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Der Israelit · 1903-08-10 · Heft 63 (10.8.1903) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 63 (10.8.1903)
Date
1903-08-10
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Emigrationsfrage zu betreiben. Leider gehört zur Lösung dieser Frage, welche seit nunmehr zweitausend Jahren die letzte Ursache aller Judenverfolgungen ist, noch etwas anderes, als nur Geld, da eine große, wohlorganistrte Auswanderung nur auf der Basis des Ackerbaues erfolgen kann. Es lassen stch aber tüchtige Ackerbauer bei keinem Volke so aus dem Boden stampfen, und am wenigsten ist dies bei dem jüdischen Volke möglich, das seit tausend Jahresi dem Ackerbau gewaltsam entfremdet wird. Daß unsere Kolonien so langsam vorwärts kommen, viel zu langsam für unsenchasiig lebendes Geschlecht, wie für unsere heißblütige Jugend, die das Warten noch nicht gelernt hat, liegt durchaus nicht am Gelde. Nicht das Geld regiert die Welt, sondern die Menschen regieren sie! Bei keinem der wichtigsten und folgereichsten Vorgänge der Weltgeschichte hat das Geld je eine Nolle gespielt, und es spricht wenig für die politische Schulung unserer Zionisten, wenn sie wähnen, mit Geld alles erreichen zu können und nach dem Mammon der ^J. E. A." so lüstern sind. Es ist nicht am Gelde, sondern an den Menschen, es fehlen uns die Leute. An dieser „Leutenoth" laboriren alle unsere wichtigsten Unternehmungen, kranken alle unsere Kolonisations- Versuche! Es fehlt an geeigneten Kolonisten, noch mehr aber fehlt es an einem passenden Beamtenmaterial. Und um diesem Mangel abzuhelfen, ist weniger Geld als Zeit erforderlich. Wir müssen eben so lange warten. bis auf dem gesunden Boden unserer Kolonien ein neues und besseres Geschlecht entstanden ist, ein Geschlecht, welches uns einerseits mit anspruchslosen Bauern, andererseits mit sachverständigen und pflichttreuen Beamten versorgen könnte. Zwei Cardinaltugenden zeichnen jedes große Volk aus: Befehlen und gehorchen können. Beide Eigenschaften besitzt in reicher Fülle jedes Herrenvolk. Wir Juden sind aber nichts weniger als ein solches Herrenvoll. Durch die lange Verfolgung haben wir die Fähigkeit des Beseblens verlernt, und auch die Tugend des richtigen Gehorchens ist uns abhanden gegangen. Und bevor wir auf den Kolonien im sieten Verkehr mit der Natur uns das Eine wie das Andere wieder angeeignet haken, werden wir uns vor allem gedulden lernen müssen. Wir müssen erst eine Wartezeit durchmachen, und nichts als Geduld kann uns über dieselbe hinwegbrlfen. Am wenigsten vermag das Geld der „I. E. A." uns die schwere Geduldprobe zu ersparem Argentinien. Das Areal im Besitze der Gesellschaft umfaßt zur Zeit 368,410 Hektar, die zu einem Kostenpreise von 32,904,400 Mk. erworben worden sind. Davon sind gegen 44,000 Ha. für 2,264.400 Mt. im Berichtsjahre erworben worden. Tie Terrains sind über die drei Provinzen Santa-Fe. Vuenos-Aires und Entre- Rios zerstreut, und zwar befinden sich 231,000 Ha. in Entre-Rios, 123,000 Ha. in Santa-Fe (Kolonie Moesville) und etwa 44.000 Vuenos-Aires mit der Kolonie Mauricio. Der Boden ist nach den Angaben des Dr. Sonnenfeld unter den Kolonisten derart vertheilr, daß in Entre-Rios 90.000, in Mosesville 40,000 und in Mauricio 26.000 Ha. für sie bestimmt ind. während der Rest Ende Juni 1902 für neue Kolonisten zur Verfügung standen, inzwischen sind in Mosesville 45 Fam., in Mauricios 50, in Entrerios 20 neuangesiedelt worden, und für diese 120 Familien etwa 80,000 Ha. zur Verfügung gestellt. Es braucht t!aum gesagt zu werden, daß die den Kolonisten zur Verfügung stehenden enormen Terrains nur zum geringen Theil angebaut sind. Die bestellte Fläche umfaßte im Berichtsjahre ca. 60,000 Ha., gegen 47,000 Ha. im Vorjahre. Die Zahl der Kolonisten ist von 906 im Jahre 1900 auf 1095 im Berichtsjahre, die Zahl der Familien von 1289 auf 1440, und die Bevölkerungszahl einschließlich der jüdischen Tagelöhner von 6782 auf 7897 gestiegen. Dies günstige Geammtresultat ist so erfreulich, daß wir seinetwillen uns mit den unerfreulichen Erscheinungen auf den einzelnen Gebieten aussöhnen müssen. Unerfreulich sind zunächst die enormen Verwaltungskosten, die sich nach Sonnenfeld's Bericht auf jährlich 350,000 Dollar belaufen. Dieser gewaltige Apparat, um eine Bevölkerung von ca. 7000 Seelen zu verwalten, stellt selbst die vielbeschrieenen Verwaltungskosten der Rothschildsschen Kolonien in Palästina in Schatten. Von diesen 350,000 Dollar beansprucht die Zentrale in Äuenos- Aires mit 72.840 Dollar den Löwenantheil, ferner kostet die Verwaltung von Mosesville 12,600, die von Mauricio 11,400 und von Entrerios 37,760 Dollar. Der Rest von 220,000 Dollar geht auf den Unterhalt der Polizei und der Schulen, für Aerzte und Medicamente, zur Unterhaltung der Verkehrswege etc. Pro Kolonisten macht es allein für Gemeindekosten eine Jabresausgabe von 1426 Mk. aus. Dabei läßt die Verwaltung noch sehr viel zu wünschen 'übrig! Die Direktion in Buenos-Aires ist zu bureaukratisch. Tie meisten der Beamten sind keine Juden. Die Verbindung der Centrale mit den einzelnen Kolonien ist sehr lose. Einige der Administratoren auf den Kolonien halten sich für selbstständig und kümmern sich wenig um die Anordnungen der Zentrale. Solche und ähnliche Klagen muß Dr. Sonnenfeld selbst über die Administration führen. Es soll nunmehr versucht werden, die Administration zu vereinfachen resv. zu verbilligen und die Verwaltung in die Hände der Kolonisten selbst zu legen. Indessen dürfte es nicht ganz leicht werdenden von der bisherigen Administration angestifteten Schaden wieder gut zu machen. Die bisher gemachten Ausgaben, welche naturgemäß doch früher oder später bis auf Heller und Pfennig von den

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