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Der Israelit · 1903-09-10 · Heft 72 (10.9.1903) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 72 (10.9.1903)
Date
1903-09-10
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1597 i ‘■gtw.’-^gfc.--r> gelegt, welche er dem neuen Rabbiner vorlegen wollte. Es war bei solchen Gelegenheiten schon vorgekommen, daß man zwei große Talmudgel-chrte als Kutscher verkleidet, den Wagen führen ließ, welcher den neuen Rabbiner abholte. Diese diskutirten während der Fahrt laut auf dem Kuischenbocke über ein verwickeltes, talmudisches Problem, so daß dem gelehrten Fahrgast kein Wort davon entgehen konnte und er sich sagen mußte, wenn in dieser Gemeinde die bloßen Kutscher solche Gelehrsamkeit besitzen, was dann erst bei den Gelehrten von Fach zu erwarten sei. Das eigentliche Kreuzfeuer der Fragen und Antworten ging aber erst bei Tisch los, und wenn auch dieses glücklich überstanden war, so folgte noch beim Dessert die allergefährlichste Klippe. Bei den bisher geführten Diskussionen und Disputationen drehte sich die Unterhaltung meist um subtile, der praktischen Wirklichkeit entlegene Gegenstände. Ein etwa hier unterlaufenes Versehen hätte nur die Theorie und Dialektik des Rabbiners in den Schatten stellen können. Aber beim Dessert wurde der gefeierte Gast auf ein anderes, viel verantwortungsvolleres Gebiet, auf das der praktischen Wirklichkeit geführt. Das jüdische Religionsgesetz schreibt nämlich nicht nur für jeden Genuß einen Segensfpruch vor, sondern es rangirt auch die Reihenfolge der Speisen und Getränke und die ihnen zukommenden Seqenssprüche nach verschiedenen Gesichtspunkten. So haben die als Eigenart des heiligen Landes bezeichneten Früchte und Getränke den Vorrang vor anderen. Aber unter diesen selbst findet wiederum eine besondere Ranairung statt. Auch nimmt die bei den Seaenssvriichen einzuhaltende Reibenfolgc auf den höheren oder geringeren Werth des Gegenstandes Rücksicht, sowie auch auf die Werthschätzung, die der Genießende dem Gegenstände entgegen brinat. Der Desserttisch war nun mit raffinirtem Scharfsinn so arrangirt. daß es dem fremden Rabbiner recht herzlich schwer gemacht wurde, sich zu entscheiden, zu welcher der aufgestellten Früchte er zuerst greifen sollte. War aber der Griff entschieden, so fielen die Fragen. Interpellationen. Einwände und Entaeanunaen so bageldicht. daß man in der Hitze der Debatte oft den Genuß der Früchte vergaß. deren Segensspruch den heißen Kamvf der Geister entflammt batte. Alle diese bei der Jnstallirung eines nengewäblten Rabbiners stch überall wiederbolenden Gevfloaenbeiten fielen diesmal fort. Die Prager Gemeinde hatte einen Rabbiner aew'ählt, der ibr seit vielen Iabren bekannt und erprobt war. Es war dies der Held unserer Erzähluna. Rabbi Fom.tob Livman Heller aus Walkerstein in Bauern. Derselbe war als Waise geboren, da der Vater kurz vor der Geburt Livmans gestorben war. Seine erste Erziebuna und Ausbildung genoß er bei seinem Großvater Rabbi Moscheh Wallerstein. Aber schon in zarter Jugend ent- § schloß er sich, die berühmte Prager Talmudhochschule j zu besuchen, die damals von dem gefeierten „Hohen t Rabbi Lob" geleitet wurde. Dieser gottbegnadete, er- | leuchtete Meister der Thorakunde hatte bald die imgef wohnliche Begabung des jugendlichen Schülers erkannt jj und sie derart gefördert, daß er als Jüngling von s kaum 18 Jahren auf Verwenden seines Lehrers zum Rabbinats-Assessor der Prager Gemeinde erwähltf wurde. Achtundzwanzig Jahre bekleidete Rabbi Jomz tob diese Stell? und folgte im Jahre 1624 einem Rufe ' \ nach Nikolsburg zur Uebernahme des dortigen Rabbinats. Hier hatte er kaum sechs Monate seine j Wirksamkeit angetreten, als er zum Rabbiner der da- ( mals frisch aufstrebenden Wiener Gemeinde gewählt - wurde. Aber auch dort fesselte ihn der ehrenvolle s Posten kaum drei Jahre, wie segensreich auch die? Tbätigkeit war. die er daselbst für die blühende Wiener f Gemeinde und die große Gesammtheit, die er immer im f Auge behielt, entfaltete. Rach kaum dreijährigem j Aufenthalt in Wien wurde Rabbi Jom tob Lipman \ Heller einstimmig zum Rabbiner von Prag erwählt. j Schweren Herzens nur entschloß er sich diese Wahl anzunehmen. Er erzählt uns in seiner Selbstbiographie, jj die dieser Erzählung zu Grunde liegt, den herzzer-! reißenden Abschied von dieser ihm so treu anhänglichen j Gemeinde. Aber es zog ihn nach Prag, dem gefeierten j Ort seiner Jugend- und Studienzeit und der ersten j Stätte seiner langjährigen Wirksamkeit als Rabbij natsassessor. Hätte er eine Ahnung gehabt, von dem, was ihm dort bevorstand, keine Macht der Erde hätte | ihn bestimmen können, freiwillig diesen Ort aufzu- | suchen! - | Die wechselvollen Verhängnisse, die Rabbi Jomtob k in Prag ereilten, sind eine ergreifende Bestätigung der . ' | Wahrheit, welche nach dem Talmud König Salomo f in die Worte kleidete: „Die Füße eines jeden Menschen f bürgen dafür, ihn an den Ort zu tragen, wo ihn seine i Bestimmung erwartet." „König Salomo," erzählt der Talmud, „hatte zlvei Sekretäre von ausgezeichneter Schönheit; Elichoj ref und Achijah, die am Eingang des 4. Kap. im ersten | Buch der Könige erwähnt werden. Eines Tages sah I Salomo den Todesengel betrübt umhergehen.! „Was betrübt Dich so?" fragte der König. 1 „Ich soll Deine hier weilenden zwei Sekretäre ,! holen, denn die Zeit ihres irdischen Daseins ist zu! Ende und ich kann ihnen nicht beikommen," erwiderte! der Todesengrk. ti j Als Salomo das hörte, übergab er sie den Daj monen, um sie schleunig in die Stadt Lus zu bringen, j woselbst der Todesengel keine Macht batte. Als sie an! das Thor von Lus kamen, starben beide. Den anderen j Tag sah Salomo den Todesengek vergnügt lachen. „Warum lachst Du?"

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