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Der Israelit · 1903-09-29 · Heft 77-78 (29.9.1903) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 77-78 (29.9.1903)
Date
1903-09-29
Page
– (sequence 2)
Language
German
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~;*•. ’.f: -- Dankbarkeit. (Noch vor Jom Kkpur zu lefrn.) Ein gewisser N. hatte seinen besten väterlichen Freund, dem er alles verdankte, schwer gekränkt, und mit Recht zürnte der edle Mann dem Undankbaren. Da kam ein Tag, an welchem sich N. dem Ruine nahe fand; sein Vermögen, seine Ehre, ja sein und seiner Familie Leben stand auf dem Spiele." Einer nur hätte ihn betten können, das war der von ihm so schnöde behandelte einstige Freund. Schweren Herzens begab sich N. zu demjenigen, der ihm einst so nahe gestanden, bange zweifelnd, ob er empfangen werden würde, und es war ihm plötzlich klar, wie verwerflich er gehandelt. In diesem Augenblicke bereute er.. Er wurde vorgelassen und trug seine Bitte vor. Er flehte und weinte, schilderte seinen ganzen Jammer und beschönigte auch nicht seinen verwerflichen Undank. Der väterliche Freund, der den Reuigen zerknirscht sah — er war die Güte selbst — öffnete seine Arme und sprach: „Beruhige Dich, ich will Dich retten!" .„Versprichst Du es mir, ich weist. Du brichst Dein Wort niemals?" „Ja, ich verspreche es Dir." „So, nun habe ich Dein Wort, adieu, ich brauche Dich nicht mehr," und mit diesen Worten ftürmte er zur Thüre hinaus. - Welche furchtbare Rohheit, welche Verworfenheit, welcher Undank! Nicht wahr, lieber Leser und liebe Leserin? Hast Du noch niemals solch rohe Gesellen, gesehen? Sieh' Dich um im -Gotteshause. Vierund- . zwanzig, fünfundzwanzig Stunden haben sie gefastet, haben den ganzen Tag vor ihrem Schöpfer gestanden/ den sie so oft im Jahre erzürnt haben. Und Er, der Allerbarmer. Er hat in Seiner himmlischen Gnade verziehen. Da tönt der Schofarruf, der Jomkippur ist zu Ende. Da stürmen sie hinaus aus d'em Gotteshause, die einen, nur rasch nach Hause zu Speise und Trank, der Jomkippur ist ja aus. Gott sei Dank, dag wir wieder etwas zu. essen bekommen; wer wird jetzt noch einmal Maariv beten, nachdem man den ganzen Tag gebetet hat. Andere stürmen auch hinaus, aber kommen zurück mit ihrer Garderobe, und während ihre Lippen mit Blitzzugsgeschwindigkeit das Maariv-Gebet herunterleiern,-kleiden sie sich aus und an, ziehen ihre Schuhe aus und an, legen ihre Talis, ihre Sterbe- .kleider zusammen, ohne die Mahnung zu beachten, die gerade diese Sterbekleider uns lehren sollten. Und dies alles, um nach 2k>stündigem Fasten vielleicht fünf Minuten früher nach Hause zum Essen zu kommen.. Ob Jomkippur früh oder spät vorüber ist, immer dieselbe Erscheinung. Lieber Leser, liebe Leserin. Erröthest Du nicht ob solcher — Rohheit? Was würdest Du sagen, wenn ein Nichtjude nach Ausgang unseres heiligsten Tages, Zeuge solch' unwürdiger Szenen wäre? Würde Dir nicht Schamröthe in's Gesicht steigen? Welch' roher Gesell würde sich einem Menschen gegenüber so benehmen, und nun bedenke, es ist Gott, den wir eben noch siebenmal als den Allerbarmer und als den Richter verkündet, Gott ist es, dem gegenüber sich Religionsgenossen so unwürdig benehmen. Wie können wir auf Verzeihung hoffen, wenn wir das neue Leben sofort mit einem unerhörten Frevel beginnen? Man bedenke doch, es handelt sich um wenige Minuten. Wäre Jomkippur eine halbe Stunde später zu Ende, so würde man ruhig warten; aber nach dem Schofartone noch zu warten, das bringen so Viele nicht fertig. Zum Glück ist es oft nur Gedankenlosigkeit, die ein solches Betragen veranlaßt, ein Betragen, das — davon bin ich überzeugt — Niemand rechtfertigen wird. Darum, lieber Leser, liebe Leserin, ermahne Deinen Nachbar, Deine Nachbarin, das neue Jahr nicht mit einer schweren Sünde zu beginnen, und in den wenigen Minuten noch einmal die Gedanken Zu sammeln und das Abendgebet so zu beten, als ob noch Jomkippur wäre. Dein Nachbar wird auch Dich hören, es ist ja die Scheidestunde des herrlichsten Tages, sein Gemüth ist weich, sein Ohr empfänglich. ' Und Euch allen, die Ihr beitragt zum Guten, gebe Gott in Seiner unendlichen Gnade ein glückseliges, freudvolles Jahr. ÄtlNTI NAv nzwb ZeriANgSnsch^chLsn uns Sorrefpsuderrzev. Deutschland. Berlin, im Sept. Ueber die Behandlung religiöser Gegenstände in Schulen, die von Kindern verschiedener Konfessionen besucht werden, hat der preußische Kultusminister aus Anlaß eines Spezialfalles an die .Bezirksregierungen und Provinzialschulkollegien eine Verfügung gerichtet, in der es heißt: Auch ich bedauere, daß dort die konfessionelle Minderheit über einen Mangel an Schonung des religiösen Gefühles zu klagen Veranlassung hat. Legen an und für sich das Gebot der Duldsamkeit und das staatliche Interesse an einem friedlichen Zusammenleben, der Angehörigen verschiedener Konfessionen'jeder Schule dse Pflicht auf, im Unterricht alles zu vermeiden, was die Gegensätze erweitert und alles zu pflegen, was das unbefangene Zusaminenleben zu fördern geeignet ist, so muß die Rücksichtnahme auf den Standpunkt anderer .Glaubensgemeinschaften besonders da beachtet werden, wo Kinder verschiedener Konfessionen den Unterricht gemeinsam empfangen. Es gilt dies nicht nur für paritätische Schulen, sondern ebenso für Konfesskonsschulen, in denen sich eine, wenn auch kleine Minderheit von Kindern anderer Konfessionen befindet. Soweit die Behandlung der Unter-

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