Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 63 (10.8.1903)
- Date
- 1903-08-10
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2449890-2449949--58817-2523253- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
1395 Prag. Ein Theil des berühmten, alten, jüdischen Friedhofes zu Prag fällt trotz allen Sträubens der Kultusgemeinde und der Beerdigungsbrüderschaft der Assanirung zum Opfer. Die Chewra-Kadischa wendet alles auf, um die Ueberreste der Leichen, welche schon Hunderte von Jahren im Schoße der Erde ruhten, und jetzt an das Tageslicht befördert wurden, mit gebotener Pietät wieder zu bestatten. Die Knochentheile werden von jüdischen Arbeitern gesammelt, in neues, weißes Linnen gebunden und in ein vorbereitetes Massengrab gebettet. Am letzten Tischebeaw Nachmittags fand eine solche Maffenbestattung statt. Es war ein rührender Anblick, die Bahre, beladen mit vielen solcher Bündel menschlicher Knochen, an sich vorüberziehen zu sehen. Solcher Bündel wurden unter stillen Gebeten aller Betheiligten und Anwesenden, viele Hunderte in's Grab versenkt. Ueber 2000 Grabsteine, welche aus diesem Theile des Friedhofes gegraben. wurden, stehen und liegen längs der Wände umher, in welche sie mit der Zeit eingefügt werden. Jener Theil des Friedhofes, auf welchem der berühmte Rabbi Jehuda ben Bezallel, bekannt unter dem Namen Hohe Rabbi Löw, ruht, mit den Grabsteinen seiner Frau Perl und seines Sohnes und seiner 32 Schüler, bleibt unversehrt. Auch das Grab des großen Philanthropen, des Erbauers der Meiselsynagoge, Rabbi Mordechai Meisel, liegt abseits vom Assanirungsrayon. Von' den vielen bemerkenswerten Grabsteinen erwähne ich nur den mit einer Glastafel versehenen (um ihn vor gänzlichem Verfall zu schützen) Grabstein des gelehrten Rabbi Awigdar Kräh, des Verfassers.des Selicha Es kol hatloah, in welcher er die am letzten Peßachtage des Jahres 1389 im Ghetto zu Prag geschehenen Gräuel schildert. Ein Gang durch diese Grabsteine vergangener Jahrhunderte bietet viel des Belehrenden und Anregenden. B. F. England. London, 28. Juli. Dieser Tage ist der Erweiterungsbau des jüdischen Siechenhauses unter großen Feierlichkeiten von der Prinzessin Luise. Herzogin von Argyll. der Schwester des Königs, seiner Bestimmung übergeben worden. Nach einem einleitenden Gebet des Chief Rabbi hielt das Mitglied des Unterhauses, Herr Stuart M. Samuel, als Vorsitzender des Verwaltungs-Komitees eine Ansprache, in welcher er mittheilte, daß die im Jahre 1889 mit zehn Insassen in zwei gemietheten Räumen eröffnete Anstalt durch eine zu Ehren des Diamant-Jubiläums der Königin Viktoria veranstaltete Sammlung, welche 36,000 Lstr. ergab, in das gegenwärtige Gebäude überführt und zur Ausnahme von 25 Pfleglingen eingerichtet werden konnte und jetzt abermals so beträchtlich erweitert wurde, daß sie 66 Sieche aufnehmen kann. Hierauf enthüllte Prinzessin Luise eine steinerne Tafel, welche die Inschrift trägt: „Dieses zur Erinnerung an das Diamant-Jubiläum der Königin Viktoria errichtete ' jüdische Siechenhaus wurde von Ihrer Königl. Hoheit der Prinzessin Luise, Herzogin von Argyll, am 3. Juli 1903 eröffnet", und nahm sodann aus der Hand einiger Damen das Ergebniß der bei dieser Gelegenheit für das Heim veranstalteten Sammlung entgegen, das sich 6830 Lstr. (ca. 117.000 Mk.) belief. Nachdem noch Lord Rothschild und Sir Edward Sasson gesprochen hatten, ergriff der Herzog von Argyll das Wort, um zunächst Namens seiner Gattin den Anwesenden für die reiche Sammlung, sowie seinen „alten Freunden" Lord Rothschild und Sir Edward Sasson für die in ihren Ansprachen der Prinzessin gesagten Liebenswürdigkeiten zu danken und sodann fortzufahren: „ES war mir stets ein unerklärliches Räthsel, wie es die Juden fertig bekommen, nicht bloß die umfassenden Bedürfnisse ihrer eigenen Armen zu befriedigen, sondern noch große Summen für die Armen anderer Konfessionen zu erübrigen. In Bezug auf Organisation und Großmuth können die Juden allen anderen Konfessionen als Muster dienen. Ich vermag mir gar nicht auszudenken, was sein würde, wenn alle Menschen so wären, wie die Juden. Würde ihr Beispiel überall Nachahmung finden, dann wären die Folgen unübersehbar. Sicherlich hätte das Oberhaus nicht nöthig, mit dem ihm gegenwärtig vorliegenden Altersrenten- Gesetz sich zu plagen." London, 7. Ang. Wir haben vergangene Woche eine große Enttäuschung erlitten und zwar durch daS Mißlingen der Kandidatur des Herrn Rabb. Dr. M. Hoffmann für die Vacanz an der Ports Road Synagogue. Die Mitglieder dieser Synagoge bestehen zum großen Theil aus orthodoxen Juden, denen die Schüler der hiesigen Rabbinerschule. welche sich um die Stelle bewerben, ungeeignet erschienen. Man bemühte sich deßhalb in Deutschland um einen geeigneten Kandidaten. und war glücklich, in Herrn Dr. Hoffmonn einen Mann gefunden zu haben, der den weitgehendsten Ansprüchen eines großen Theiles der Gemeinde vollauf entsprach. Herr Dr. Hoffmann*) hat durch seine wunderbare Rednergabe, durch seine meisterhafte Kenntniß der englischen Sprache sich die Achtung und Bewunderung selbst seiner Gegner errungen. Die Nationalsrage wurde aber leider zur Kampfde'oise und diejenigen Engländer, welche sich kaum zweimal jährlich in der Synagoge sehen lassen, haben durch ihren Einfluß erreicht, daß der „German Rabbi" nicht gewählt wurde. Der Sieg war für die „Engländer", welche zum großen Theil Söhne eingewanderter Russen sind, ein sehr winziger, da ihr Kandidat mit einer Mehrheit von nur einer Stimme gewählt wurde. Wir hegen die Hoffnung, daß es uns doch noch gelingen möge. *) Ein Sohn eines der ersten Talmudlehrer Deutschland» des ^nsn pon am Seminar-Director» Hoffmann. Berlin. Red.