Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 64 (13.8.1903)
- Date
- 1903-08-13
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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1410 Rabbiner vor geöffneter Bundeslade, mit der Thora in der Hand, einen heiligen Eid, daß die Vlutbeschuldigung erdichtet und erlogen sei. Die Eidesleistung enthält z. V. folgende Sätze: Wir alle wissen es ganz genau, daß wir unschuldig sind an dem Verbrechen, das uns angedichtet wird. Indem aber auch in jüngster Zeit in den entferntesten Ländern unsere Menschenwürde durch den schändlichen Anwurf der Blutbeschuldigung mit Füßen getreten wird, erheben wir anläßlich des hier versammelten Weltrabbinerkongresses im Namen der Rabbiner und Lehrer in der ganzen Diaspora, die sich uns angeschlossen, laut Protestation gegen diese gräßliche Beschuldigung. Wir beschwören beim Namen des allmächtigen Gottes, der Herz und Nieren prüft und in das Dunkel unseres Erdendaseins hineinleuchtet, wir rufen den himmlischen Vater, den höchsten Gesetzgeber, zum Zeugen der Wahrheit und Unschuld an. Wir beschwören, daß es in Israel nie einen solchen Kultus gegeben hat, daß nie eine ähnliche Lehre, Vorschrift oder Brauch zu finden war, weder in der heiligen Schrift, noch in den Schriften von Gelehrten, noch in der Tradition, weder im Oeffentlichen, noch im Geheimen; auch nicht bei irgend einer Sekte oder bei einzelnen jüdischen Individuen, daß eine solche Lehre oder Vorschrift nie weder ausgesührt. noch versucht wurde, daß eine solche Grausamkeit aus dem Munde eines Juden, wo immer und wann, nimmer gehört wurde. Möge dieser Eid. diese vollgültige Protesiation, ganz Israel gegen das geschändete Menschenrecht als Proklame an die gesummte Menschheit, die Widersacher des jüdischen Volkes zu Freunden umwandeln. Amen. Der feierliche Akt erschütterte die Andächtigen und kein Auge blieb thränenlos, als die greisen sowie jungen Rabbiner unter Schluchzen und Weinen den Schwur Wort für Wort nachsprachen. Hierauf hielt der Grand Rabbin ans Alexandrien. Exc. H a z a n , eine hebräische Rede, die Oberrabbiner H o r o v i tz aus Alsokubin in deutscher Sprache ergänzte. Nach Rezitirung des Kaisergebetes richtete Rabbiner H o r o v i tz aus Alsokubin Dankes- -oorte an die Kultusgemeinde und deren Vorsteher und an den Rabbiner Krakaus für die brüderliche Gastlichkeit. die den aus weiter Ferne erschienenen Würdenträgern zu Theil wurde. Kultuspräsident kaiserl. Rath L a n d a n dankte dem Redner für die freundlichen Worte und sagte: Die Kultusgemeinde füble sich geehrt, die rabbinischen Zierden Israels in der altehrwürdigen Gemeinde Krakau begrüßen zu können. Dieser historische Akt wird noch in späteren Zeiten der Kultusgeineinde sowohl wie den geistlichen Würdenträgern Israels zur Ehre gereichen. Die Kongreßberathungen, die ausschließlich das religiöse Leben Israels betreffen, werden im Laufe dieser Woche täglich stattfmden. Der Kongreß wird, wie verlautet, acht Tage dauern und werden die Berathungen im Beihause „B'ne Emuna" stattfmden. Der Gegenstand der Berathung wird sein: Religiöse Abhandlungen, Erziehungswesen der israelitischen Jugend, für welch' letztere mehrere Rabbiner entsprechende Schulen und reformirten Religions-Unterricht verlangen. Außerdem soll auch über die ökonomische Lage der Juden konferirt werden. — Von anderer Seite wird über den Kongreß Folgendes geschrieben: Am 9. August trat in Krakau ein internationaler Rabbinerkongreß zusanimen. welcher von den Rabbinern von Kairo und Alexandrien einberufen worden war und zu welchem sich insbesondere aus Rußland und Oesterreich-Ungarn, sowie aus Frankreich, zahlreiche Delegierte eingefunden hatten. Nachmittags versammelten sich die Kongreßtheilnehmer in der alten Synagoge. Eine unübersehbare Menschenmenge hatte den Platz vor dem Tempel besetzt, erkletterte das Dach des Vorbaues und füllte das Gotteshaus bis auf das letzte Plätzchen, um der zu erwartenden Kundgebung beiwohnen zu können. Rach einer Eröffnungsansprache des Krakauer Oberrabbiners H o r o v i tz versammelten sich die anwesenden Rabbiner um die Bnndeslade und leisteten einen' Schwur auf die Bibel, „daß das verabscheuungswürdige Blnkmärchen, welches böswillige und tückische Menschen gegen unsere Brüder, die Kinder Israels, seit Jahrhunderten in den verschiedenen Staaten erdichteten, als ob das Blut von Richtjuden oder Nichtjüdinnen zu rituellen Zwecken verwendet würde, sei es als Gebot oder als Gebrauch oder als irgendwie ähnliche Einrichtung, sich weder in der Bibel, noch in den anderen überlieferten Schriften, das heißt der Thora, den Propheten und den anderen heiligen Schriften findet, weder im babylonischen noch im jerusalemischen Talmud, nicht im Sifra und Sifri oder der Mechilta Tosest«, den Midraschim, dem Sohar und allen kabbalistischen Schriften, dem Schulchan Aruch und allen Codices der alten und neuen Rabbinen: in keiner einzigen all dieser heiligen Schriften ohne Ausnahme findet sich irgend eine Gesetzgebung oder eine gesetzliche Bestimmung oder auch nur die mindeste Andeutung über solch' eine abscheuliche, widerwärtige That. Wir haben aber auch nie geseben oder gehört, daß sich unter uns irgendwelche Sekten oder einzelne Personen vorfanden, die solch abscheuliche und niederträchtiqe Handlung begingen." Schriftliche Eidesleistungen waren von Rabbinen aus allen Theilen der Welt eingelangt.