Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1903-08-06 · Heft 62 (6.8.1903) · page 28

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 62 (6.8.1903)
Date
1903-08-06
Page
– (sequence 28)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2449890-2449948--58805-2523240
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

folgt zur Strafe der Verweichlichung, der Untergang, — wer ist daran schuld?! Alleauf der Welt geschieht nach unveränderlichen Gesetzen: das dürre Laub fallt ab, gesellschaftliche Klassen, die ihre Botschaft nicht erfüllen, gehen unter und verschmelzen sich mit Anderen. Gewinnen, wie Sie voraussehen, die Juden die Oberhand, so geschieht dies deßhalb, weil wir dies zuließen durch unsere Schwachheit, weil die Summe ihrer Verdienste und positiven Eigenschaften großer ist, als die unsere. Dann erst dürfen wir Verse machen und weinen!" „Mein Gott!" rief Einer. „Mein Sohn dient vielleicht noch einmal als Oelonom bei irgend einem „Hirsch oder Moses!" „Bah!" sprach Boakoam. „Es wäre noch ein Glück für ihn, ' wenn er ihn ännehmen wollte! Ich würde es nicht thun! Denn aus dem würde ein reizender Landwirth!" So hätte mit Gelächter diese ernste Unterhaltung geschloffen, wenn Jakob, der sich für verpflichtet hielt, sich zu erkennen zu geben, und daher nicht länger an sich halten konnte, gerufen hätte: „Verzeihung, meine Herren, wenn ich ein unerwartetes Geständniß ablege, zu dem ich mich aber meinerseits verpflichtet halte. Ich glaube, die Herren wußten bisher wohl nicht, daß ich — Jude bin!?" Alle blickten ihn fast mit Empörung an. Jakob blieb ganz ruhig. Am wenigsten überrascht war der Wirih und Boakoam. welcher lachend sagte: „Tann haben Sie, verehrter Herr, eben jetzt wohl genug gehört!" „Ich hörte es geduldig und nicht ohne Nutzen mit an!" sagte Jakob. „Ich bitte, nicht zu glauben, daß ich mich irgendwie gekränkt fühle. Das. was die Herren sagten, vermutbet bei uns fast Jedermann, wie die Herren auch wohl errathen mögen, was man bei uns manchmal von Ihnen spricht!" „Auf Ehre, das ist ein interessanter Vorfall!" sagte Jemand bei Seite. „Die Herren sprachen übrigens allzu schmeichelhaft von uns!" fuhr Jakob fort. „Wir haben Vorzüge, aber auch Fehler, zu denen wir uns gerne bekennen!" „Nicht Alle!" flüsterte der Wirth. „Wie die Herren auch!" meinte Jakob. „Da aber einmal von uns die Rede ist und ich. wenn auch nur zufällig. den Vorzug hatte, an Ihren Berathungen und Bemerkungen über die Zukunft Theil zu nehmen, so sage ich es grad heraus, daß ich nicht glaube, die Herren würden sich über ein Bündniß mit uns zu beklagen haben. Nur scheinbar wäre es widerlich, denn es würde Sie stets an Knoblauch und Zwiebeln erinnern!" „Wie Boakoam treffend sagte!" rief der Dicke. „Unter heutigen Umständen aber," schloß Jakob, „können die Herren nicht genug Freunde und Bundesgenossen haben!" v ■ „Ja, könnte man nur auf Eure Freundschaft' . zählen!" sagte Boakoam. „Ihr werdet aber nur so lange mit uns sein, als sie uns nicht erdrücken, und werdet zum Feinde übergehen, wenn wir unterliegen, werdet uns verrathen und vielleicht kommt Euch auch noch die Lust zur Rache an!" „Nein!" rief Jakob. „Sind unter uns nur Einige derselben Ueberzeugung, wie ich — und es sind dies Viele — so lassen wir es nicht zu, daß das Volk sich besudle — so werden wir treu sein in Glück und Unglück!" „Um aus uns bei Glück und Unglück Nutzen zu ziehen," unterbrach ihn Boakoam. „Entschuldigen - Sie, verehrter Herr, daß ich so offen rede. Aber der Anfang ist schon gemacht, man sprach es schon ziemlich deutlich aus: Wir bleiben gänzlich stecken. Ich gebe all' unsere schlimmen Eigenschaften zu, die Fehler des Adels, unsere Schuld — mea culpa — ich selbst stecke bis über die Ohren in diesem Moraste! Aber bei Gott! Sehe ich mir diese Eure Führer Israels an, wie sie hier in Warschau sind, so mag ich nicht prüfen, intotefent sie besser sind, als wir! Ihr zeiht uns aristokratischen Stolzes? Nun, so geht einmal zu einem der hiesigen Bankiers, seht Euch deren Vorzimmer an, ihre süßliche Aufnahme, ihre höfliche Unterhaltung, ihren herzlichen Umgangston, ihre Artigkeit, Gefälligkeit und Barmherzigkeit — dann sagt mir einmal ehrlich, wer besser ist! Mit einem Worte, ich stehe Ihnen dafür, daß Herr Andreas, der eine ununterbrochene Ahnenreihe seit Florians, dem Grauen, zählt, und Vorfahren rönialichen Geblütes, weit populärer ist! Aber lassen wir das!" „Dem will ich durchaus nicht widersprechen!" sprach Jakob lächelnd. „Auch bei uns sind die Leute und Leutchen verschieden. Das Geld hat es an sich, daß es aufbläht, wie eine unverdauliche Speise. Es nährt den Stolz und macht den Menschen unzugänglich. So Viele sind gierig nach ihm, so unaufhörlich sind die Angriffe auf die Taschen der Juden, daß man sich nicht wundern darf über ihre etwas grobe Abwehr. Uebrigens muß ich noch zur Entschuldigung meiner Glaubensgenossen bemerken, daß sie, die man aus der Gesellschaft ausgestoßen, die überall schiefe Blicke, schlechtverhüllte Spöttereien. Widerwillen und Vorurtheilen begegnen, nicht gerade die höflichsten Formen annehmen konnten. Civilisiren Sie uns, meine Herren, mit guten Beispielen!" Verantwortliche Redaktion: Oscar Lehmann in Mainz. — Expedition des Israelit', Schottstraße Nr. 2, Mainz. Truck und Verlag der Joh. Wirth'schen Hofbuchdruckerei Actien-Gesellschafr in Mainz. (Fortsetzung folgt.) I 1 f

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.