Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 74 (17.9.1903)
- Date
- 1903-09-17
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1636 „Die Gefahren, welche das gesetzestreue Judenthum in Baden bedrohen, nehmen tagtäglich zu. Schon längst mußten die Verhältnisse, die sich hier im Laufe der letzten Jahrzehnten herausgebildet haben, jedem, dem das Wohl und Wehe der jüdischen Gesammtheit am Herzen liegt, mit ernsten Besorgnissen für die Zukunft erfüllen. Auf dem Lande schwindet der jüdische Geist immer mehr, besonders in Folge mangelnder Kenntniß der Lehren des Judenthums. Nicht besser sieht es in den Städten aus. Während in fast allen Theilen Deutschlands selbst die eifrigsten Vertreter der sogenannten „Reform" nunmehr zu der Einsicht gelangt sind, daß in den Anhängern des konservativen Judenthums die jüdischen Gemeinden ihren integrirenden Bestandtheil zu erblicken haben, den nicht nur zu dulden, sondern zu fördern die vornehmste Ausgabe der Gemeindeleitung sein müsse, ist in Baden von einer solchen Entwicklung nichts zu spüren. Hier werden die dem praktischen Judenthum Treugebliebenen geflissentlich in den Hintergrund gedrängt, und darauf ist es wohl zurückzuführen. daß im Gemeindeleben völlige Stagnation herrscht, daß die Lebensthätigkeit der jüdischen Religionsgemeinschaft sich eigentlich nur noch in dem Funktioniren eines allerdings wohlgeordneten Verwaltungsapparates äußert. Der an der Spitze desselben stehende Oberrath der Israeliten hat sich bisher außer Stande gezeigt, den Schäden abzuhelfen und triebkräftiges, religiöses Leben in den Kreisen der badischen Judenheit zu wecken. Von einer wohwvuruvcrr Regierung zur Kräftigung und gedeihlichen Entfaltung des Judenthums eingesetzt, kann jene Behörde, wie gesagt, unstreitig das .Lob für sich in Anspruch nehmen, die äußeren Verhältnisse der badischen Judenheit in mustergiltiger Weise geregelt zu haben. Indessen hat diese organisatorische Thätigkeit anscheinend ein Moment in den Hintergrund treten lassen, welches in erster Linie geeignet ist, ein religiöses Gemeinwesen lebensfähig zu erhalten, das ist das Gefühl der Verantwortlichkeit der Einzelnen für das religiöse Wohl der Gesammtheit. Nur durch Nichtbeachtung dieses wichtigen Prinzips läßt sich ein Schritt erklären, den der Oberrath — unter Mitwirkung badischer Konferenzrabbiner — dem Vernehmen nach zu thun beabsichtigt, und der am besten zeigt, wie leicht eine Behörde die Schranken überschreitet. die ihrem Wirken in der Rücksicht auf das religiöse Gelvissen auch der verschwindendsten Minderheit gesteckt sein sollten. Es handelt sich nämlich um den Entwurf eines neuen Gebetbuches, welcher demnächst der Synode zur Beschlußfassung vorgelegt werden soll. Der Oberrath hat zwar aus unbekannten Gründen es für gut befunden, dieses Werk der Oeffentlichkeit vorzuenthalten, bis es der Synode unterbreitet ist. Indessen genügen die bekannt gewordenen Grundtendenzen des Entwurfs, um zu zeigen, von welchem Geiste dieses Gebetbuch getragen ist. Der jüdische Charakter der altehrwürdigen Tephilla soll beseitigt, die uralten Gebete sollen nach subjektiven Anschauungen „verbessert" werden. Daß damit, von allen religionsgesetzlichen Bedenken abgesehen, das Prinzip altgeheiligter Autorität im Judenthum in gröbster Weise verletzt, und ein sturmerprobtes Bollwerk gegenüber den auflösenden Mächten der Gegenwart zerstört wird, scheinen die Verfasser jenes Entwurfes nicht bedacht zu haben. - * Und dieses Gebetbuch will man, wie jetzt verlautet, auch in den Schulen einführen. Die Jugend soll also nicht einmal mehr aus der Tephilla den Geist des unverfälschten Judenthums kennen lernen, für welches unsere Väter gekämpft und gelitten, für welches sie ihr Herzblut hingegeben haben. Man will offenbar eine Generation heranziehen, die ganz von dem Geiste des modernen Reformjudenthums erfüllt ist, desselben Reformjudenthums, dessen Unfähigkeit zu positivem Schaffen die letzten Jahrzehnte auf's Klarste dargethun haben. Wohin dieser Geist führt, das zeigt die erschreckend hohe Zahl der Taufen in den größeren Gemeinden. das zeigt ferner der krasse, religiöse Jndifferentismus. der allenthalben zu beobachten ist, wo die „Reform" ihre Triumphe feiert. Aber selbst wenn der Oberrath unter dem Drucke der öffentlichen Meinung von der Einführung des neuen Gebetbuches in den Schulen abkommen sollte, wiirde schon die Benützung desselben in den Synagogen einen schweren Gewissenszwang für die gesetzestreuen Minderheiten bedeuten, dem mit allen Kräften entgegengearbeitet werden muß. Es ist hohe Zeit, daß die Gesetzestreuen im Lande sich zusammenschließen und nicht allein gegen dieses Projekt, sondern gegen den ganzen Geist Front machen, aus dem heraus der Gedanke dieses modernen Gebetbuches geboren ist. Wir vertreten im wahrsten Sinne die Interessen der jüdischen Gesammtheit, wenn wir eine Zusammenfassung und Kräftigung der allüberall im Lande zer^ streuten, konservativen Elemente anstreben, auf daß alles, was an religiöser Begeisterung und religiösem Ernst in diesen Kreisen vorhanden ist. der Gesammtheit unserer Glaubensgenossen in unserem engeren Vaterlande zu Gute kommen möge. Auf Grund dieser Erwägungen sind die Unterzeichneten zusammengetreten, um einen „Verein zur Wahrung der Interessen des gesetzestreuen Judenthums in Baden" in's Leben zu rufen. Der Verein soll den Zweck haben, den Einfluß des konservativen Judenthuws in Baden zu stärken, für Wiederbelebung und Verbreitung religiösen Wissens Sorge zu tragen und die Anhänglichkeit und Liebe zum alten Glauben der Väter wiederzuerwecken.