Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 97 (7.12.1903)
- Date
- 1903-12-07
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2449890-2449979--59604-2523861- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
*2153 Berlin, 30. Nov. Im Sommer d. I. wurde gemeldet. daß der Stadt Berlin für Krankenhauszwecke von einem Rentier, der in Bad-Nauheim gestorben war, eine Million Mark vermacht worden sei, die Verwandten des Erblassers jedoch das Testament angefcchten hätten. Es handelte sich um einen Rentier Priester, der in Nauheim zur Kur weilte, seinen Wohnsitz im Osten Charlottenburgs hatte und - früher ' in Berlin ein Geschäft betrieb. Das Testament ist nun thatsächlich als ungültig erklärt worden, da der Erblasser es versäumt hatte, seinen letzten Willen vor einem Richter oder Notar zu bestimmen, und sein mit der Schreibmaschine geschriebenes Testament an Gerichtsstelle lediglich zur Aufbewahrung übergeben worden" war. In diesem Falle-mußte das Testament handschriftlich hergestellt sein, wenn es giltig sein sollte. Der Rentier Hatte bestimmt, daß von seinem 12 Millionen betragenden Nachlaß seine Frau die Hälfte erben und an die Stadt Berlin für Krankenhauszwecke, sowie an das jüdische Krankenhaus in Berlin je eine Million Mark gezahlt werden sollten; da die Ehe kinderlos war, sollten die Kinder der Geschwister des Verstorbenen den Nest des Vermögens erhalten, sobald sie großjährig sein würden. Vis dahin sollte ihren Eltern der Nießbrauch an dem betreffenden Theile des Vermögens zustehen. Der schon erwähnte Formfehler veraulaßte die Geschwister des Rentiers, Einspruch zu erheben, und hat nunmehr die Kassierung des Testaments zur Folge gehabt. Nach den gesetzlichen Bestimmungen wurde der Gattin des Testators, sowie seinen Geschwistern die Hälfte des Nachlasses, je 6 Millionen Mark zngesvrochen. Die Wittwe hat bereits erklärt, sie werde den Willen ihres Gatten dadurch ehren, daß sie selbst die Hälfte der auf die Legate entfallenden Summen zur Auszahlung bringen werde. Oesterreich. Wien. (Die Waisenkinder von Kisch i n e w.) Bor kurzem erregte ein Zug von dreißig Judenkindern in den Straßen Wiens einiges Aufsehen. Die Kinder wurden, wie wir vor einigen Tagen nach der Zeitschrift ..Die Zeit" berichteten, als „Waisenkinder nach den bei den Kischinewer Krawallen erschlagenen Juden" ausgegeben, die nun nach Palästina gebracht werden sollen, um dort für die Landwirthschaft Nachwuchs zu liefern. „Die Welt" schrieb dazu: . . . Bei dieser Sachlage war es dem innerösterreichischen Distriktskomitee zu verzeihen, wenn es an die Wiener israelitische Kultusgerneinde und die israelitische Allianz in Wien mit höflichem Ersuchen herantrat, in Ausübung jüdischer Gastfreundschaft zu den Kosten des hiesigen Aufenthaltes der Kischinewer Waisen beizu- Iragcn. Der Erfolg war verblüffend. Herr Dr. Alfred Stern, der erste Vizepräsident' der Gemeinde, empfing in Vertretung des erkrankten Präsidenten, Herrn Klinger, eine zionistische Deputation mit den schroffen Worten: „Das Ganze sei ein Schwindel! Die meisten Kinder seien — seiner Information nach weder Waisen, noch aus Kischinew. Die Kischinewer Gemeinde, der Rabbiner, die angesehensten Bürger, selbst Zionisten, seien gegen diesen Kinderkreuzzug durch. ganz Europa, der zu bloßen Demonstrationszwecken ausgenützt werde. Die Mütter der Waisen seien nur durch große Versprechungen „Übermacht" worden und w-eder die Gemeinde, noch die Allianz geben für diese häßliche Sache einen Heller." Die Herren Zionisten, ließen aber noch nicht Ruhe; sie sendeten ein mit dem Leiter der Expedition aufgenommenes Protokoll an die Gemeinde, in dem allerdings bereits zugegeben wurde, daß es Waisen „gerade durch das Massakre ihrer Eltern beraubt oder — von früher her verwaist.— seien. Mit diesem Protokolle kreuzte sich die offizielle Antwort der Gemeinde, sie sei in Folge authentischer Information nicht in der Lage, einen Beitrag zu leisten. Die Gemeinde blieb auch bei ihrem Beschlüsse. - Die „Welt" ist scheinbar von Herrn Kruschewan hinter's Licht geführt worden. Schweiz. Zürich, im Kislew. Der Vortrags-Cyklus in unserem Talmud-Thora-Verein wurde am Sonntag, den 20. Nov., durch einen ausgezeichneten Vortrog des Herrn S. S ch a ch n o w i tz aus Endingen über das Thema: „Wesen und Entwicklung der jüdischen Wohl-, thätigkeit", eingeleitet. Der unserem Vereine bereits löblich bekannte Vortragende löste auch dieses Mal seine Aufgabe in glänzender Weise. Von den Humanitären Bestrebungen der ersten Kulturmenschen ausgehend, kennzeichnete er das Wesen der jüdischen Wohlthätigkeit, die sich von den ersteren dadurch auszeichnete, indem sie nicht allein auf dem Selbsterhaltungstriebe der Rasse, sondern vorzugsweise auf der durch den Monotheismus bedingten Brüderlichkeit beruhte. Die Armenunterstützung der Thora, die das Volk während dreizehn Jahrunderten (bis zur Zerstörung des zweiten Tempels) praktisch übte, ist eine. Art von Lösung des sozialen Problems, wie ihr noch kein Kulturstaat bis jetzt nur nahe gekommen. Nun ließ der Redner in lebenden Bildern die philantropischen Organisationen im Alterthume und in den verschiedenen Epochen des Mittelalters an uns vorüberziehen, um sodann seine Betrachtungen über den Stand der jüdischen Wohlthätigkeit in der Gegenwart zu machen. ' . Nach Schluß des mit großem Beifalle , aufgenommenen Vortrages ergriff Herr Dr. Feinberg, Präsident des Vereins, das Wort, um dem Vortragenden den Dank der Versammlung auszusprechen und zugleich auch anläßlich seines Scheidens aus unserer Stadt dem Vereine ein Lebewohl zuzurufen. Der