Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 64 (13.8.1903)
- Date
- 1903-08-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2449890-2449950--58824-2523261- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
44. Jahrgang Jß/o EA KenLrak-Hrgan für das orthodoxe ZudenLyuw. Begründet von . Kr. WsHwÄNN in WNiAtZ. Donnerstag, den 20. Ab 5003 13. August 1903. 23t b e 1 f r i 11 f *) <$44 - ' ’ i.;v- Mainz, 12. August. Das höchste Gut, welches die Menschheit besitzt, ist die heilige Schrift, deren Inhalt die göttliche Offenbarung an Israel bildet; aber nicht nur uns Israeliten ist die Bibel heilig, sondern auch vielen andern großen, mächtigen Völkern. Sie ist in fast alle-Sprachen übersetzt; und sowohl Christen als Mohammedaner.er-;, kennen in ihr die Grundlage ihrer Religionen an. V '. Es ist nicht zu verwundern, daß diese - heilige Schrift, welche aus die staatlichen und sittlichen Verhältnisse aller civilisirten Nationen einen so unendlich großen Einfluß geübt hat, die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zieht, und daß es auch an Angreifern und Bemänglern nicht fehlt. Die Angriffe Pflegen sich in das' Gewand der Wissenschaftlichkeit zu hüllen, und schon deßhalb ist es wichtig, sie zu prüfen und zurückzuweisen.- ' ' Wir Juden lesen die heilige Schrift im Lichte der Tradition, der mündlichen Lehre; wir sind daher im Stande, viele Eigenthumlichkeiten in der Ausdrucksweise, viele scheinbare Widersprüche zu erklären, welche den Nichtjuden unlösbare Räthsel dünken. ^Daher kommt es, daß viele Angreifer der heiligen Schrift dasjenige,- was sie nicht verstehen oder nicht erklären, können, dazu benützen, daraus die sonderbarsten Folgerungen zu ziehen. Wir wollen das gleich an einem Beispiele klar machen. : In dem ersten Kapitel der heiligen Schrift und in den drei ersten Versen des zweiten Kapitels ist für den Gottesnamen durchweg die Bezeichnung „Elohim" gewählt; von da an bis zum vierten Kapitel die Ve- *) Man oergl. auch uns. Artikel «^udenthüm u. Wm'enschast" w Nr: 15.10 mw 35 des .Israelit".. ' Zeichnung „Haschem Elohim"; vom vierten Kapitel an und weiter meistens der Name „Haschem", bis wir beim Beginne der Geschichte Noachs wieder den Namen „Elohim" hervortreten sehen. Noach selbst (Cap. 9, V. 26 und 27) gebraucht abwechselnd die Namen „Haschem" und „Elohim", während von da an und weiter bald der eine und bald der andere Name hervortritt. Der Umstand der fast regelmäßigen Abwechslung in Bezug auf die Gottesnamen ist den sogenannten Bibelforschern ausgefallen, die natürlich nicht wußten, daß .derselbe-- bereits ..vor Jahrtausenden -. durch,die mündliche Lehre erklärt worden ist. Was habest-sie nun daraus gewacht? Sie sagten, es haben verschie- -wene Urkunden Vorgelegen; in der Urzeit hätte ein Theil der Israeliten „Elohim" verehrt, ein anderer „Haschem", ein dritter beide zusammen. Der Sammler der alten Urkunden habe dann mit unkritischem Geiste die verschiedenen Urkunden zusammengefaßt und in Eins verschmolzen. Daraus hat man nun eine Waffe gegen die heilige Schrift geschmiedet, und in gelehrten Kreisen wird mit überlegener Miene verkündet, die heilige Schrift sei keine Offenbarung des ewig lebendigen Gottes, sondern eine Sammlung verschiedentlicher, alter Urkunden.) Wir wollen nun an der Hand der Tradition den allerdings - auffälligen Wechsel im Gebrauche der Gottesnamen erklären:' Unsere Weisen lehren uns im Talmud, daß der Name „Elohim". p-n rrva die Eigenschaft der Gercchtigleit bezeichne, während „Haschem", swn r.-ra, die Eigenschaft des Erbarmens ist. Als' Gott das Weltall schuf, da ließ er die Gerechtigkeit walten. Als Gott aber den Menschen das köstliche Gut der Freiheit des Willens verlieh und damit die Möglichkeit des Abweichens vom rechten Wege gestattete, schickte Er der Gerechtigkeit das Erbarmen voraus, weil sonst das