Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 73 (14.9.1903)
- Date
- 1903-09-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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44# Jahrgang. . M 73 Kenlrat-Hrgan für ba$ orthodoxe Zudenlhum. Begründet von s*r. DeHrrrsnn in Wtaitti. lontag, den 22» Elul 5063 14. September 1903. Tschuwo. >*e>- .... Tkio, Schworim, Truo tönt's wieder in der ganzen Diaspora, und der alte Sinaiklang mahnt an die Vergangenheit, an jenen Standpunkt in der Menschengeschichte, da Himmel und Erde sich vermählten, und das Gottesgesetz dem Menschenkreis gebracht wurde, damals ertönte der Schofarruf und jetzt sucht er die, welche der Vergangenheit treugeblieben, denen jener erste Schofarruf noch heute klingt, und er sucht diejenigen, denen jene Offenbarung noch zur Lebensnorm dient, und er sucht das Kind, das nach Schma Jisroel lallt, und den Jüngling, dem jene Sinailehre Lebensstudium geworden, und den Mann und das Weib, deren Leben nach jener Sinailehre geregelt. Und wo er sucht und nicht findet, da möchte er .zurückrufen und zurückführen, und leiten den Pfadlosen und führen den Verirrten, und stützen den Gefallenen. Und nicht allein der Schofarklang. auch die Selichotmorgenweihe, der Ernst des Jom hadin, die hehre Einzigkeit des Jomkipur und die Tage, die ihnen vorausgehen. die sie verbinden, die Spanne Zeit zwischen dem Jomkipur koton am Anfänge des Elulmonats, bis zur Tekio in der NeNastunde des 10. Tischri, des Jomkipur Godol, alles hat das Ziel und den Zweck, zurückzusühren uns auf den von Gott vorgezeichneten Weg. .... Und ein „Zurück" ist's für jeden, denn ursprünglich ist jede Seele rein, jede ein Gotteshauch, und jede fähig zu lösen die ihr gestellte Aufgabe, zu erreichen das ihr gesteckte Ziel. Aber ein jeder — täuschen wir uns nicht in selbstschädlichem Dünkel — ein jeder von uns hat Momente, in denen er seiner Pflicht nicht nachkam, ging Schritte, die nicht zum Ziele führten — ein jeder hat die Rückkehr zum richtigen Wege nöthig. Und doch, und trotzdem wenn in der ganzen Welt, bei allem Irdischen das Gesetz von Ursache und Folge herrscht, wenn überall der Keim zur Saat, die Blüthe zur Frucht werden muß, und auch der Giftkeim auf die Giftblüthe, wenn jedes Wort jede Thai immer fortzeugend neues gebärt, und unverlöschbar ist die Spur auch nur des winzigsten Atomshier aber hebt der allmächtige Herr der Naturgesetze, hier hebt Gott, der barmherzige, liebende Gott dich aus den ehernen Fesseln des Naturgesetzes hinaus, du magst ein Leben der Verworfenheit, des Leichtsinnes, des Wankelmuthes, der Verstocktheit hinter dir habendu willst aber brechen mit diesem Leben, willst ein neues beginnen, dann löscht Gott in Seiner unermeßlichen Gnade das alte Leben aus, und du bist wieder neugeboren, darfst dich ohne Scheu und ohne Zagen zu deinem Gotte wenden und Ihn um die Einsicht und die Kraft für die Zukunft flehen, und Gott gewährt dir diese Kraft, sofern du nur willst, ernstlich willst, von nun an wieder Gott als deinen Gott, Sein Gesetz als deine Lebensnorm zu erkennen und anzuerkennen. ... Das ist das Teschuwowunder. . . O daß doch dieses Wunder wir bei uns erleben würden, daß nicht umsonst der Schofar ertönt, daß wir nicht umsonst vor Tagesgrauen uns Gottes Gnade erflehen, daß nicht eitles Lippenspiel es ist, wenn Gott wir al£ König und Gedenker, und Vergelter aller Thaten huldigen. daß nicht Krücke zur Sünde, Ablaßtag für ein Sündenjahr, der von Gott eingesetzte Tag der Versöhnung sei. Jüngling, Jungfrau lernet doch begreifen und erkennen das Judenthum, bevor ihr es unbegriffen und unbekannt von euch wegweist. . . . Was ist's denn, was heute die Menschheit nicht froh werden läßt, trotz aller Kultur, nicht glücklich trotz allen Genusses, nicht heiter trotz aller Surogate des Glückes? . . . warum war noch nie so gebannt wahre Lebensfreude gerade aus den Kreisen, deren Geist und Gemüth am entwickeltsten, modernsten ist? . . . Warum?! Weil die Menschheit nach einem Lebensinhalt lechzt und keinen findet, weil sie nicht weiß, wozu ihr Dasein, nicht