Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 75-76 (21.9.1903)
- Date
- 1903-09-21
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Buches „Orchos Chajim" vor, die so leicht und einfach gefaßt sind, daß sie jedes Schulkind ohne jegliche Anleitung lesen und verstehen konnte. Und dennoch hatten in Wien und jetzt in Prag die ersten Gelehrten sich in frühem Morgengrauen eingefunden, um von den Lippen des Meisters „die Wege des Lebens" kennen zu lernen. Arbeiter im Arbeitskittel, Hausirer, Geldmänner, alle hingen sie zu bieder ungewöhnlichen Stunde, Morgen für Morgen, an dem Munde des Führers der Gemeinde. Jeder Blick, jede Geberde der aufmerksamen Zuhörermenge drückte das Verlangen aus, welches der Talmud in die Worte kleidet: „Lehre uns Meister, die Wege des Lebens, damit wir durch sie des künftigen Lebens gewürdigt werden!" Was diesen Vorträgen jedoch ihren eigentlichen Reiz gab und alle Kreise so mächtig anzog, war die Thatsache, daß der Vortragende Meister die verkörperte Verwirklichung der Lehren darstellte, die sein beredter Mund vortrug. Der Kampf gegen Sinnlichkeit und Leidenschaft, zu dem hier in begeisterter und begeisternder Weise aufgefordert wurde, war von dem Redner selber längst siegreich ausgekämpft. Der Seelenfrieden, der Adel der Gesinnung, die Höhe des Geistes und die Tiefe des Gemütbs leuchteten noch nachhaltiger aus dem Leben, als aus den Worten des Meisters. Es gab hier keinen Zwiespalt zwischen Leben und Lehre. Das hohe Ideal, zu welchem die Worte des Redners anregten, stand in Fleisch und Blut verwirklicht vor den Zuhörern da. Sie standen vor einem Lehrer, besten Wistenschaft von der wackeren That des Lebens noch überstrahlt wurde, dessen flammende Begeisterung für alles Edle und Wahre nichts Unlauteres und Gemeines in den Herzen seiner Hörer aufkommen ließ, der daher alle frei und leicht und freudig für die Richtung zu Gott und der von ihm gebotenen Lebenspflicht zu gewinnen verstand. Als Pardubitzer eben in den Kreis der andächtig lauschenden Zuhörer trat, fiel ihm der Abschied von dem leuchtenden Mittelpunkt dieses Kreises doppelt schwer auf die Seele. Daß die Wiener Gemeinde einen solchen Mann hatte verlieren müssen, erfüllte ihn mit größerer Bitterkeit, als ie zuvor in diesem Augenblick, indem er sich von dem Rabbi verabschieden und er für die heimische Gemeinde die letzten Grüße und Segenswünsche ihres treuen Hirten entgegen nehmen wollte. * Rabbi Lipman hielt, als Pardubitzer eintrat, gerade an dem 29. Satze des . „Lebensweges", welcher lautet: „Mache dich von der gebrechlichen Rohrstütze .frei, welche das Stützen auf Menschen bedeutet, führe .deinen Wandel mit deinem Schöpfer in verborgener -Zurückgezoaenbeit, sehe deine: Hoffnung, nicht Gold, 'denn das" ist' oer "Anfang jedes' Götzendienstes' streu freigebig dein Geld, und wo es der Erfüllung Seines Willens gilt, denn Er hat die Mittel, deine Einbuße zu ersehen und den Bedarf deiner Hausleute zu gewähren." Und mit diesem Manne sollte er von Geld reden! Ihn sollte er zu Gunsten Beck's für eine Steuererleichterung zu gewinnen suchen. So grade und glatt Beck ihm auch alles plausibel gemacht hatte, vor dem Angesicht seines Lehrers, dieses lauteren, goldreinen Charakters, fühlte er, daß es doch ein Unrecht war, dem er seinen Beistand zu leihen im Begriff stand! Er hätte in diesem Augenblicke eine große Summe darum gegeben, wenn er sein Beck gegebenes Versprechen unge- ' schehen machen könnte. Der bloße Gedanke daran . machte ihn so verwirrt, daß er ihm die Andacht zum : Morgengebete störte und er ganz verdutzt dreinschaute, als nach Beendigung derselben ihn Rabbi Lipman mit der gewohnten Leutseligkeit aufforderte, ihn nach Hause zu begleiten, um dasselbst das Frühstück mit der Familie einzunehmen. ' Rabbi Koppel Pardubitzer wurde von der ganzen ' Familie sehnsüchtig erwartet. Es war ihnen, als ob mit dem Abschied von ihm der letzte Faden risse, der sie mit der heißgeliebten Stätte ihrers bisherigen Aufenthaltes verband. Wohl hatten sie in Wien viele gute Freunde zurückgelassen, war doch die älteste Tochter Rahel dort verheirathet, aber in dieser Abschiedsstunde glaubten alle, es stünde ihnen unter allen Wiener Freunden und Gönnern keiner so nahe, als Rabbi Koppel Pardubitzer. - „Wollt Ihr wirklich heute schon zurnckreisen?" fragte Rabbi Lipman. „Wo denkst Du hin." entgegnete statt des Angeredeten die Rabbinerin. „Reb Koppel hat uns ja selber gesagt, daß er hier noch wichtige Geschäfte zu erledigen habe; ist's nicht so?" „Wohl habe ich das Euch gesagt, aber inzwischen habe ich meine Geschäfte alle besorgt. Ich habe die. Nacht mit Herrn Beck durchgearbeitet und düs Dringlichste erledigt, daß ich heute Morgen um 10 Uhr nach Wien zurückfahren kann." Da die gastliche Wirtbin einsah, daß sie den lieben Gast nicht länaer zurückhalten konnte, drängte sie zum Frühstück, verließ aber bald darauf das Zimmer, um in. der Eile dem Scheidenden seine Wegzehrung zuzubereiten. Einen Augenblick saßen die beiden Männer in schweigendem Ernst einander gegenüber. Jeder voir ihnen setzte das ernste Schweigen des andern auf Rech-»' nung des bevorstehenden Abschieds. Und dock hing jeder seinen eigenen Gedanken nach. Pardubiker zer-- marterte sein Gehirn nach einer passenden Einkleidung für seinen heiklen Auftrag und den Rabbiner hätte eH eiqenthllmlich.berührt, daß der Name Beck's jbm heute schon.wieder genannt^wurde, wodurch ^er ay'die gestrig gen'Erlebnisse," die er so gern vergessen wollte, auf's neue erinnert wurde. - .