher Stellung er sich an einem Querbalken festhielt, während seine Beine herunterhingen; da die vier Plünderer zu ihm nicht gelangen konnten, holten sie vom Nachbarhause eine dem ermordeten Tischlermeister Drachmann gehörige Säge , und wollten ihm die Füße absägen. Dem der Besichtigung Leigezogenen Polizeipristaw Solowkin zeigten sammtliche Zeugen ganz genau den Platz, auf welchem er bei den Mordthaten gestanden und wo er beim Anblick der Erschlagenen kaltblütig „Richtig!* rief, indem : er aus der Tasche eine Zigarette nahm, anzündete und - behaglich rauchte. Solowkin spielte heute eine sehr j klägliche Rolle;'er hatte bei der Voruntersuchung angej geben, er sei während der Ostertage überhaupt nicht außer Haus gewesen; dann mußte er zugestehen, daß er auf den Straßen promenirte und auch in der Nähe der Mordstätte war, er wollte siih aber der einzelnen Details nicht erinnern. Vor Gericht deponirte er, er sei in das Haus Gostinaygaffe Nr. 33 durch den Straßeneingang gelangt und von dort durch die Wohnung des Baranowitsch in den Hof; man zeigte aber heute, daß das Haus überhaupt keinen Eingang von der Straße bei der erwähnten Wohnung habe, sondern nur ein Hofthor. Bei der Wiederaufnahme der Verhandlung um 2 Uhr Nachmittags setzte Rosenmann seine Aussage fort. Nach derselben wohnten in den erwähnten Häusern des Hofes zusammen etwa 100 Personen. Am Ostersonntag wurden anfangs nur die Fensterscheiben zertrümmert. Wir verschlossen — sagte Nosemann — dann das Hauptthor, das mit schweren eisernen Riegeln versehen ist. Gegen Abend kamen die Excedenten, versuchten mit eisernen Stangen das Thor zu erbrechen, es gelang ihnen aber nicht und sie zogen ab. Wir verbrachten in großer Angst die ganze Nacht schlaflos; am Morgen erschienen die Leute wieder und versuchten abermals das Thor zu erstürmen. Ein Moldavanne aus der Rotte rief mir zu: „Höre Jude, sag' dem Galanter, daß er mir zwei Rubel gebe!" Durch eine Ritze sah ich, daß es Kirika war, ein Taglöhner bei Galanter. Ich begab mich zu meinem Hausnachbar Galanter, er gab mir für Kirika einen Rubel, welchen ich ihm, ohne das Thor zu öffnen, unten durchschoß. Als Kirika sah. daß sein Wunsch nur zur Hälfte erfüllt ward, fing er laut zu fluchen an und setzte im Verein mit seinen Genossen den Ansturm gegen das Thor fort, das jedoch bis gegen 4 Uhr abends stand hielt. Um diese Stunde überkletterte ein robuster, breitschultriger Bauer den Zaun, gelangte auf diese Weise in den Hofraum und schrie laut: „Wir werden es Euch bald zeigen, versl . . . Juden!" Dem, Bauer folgten nun nacheinander mit Eisenstangen bewaffnete Leute in den Hof. Als wir die blutrünstige Schaar eindringen sahen, glaubten wir, uns an entlegenen Orten verstecken zu können, da wir annahmen, daß sie nach der Plünderung unserer Wohnungen abziehen würden; außer dem erwähnten Kirika war auch ein bei Galanter beschäftigt gewesener Lohnarbeiter unter den Mördern; beide hatten auch viele Jahre bei Galanter Beschäftigung und ausreichenden Verdienst. Als spater Galanter mit seinen Mördern rang, hörte ich ihn in der R I