Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 73 (14.9.1903)
- Date
- 1903-09-14
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1621 Waschgefäß darreichte, damit ich mich dem allgemeinen Brauche gemäß zuerst wasche, trat der Marschalik cn uns heran und sagte: „Seid mauchel, meine Herren, aber ich glaube, daß nicht der Herr Oberrabbiner sich zuerst waschen muß, sondern ich." Der Schalk hatte damit sofort alle Lacher auf seiner Seite und in erster Reihe mich selber. Nur der Roschhakohol wies ihn barsch zurück und meinte, das Geschäft des Marschalik beginne erst, wenn mau bereits zu Tische sitze, aber jetzt seien seine Späffe noch verfrüht. Dieser ließ sich aber nicht irre machen und behauptete. er könne leicht den Beweis für seine Priorität beim Händewaschen erbringen. „Wenn Ihr das könnt," erwiderte ich dem Marschalik, „dann erlaube ich Euch nicht nur Euch zuerst zu waschen, sondern ich bitte Euch darum." ' „Ihr habi's gehört, Rabbautzai" fuhr der Marschalik fort, „Seine Hochwürden erlaubt" nicht nur, er verlangt sogar, daß ich mich zuerst wasche, wenn mein Beweis richtig ist. Nun hört zu! Bin ich ein größerer Gc.'chrier als Ihr, so ist's doch gar k^ine Frage, daß ich mich zuerst waschen muß. Seid aber Ihr an Gelehrsamkeit größer als ich, so tritt hier ja die Regel ein: En meffarbin Lagadol, daß man einem Größeren gegenüber sich nicht zieren und ihm nicht widersprechen darf, und Ihr verlangt ja. daß ich den Vorrang haben soll, wenn mein Beweis richtig ist." Auf diese Ausführungen folgte nun wiederum ein Ausbruch cü'gemeiner Heiterkeit. Ich ging ganz auf den Gedankengang meines Partners ein und bemerkte, daß nach diesem scharfsinnigen Beweise gar lein Zweifel sein könne, daß der Marschalik ein größerer Gelehrter icl, als ich. Nun entscheidet aber Nosch und der gegenwärtige Rabbiner von Krakau, Rabbi Joi'-l Sicks, stimmt ihm bei, daß gerade der Größere sich zuletzt waschen müsse, weil c' sonst am längsten mit dem Beginn der Mahlzeit warten müsse, bis sich alle anderen gewa'.ch-'n haben. Das entspricht aber nicht der Ebre, die man e-uem großen Manne schuldet. Deßhalb werde ick, mich zuerst waschen und Ihr wascht Euch zu allerletzt, wie es einem großen Manne Euren Schlages zukommt: und so geschah es auch." ,.Ja, ganz recht," bemerkte die Rabbinerin, „so etwa hat man mir auch den Vorgang erzählt; da ist doch nichts dabei, was Dich verstimmen könnte?" „Nein, dabei nicht," bestätigte Rabbi Lipman. »ein anderes ist es. was mich beschäftigt. Als ich mich bereits gewaschen hatte und eben im Begriff war. mich auf meinen Platz an der Festtafel zu begeben, kommt mir unser alter, früherer Hausfreund Raphael Beck in den Weg und streift mich im Vorbeigehen mit der Hand am kleinen Finger in kaum merklicher Weise. Da Raphael Beck noch nicht gewaschen war, so mußte ick» mich in Folge dieser Berührung noch einmal waschen, was mir nach dem ganzen Vorgang doppelt peinlich war. Aber dieser Umstand ist es nicht, der mich verstimmt, sondern das ganze Vorkornmniß an und für sich ist es. Beck ist ein gelernter Mann, er weiß ganz gut, daß ich mich in Folge seiner Berührung noch einmal waschen muß. Wäre er. ein weniger guter Freund von uns gewesen, ich hätte eine Niedertracht der schlimmsten Art hinter der ganzen Geschichte vermuthet. Man möchte nicht mein Wissen, nicht meine Schlagfertigkeit in der Diskussion, man möchte meinen Charakter und meine Frömmigkeit auch erst auf die Probe stellen.. Wie wäre es — sage ich mir — wenn man die ganze Szene mit dem Marschalik von langer Hand vorbereitet batte, um so zunächst die Aufmerksamkeit Aller auf mein Händewaschen zu lenken, mich dann nachher ganz unmerklich berührte, um dann, wenn ich nicht der religiösen Vorschrift gemäß, meine Hände zum zweiten Male wasche, meine religiöse Gewissenhaftigkeit zu diskreditiren!" „Lieber Mann, Du siehst Gespenster unter dem aufregenden Einfluß des heutigen Tages, sonst könntest Du unseren treu bewährten Freund Raphael nicht mit solch' schwerer Anklage in Verbindung bringen. Gönne Dir jetzt die nöthige Ruhe nach den ungewöhnlichen Anstrengungen der jüngsten Tage; Du wirst morgen sicherlich anders darüber denken." Der Rabbi hatte diese besänftigenden Worte nur mit halbem Ohr angehört. Er sah in Nachdenken versunken auf einen und denselben Punkt des Tisches und fuhr wie im Selbstgespräch fort: „Daun sah ich im Laufe des Abends Raphael an dem Marschalik Vorbeigehen, ihm mit der Hand auf die Schulter schlagen und einige Worte sprechen, die ich aber nicht hören konnte. Nach dem Mienenspiel der Beiden, nach meiner Auffassung der ganzen Sachlage, hätten die wenigen Worte lauten können: „Habt Eure Sache gut gemacht, werde mich dafür erkenntlich zeigen", oder so eitoas ähnliches. Was hältst Du davon?" „Was ich davon halte, habe ich Dir bereits gesagt. Deine Aufregung gaukelt Dir Phantome vor. die nach einigen Stunden gesunden Schlafes von selbst zerfließen. Du wirst morgen früh Dir selber sagen, wie unrecht es ist, einen Mann von der innigen Freundschaft Beck's auch nur im entferntesten einer solchen Intrigue fähig zu halten. Warum sollte man Dich so bloßstellen wollen?" „Das weiß ich in der That selber nicht, und deßhalb bleibt mir der ganze Vorgang räthselhaft." II. In derselben späten Nachtstunde saßen Raphael Beck und Koppel Pardubitzer im Privatkonto! des ersteren in langwierige Abrechnungen vertieft, die sie nun endlich beendet hatten. Pardubitzer, einer der angesehensten Notabeln der Wiener Geineinde, hat na-