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Der Israelit · 1903-08-06 · Heft 62 (6.8.1903) · page 17

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 62 (6.8.1903)
Date
1903-08-06
Page
– (sequence 17)
Language
German
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44. Jahraatig. zu Jß 62?,< Jüdische Begeisterung. Von Jacob Hoffmann, Rabb. Cand.—Preßburg. Nichts bedarf der Mensch im gesellschaftlichen Leben so unumgänglich, als der Begeisterung. Nichts vermag ihn zur Schaffung einer edlen That, zur Beförderung einer humanen Aktion so anzuspornen, wie der Enthusiasmus. Er ist es, der die erschlafften Glieder zu neuem Leben erweckt, der den kalten Jndifferentismus verscheucht, und ein warmes Interesse für jedes edle Vorhaben wachruft. Ohne Begeisterung ist jede That blos ein „Mechanismus" Treiben, das an jeder natürlichen Klippe nothwendigermaßen scheitern muß. Die Begeisterung hingegen kennt keine Schranken, scheut keine Hindernisse, kämpft unerschütterlich fort, bis sie ihr Ideal verkörpert sieht. * Gilt dies bei einem Einzelnen als unumstößlicher Grundsatz, umsomehr muß sie von einer Gemeinschaft, von den Faktoren des gesellschaftlichen Lebens bethätigt werden. Ist sie das belebende Element des einzelnen Wirkens, umsomehr bildet sie den Brennpunkt eines Wirkens, das der ersprießlichen Thätigkeii „Vieler" sein Entstehen, seine Vollendung verdankt. Oder ist. nicht die Begeisterung die eine durch mannigfaltige Individuen verrichtete Arbeit zu einem vollendeten Ganzen gestaltet, nicht die gleiche Extasis, die das Talent und die Kraft, das Wollen und Können „Aller" in harmonischen Einklang zu bringen vermag? Ein herrliches Bild der schaffenden Kraft jüdischer Begeisterung widerspiegelt jene erhabene Haitarah Nachmu, die wir am kommenden Sabbat zur Verlesung bringen. Ein poetisch schwungvoller, rythmisch vollendeter Trostgesang ertönt von den Lippen des Propheten. Welch' wunderbare Erscheinung! Der Ausblick auf eine lichte Zukunft, in der Israels Leiden und Kämpfe zu Ende, entlockt ihm Worte der Beruhigung, wie wir lie nie früher gehört. Und siehe! Nach Jahrtausenden noch stammeln Aller Lippen dieselben Worte, hört man in allen gottgeweihten Stätten das „Nachamu. Nachamu Ami". Was hat diese wunderbare Harmonie zu Tage gefördert? Die Begeisterung! Bringt doch der Dichter mit seiner Dichtung, der Tonkünstler mit seiner Musik, seinen Seelenzustand, seine Gemüthsstimmung, seine rdealisirte Auffassung zum Ausdrucke. So schüf die Begeisterung die Harmonie. „Die Wlllkweishert ist die vortrefflichste Musik" — läßt Men?, delsfohn seinen Sokrates sagen — „denn sie lehrt uns, nicht nur unsere Gedanken und Handlungen unter ' sich, sondern d'ie Handlungen des. Endlichen mit den Absichten des Unendlichen, die Gedanken des Erdenbewohners mit den Gedanken des allerhöchsten Wesens, in eine große und wundervolle Harmonie zu stimmen.^ Wo ist aber die Pflegestätt'e dieser „Weltweisheit"?" Wo kann dieser „Weltweisheit" Geltung verschafft werden? Im jüdischen gesellschaftlichen Leben! Das gesellschaftliche Leben, wenn es von echt-jüdischem Geiste durchweht ist, erfüllt diese Mission. Es befördert die Zusammengehörigkeit, das Zusammenwirken. verschiedener Fraktionen, pflegt das sittlich-moralische Wesen, kultivirt Humanität und Nächstenliebe, bewahrt die Traditionen, Sitten und Gebräuche der Ahnen. Das ist die eigentliche „Welt weis heit" im jüdischen Sinne, die die Handlungen des Endlichen mit den Absichten des Unendlichen in Einklang zu bringen verm'ag. Womit wird aber eine Institution, deren Gedeihen von jedem Einzelnen abhängt, des Erfolges sicher? Wodurch kann sich diese „vortreffliche Musik" — durch Viele komponirt — zu einem harmonischen Ganzen gestalten? Durch d'ie ungetheilte Begeisterung der wirkenden Elemente. Denn wo nicht Begeisterung für die Sache, sondern Privat-Jnteresse, Egoismus, Ruhmsucht die leitenden Motive sind, muß unbedingt eine Disharmonie die ganze Thätigkeit beeinträchtigen. Wo verschiedene Absichten, verschiedene Bestrebungen dem öffentlichen Wirken zu Grunde liegen, wo jede That einem anderen Beweggründe entstammt, und Jeder Sklave einer anderen Gemüthsbewegung ist, kenn unmöglich das gesellschaftliche Leben Träger der „Weltweisheit" werden. Denn wo Jeder persönliche Zwecke verfolgt, wird unbedingt ein Kampf zwischen den Funktionären heraufbeschworen, dessen Waffen — Neid, Mißgunst — die ideale Gesinnung seiner Handhaber gänzlich ertödtet. ErHrüft einer die Initiative, zu einem gemeinnützlichen Werke, wird der Ändere das begonnene Werk nicht nur nicht unterstützen, er wird sich scgar erdreisten, mit einer Gegenaktion das ganze Vorhaben vereiteln zu wollen, damit ja nicht dem Andern, die Palme des Urhebers zukomMe. Wieanders aber, wenn die heilige Flamme der Begeisterung alle Gemüther durchweht, wie befruchtend die Thätigkeit. wenn sich das Ziel, der Zweck Aller, in einem Punkte konzentrirt, wenn . alle Faktoren das Gemeinwesen, das Gemeinwohl zum Leitfaden ihres . Wirkens nehmen. Alsdann entstammt jede Regung, jede Handlung einem heiligen Urstoffe, jedes Streben.

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