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Der Israelit · 1903-08-24 · Heft 67 (24.8.1903) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 67 (24.8.1903)
Date
1903-08-24
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Wirklichkeit weit kleiner, als das kleinste französische Departement. Während die Juden Rußlands sich seit 1843 nahezu'vervierfacht haben, ist der ihnen offenstehende Wohnraum nicht um einen Zoll vergrößert worden. Die natürliche Folge der weit über die vorhandenen Existenzmittel hinaus gewachsenen Volksvermehrung war, daß jetzt im Ansiedelungsrayon weit über 600,000 jüdische Handwerker leben, während doch kaum für die Hälfte dieser Zahl Arbeit vorhanden ist. Die Löhne, sanken in Folge dessen auf 40 Pfg. pro Tag. So groß ist die Roth, daß im ganzen Haushalt einer jüdischen Durchschnittsfamilie sich kein einziges Wäschestück — weder aus Leinen, noch aus Baumwolle — befindet. Ein Jude, der in Wilna eine Waschanstalt eröffnet hatte, erzählte mir, daß die Frauen der dortigen jüdischen Handwerker kein einziges Stück weißer Wäsche in ihrer Wirthschaft besitzen, während die männlichen Mitglieder der Familie sich alle zusammen mit einem einzigen Hemde behelfen müssen. Die Juden lassen nicht waschen und zwar weniger aus Unreinlichkeit. als vor richtiger, unverfälschter Armuth. Der ärmlichen Kleidung entspricht eine elende Nahrung. Nur die zähe Lebenskraft des Juden und seine Fähigkeit, sich den widrigsten Lebensverhältnissen anzupasscn, ermöglichen es den Mühseligen und Beladenen des Ansiedelungsrayons, sich noch da zu erhalten. wo der anglo-sächsische Bauer und Handwerker längst zu Grunde gehen würde. Ich habe Berditschew besucht, und was ich da sah, war ein Bild ewiger Finsterniß. Alles ist da tobt, stumm, düster und verfallen! Die Straßen sind vor lauter Wasserpfühen unpassirbar. die Unrathhaufen machen sich da breit, dampfen in der Sonne und lösen sich bei Negenwetter zu einem ekelhaften Brei auf. Zu Skeletten abgemagerte Hunde streichen, nach Nahrung schnüffelnd, durch die Straßen, die Kinder sehen alt und greisenhaft ernst aus, die Männer gleichen in ihren langen Kaftans und mit den wallenden Bärten Gespenstern. Die eigenen Hilfsquellen der Stadt könnten nur einen geringen Theil der Bevölkerung auskömmlich ernähren. In Berditschew würden 30—40 Manufakturisten ein gutes Auskommen haben, allein die Stadt besitzt deren, mehr als 500. Die Löhne sind auf 40 Pfg. gesunken. Zertrümmerte Fensterrahmen und von den Wänden abbröckelnde Stukatur sprechen von der absoluten Hoffnungslosigkeit der Wohnungsinhaber, und nur die Synagoge bringt den Armen noch Trost und Hoffnung. Selbst die Krankenhäuser scheinen dazu bestimmt, bei ihren Insassen kein frohes Gefühl aufkommen zu lassen. In Hammel sah ich 18 Männer in einem Raum liegen und sterben. Krebs. Wochenbettfieber, Bright'sche Nierenentzündung. Geschwülste. Knochenbrüche und Amputationen sah ich daneben und durcheinander. Die Träger aller dieser Leiden lagen ohne Unterschied von Geschlecht und Alter auf schmutzigen Lagern gemeinsam in einem engen, düsteren Raume. So vegitiren 5Vs Millionen Juden in Rußland, von denen die überwiegende Mehrheit zum Sterben zu viel, zum Leben zu wenig hat. Und für dieses entsetzliche Elend, das über Millionen von Menschen hereingebrochen ist, sind einzig und allein die Maigesetze verantwortlich. So schreibt ein enragirtrr Antisemit. Mr. White gibt auch zu, daß in Kischinew Mädchen vergewaltigt, Säuglinge erschlagen und Männer in bestialischer Weise hingemordet wurden. Aber solche Gewaltthaten werden sich vertausendfachen, wenn die Regierung den Juden Gleichberechtigung gewähren und ihnen gestatten würde, die Bauern ungestört — auszuwuchern. Hier tritt unvermittelt und unvermuthet der antisemitische Pferdefuß zum Vorschein. Woher die eben als im Elend versinkenden, halbverhungerten russischen Juden plötzlich so viel Geld haben, um damit die Bauern auszuwuchern, wird wohl das eigene Geheimniß des Mr. White bleiben. Im Uebrigen hat dieser Herr zur Lösung der Judenfrage auch einen positiven Vorschlag. Mr. White, durch dessen Mund in letzter Zeit manchmal Herr v. Plehwe spricht, ist der Ansicht, daß Rußland einer auf Betrieb der amerikanischen Regierung in Petersburg zusammenzutretenden Konferenz behufs Lösung der Judenfrage sich nicht widcrsetzen würde. Nebst den Bereinigten Staaten und Rußland soll auch England an dieser Konferenz sich betheiligen. Die Erweiterung des Ansiedelungsravons, die Gewährung des Rechts, Land zu erwerben, die Errichtung neuer jüdischer Ackerbaukolonien und endlich die Einräumung eines innerhalb oder in der nahen Nachbarschaft von Rußland gelegenen eigenen Territoriums sind die von 'Mr. White vorgeschlagenen Heilmittel. Das Geld zur Durchführung dieser Vorschläge soll aufgebracht werden durch Subscriptionen, sowie durch die Einverleibung der Millionen des Baron Hirsch. Auf diele Millionen scheint Herr v. Plehwe es abgesehen zu haben. Die halbbankrotte russische. Regierung könnte das Geld des Baron Hirsch gut gebrauchen. Amerika Ncwyork, im Aug. Zu den in den russischen Zeitung angestellten Vergleichen zwischen der Lynch- Justiz in Amerika und den Greuelthaten in Kischinew, schreibt die „Havane Post" Folgendes: „Das Massakre in Kischinew entstieg dem Rassen- und Religionshasse, und die Opfer waren sowohl Frauen und Kinder, als auch Männer, Greise und Hilflose, als auch solche, die stark und widerstandsfähig waren, jene aber, die in den Vereinigten Staaten gelyncht zu werden pflegen, sind Opfer des Pöbelgesetzes,

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