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Der Israelit · 1903-09-07 · Heft 71 (7.9.1903) · page 20

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 71 (7.9.1903)
Date
1903-09-07
Page
– (sequence 20)
Language
German
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1590 hatte Gäste von allen Parteien angelockt: Gemäßigte, Weiße, Grüne, Aschfarbige. Scheckige und Grün-Rothe. Hier war. wie Sofonow sagte, Ferroin peutiv, von ihm geschaffen, damit man sich darauf treffe zur gegenseitigen Verständigung. Jakob verkehrte hier gleichfalls, aber er stand nur von ferne, mehr als Zuschauer und Zuhörer, denn als Teilnehmer. Musa war seit jenem denkwürdigen Abende mit ihm oft in Gedanken versunken, verwirrt und nicht mehr sie selbst. Sie lenkte ihn nicht mehr abseits zu Gesprächen, verfolgte ihn nicht mit Briefen und forderte ihn nicht mehr zu Spaziergängen auf. Jakob bemerkte diese Veränderungen im Verkehre mit ihm. Aber er freute sich fast darüber. Denn das Courschneiden fiel ihm schwer, Heinrich, der hier ein sehr häufiger Gast war, fand unter der russischen Jugend eine seinem Geschmacke besser zusagende Gesellschaft und knüpfte daher Verbindungen mit ihr an. Dies veranlaßte natürlich gegenseitige Besuche, Einladungen zu Diners, Soupers ir. s. w. Tilda, welche von ganz anderen Überzeugungen beseelt war, und auf die Jakob unwillkürlichen Einfluß ausübte, grämte sich hierüber nicht wenig. Ihre Macht im Hause aber war überaus beschränkt oder vielmehr gar nicht vorhanden. Sie war nur Herrin in ihren beiden Zimmern, unter ihren Blumen und Büchen ' Jenseits der Schwelle war sie fremd und fast nur Gast im eigenen Hause. Man sprach sie nur, wenn einige Personen zum Diner erwartet wurden, man stellte sie ihr vor, ohne zu fragen, ob ihr die Gesellschaft gefalle. Die Gespräche bei Tische ärgerten sie nicht wenig, denn sie zwangen sie zu peinlichem Schweigen. Ihr Gatte bemerkte dies wohl, aber es kümmerte ihn durchaus nicht. Jakob war jetzt mit den Angelegenheiten des Landes beschäftigt, und mit den vielen Sorgen, welche diese nach sich zogen. Er kam daher nicht allzu oft und es ärgerte ihn auch, daß er in diesem-Hause fast immer mit Russen zusammentraf, mit denen er sich verständigen zu können nicht hoffen durfte, da er nur zu gut wußte, daß weder er offen mit ihnen sein konnte, noch sie endlich einmal aufrichtig sein wollten. Jrgend einen Einfluß auf sie auszuüben, konnte sich . kein vernünftiger Mensch einbilden. Starrsinn und Eigendünkel sind meist die Besitzer dieses Grades von oberflächlicher Bildung und Civilisation. Ilm sich als fortschrittlich und liberal zu zeigen, heucheln sie Gefühle und Gedanken, welche sie niemals zur That werden lassen, verstehen sie es, aus einem Menschen Alles herauszuziehen, ohne ihm irgend etwas von sich selbst zu geben. Tilda's Leben wurde augenscheinlich immer peinlicher und vereinsamter. Ihre Gesundheit verschlechterte sich. Sie wurde immer bleicher und magerer, sie hustete und wollte sich nicht heilen lassen. Von tage-- langer Fieberhitze verzehrt, quälte sie sich mit jener Musik, nach der es fast immer schlimmer wurde. Aber sie fühlte das Bedürfniß, das unerträglich ich ihr dahinschlepende Leben zu vergessen. In den Nächten vertiefte sie sich in das Lesen von Büchern, die. ihr ein künstliches Leben schufen. Ihr einziger Trost war es, wenn Jakob sich zuweilen einfand, um sich, gequält wie sie selbst, hier zu beklagen, aufzuathmen — zusammen mit ihr im Schmerze. Nur zu oft aber traf es sich, daß Heinrich und irgend ein paar Lassen sie einander nicht nähern und mit sich plaudern ließen, daß Jakob nur mitansehen konnte, wie sie immer elender wurde, wie viel Seelenschmerz sich auf ihren Zügen ausprägte; daß sie die immer tiefer werdenden Falen auf seiner Stirne zählte, und daß sie sich schweigend die Hand drückten und auseinandergingen, ohne ein Wort zusammen gesprochen zu haben. Einmal traf es sich aber doch, daß beim Thee Niemand zugegen war, außer der alten Engländerin, der früheren Lehrerin, jetzigen Freundin Tilda's, als Jakob sorgenvoll und trostbedürftig, sie aufgesucht hatte. Seit langer Zeit hatten sie keine längere und vertrauliche Unterhaltung mit einander führen können. ..Wie selten sehen wir uns jetzt." sagte Tilda, als sie ihn begrüßte. „Ich glaube nicht, daß Du gleichgültig gegen mich geworden, hätte ..ich aber weniger Vertrauen, so würde ich Emusa im Verdachte haben, daß sie Dich mir weggenommen!" „Emusa? Warum gerade sie?" fragte Jakob lächelnd. „Weil sie augenscheinlich für Dich ihre Netze auslegt!" „Ja! Für mich und für zehn Andere," entgegnete Jakob lachend. „Für Oberst Sofronow, vielleicht sogar für Deinen Heinrich!" Tilda lächelte gleichfalls und sprach: „Ich bitte Dich! Ist es ein Wunder, daß ihm dies frische, rosige Gesichtchen gefällt — neben meinem bleichen, langweiligen und traurigen! Dort findet er Lächeln, und ein Liedchen — hier nur Seufzer, Thränen und Schmerz. Ich kann dies wirklich ihm nicht verargen!" „Ich aber um so mehr!" „Wäre er zärtlicher zu mir. müßte ich mir es vorwerfen, daß ich ihn nicht lieben kann. So aber ist er eigentlich ganz, wie er sein soll: anständig, höflich, kalt, und läßt mir meine Freiheit! Schon längst sah ich» daß Musa ihm sehr anziehend erscheint!" „Und ich bin fest überzeugt, daß er auch ihr nur zu sehr gefällt!" „O! O! Lassen wir sie zufrieden!" rief Tilda, die Achseln zuckend. „Sollen wir sie beneiden?" . (Fortsetzung folgt.) Verantwortliche Äedaetion: v»car Lehmann in Mainz. — Exoedition drS ^Fsraelit". Schottstraße Nr. 2. Mainz. Druck und Dertaq d-r St oh. Wtrtb'lchm Sofdnchdruckerei Atti-n W WIftfiaf- M«;m

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