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Der Israelit · 1903-11-26 · Heft 94 (26.11.1903) · page 26

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 94 (26.11.1903)
Date
1903-11-26
Page
– (sequence 26)
Language
German
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' - . ' ■ ■ 2u88 »Ja, Alfred, ich erinnere mich, die Heirath erregte damals großes Aufsehen, man bedauerte die alten? Eltern sehr..." j ^Weißt Du, Helene, mir kommt die Geschichte! sonderbar vor! Wie eigenthümlich der Mensch dort | sitzt, gar nicht frisch, elastisch, wie ein junger Mensch j seines Alters. Er thut mir faktisch leid; ich werde ihn > anreden!" Wie wenn der Andere diese Absicht errathen hatte, blickte ex abermals herüber — flüchtig und ohne eine Spur von Wiedersehensfreude. „Aber Adolf," rief nun Alfred Neuburg, halb belustigt, halb ärgerlich. Jetzt endlich erhob sich jener, aber langsam, ruckweise, und als Alfred auf ihn zueilte, blickte er mit Schrecken in das magere, abgezehrte Gesicht des Freundes. Er wagte keine Frage, winkte Helene und führte sie dem Freunde zu. „Meine Frau, lieber Adolf; wir sind zu Besuch bei Helenen's Eltern!" „Sehr angenehm! Sie erlauben, daß ich mich! setze, ich bin etwas leidend."! Und er ließ sich langsam auf seinem Sitze nieder. „Und wo ist Deine Frau? Hast Du sie nicht mitgebracht?" fragte der junge Ehemann verwundere. Aber er bereute im selben Moment diese Worte, denn eine sonderbare Veränderung ging bei dieser Frage mit dem Freunde vor. Eine Verlegenheit, die diesem eine glühende Röthe bis in die blassen Schläfen trieb, hatte sich seiner bemächtigt. „Was ist Dir?" rief der junge Neuburg ängstlich. „Verzeih, wenn ich an etwas rührte ..." Er legte den Arm um die Schultern des andern, aus dessen Gesicht die Röthe sich langsam verflüchteie. „Ich habe Dir gar nichts zu verzeihen, Alfred, Deine Frage war nur natürlich. Wo meine gewesene Frau ist — denn ich habe keine Frau mehr, wir sind längst geschieden — das weiß ich nicht; es hat auch nicht das geringste Interesse für mich. Ich habe sie damals, vom äußeren Scheine geblendet, ohne das Einverständniß, ja gegen den Willen meiner guten Eltern geheirathet. Das hat sich bitter an mir gerächt. Sie war so schön; ich glaubte, auch ihr Inneres sei dem Aeußern ebenbürtig. Ich wollte sie bilden, erziehen, j allmählich zu unserem Glauben herüberziehen und . . und dachte, damit die Eltern zu versöhnen. Aber ich habe dabei die gänzlich verschiedenartige Erziehung wohl nicht in's Auge gefaßt. Es ist gerade, als wenn . man zwei Pflanzen aus verschiedenem Erdreich, anderen Luft- und Lichtverhältnissen, zusammen verpflanzen will. Das thut niemals gut. Sie sterben dann ab, die eine oder die andere. Wir paßten ganz und gar nicht zueinander. Sie hatte keinen Sinn für die Häuslichkeit, auch wohl keine rechte Liebe für mich, und ich mußte einst mitanhören, wie sie einer Freundin gegenüber äußerte, sie hätte natürlich lieber, wenn sich ihr die Gelegenheit geboten, einen Christen in guten Verhältnissen geheirathet. Das saß wie ein Stachel und bohrte, bohrte ... Dann kamen ihre Verwandten und thaten das ihrige ... Und eines Tages bei einem kleinen Zerwürfnisse flog es mir entgegen, das Wort, das mir Ehrenmann nun einen Schimpf anthun sollte .. . „Jude!" Wie Hab' ich damals gewüthet gegen sie und gegen mich in ohnmächtigem Zorn. Ich verachtete, ich haßte sie von dieser Stunde an; wir trennten uns für immer, sie leichten Herzens, ich mit bitterer Reue im Herzen." Er fuhr mit der Hand über die Augen, wie um ein schreckensvolles Bild zu verwischen. Helene Neuburg hatte mitleidig die Hand des Bedauernswerihen erfaßt und drückte sie herzlich. „Sie Armer," sagte sie traurig. „Sie haben gefehlt, aber auch schwer gebüßt." „Ja, ich habe Schweres erfahren durch eigene Schuld," erwiderte er, „aber ein Licht strahlte mir dann doch: meine guten Eltern haben mir verziehen! Wir leben wieder zusammen, einer nur für den andern, und ich hoffe, sie allmählich den Kummer vergessen zu machen, den ich ihnen angeihan." Plötzlich erhob er sich. „Ich muß nun gehen! Meine Mutier wird schon unruhig sein. Sie iss so besorgt um mich, die Gute!" Er schüttelte ihnen die Hand und sie mußten ihm versprechen, ihn und die Eltern aufzusuchen. Sie sahen ihm dann nach, wie er langsam, in greisenhafter, aber ergebener Haltung durch die rasch hereinbrechendc Dämmerung über die mit abgestorbenem Laub bedeckten Wege heimkebrte. Sehnsucht nach Decusalem. Du blübend holde Lust der Welt, du stolze Königsfeste! Zu dir sehnt meine Seele sich. zu dir aus fernem Weste. Gedenkt mein Herz der alten Zeit. so stöhnt's in bangen Klagen, Daß deine Pracht und Herrlichkeit zertrümmert und zerschlagen. Ach könnt ich wie der Adler frei zu dir den Flug doch lenken! Wie wollt' ich deinen heißen Staub mit meinen Thränen tranken, lind fänd' ich auch die Stätte wüst* der stolzen Königsthrone; Und fänd' ich auch statt Balsamdust den Hauch der Skorpionen; Ach. jedes Steinchen wollt' ich doch mit heißer Inbrunst küssen. Und jede Scholle fällte mir das alte Leid versüßen. Krakau. Josef Gronner.

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