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Der Israelit · 1903-08-06 · Heft 62 (6.8.1903) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 62 (6.8.1903)
Date
1903-08-06
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1363 „Du fragst nach meinem Begehr, mein Sohn." Hub er an, „siehe, ich komme sehr weit her und bin schon seit heute früh unterwegs, ohne etwas gegessen zu haben, auch weiß ich noch nicht, wo ich heute Nacht mein müdes Haupt zur Ruhe legen soll. Hast Du vielleicht ein Eckchen, wo ich übernachten kann?" „Gewiß habe ich einen Platz für Dich, alter Vater. Es wäre ja ein Verbrechen, Dich so ziehen zu lassen. Gedulde Dich einen Augenblick, ich will Dir alles zu Essen holen, was ich habe: ein wenig Fleisch, Vrod und Wein." „Laß das nur, bringe mir ein Stück Brod und einen Krug Wasser, damit bin ich zufrieden." „Ganz wie Du wünschest," entgegnete ihm der Ausseher, und hinaus war er. „Es vermuthet doch Niemand den Joses unter der Kutte," sprach der Mönch, der niemand anders, als unser Freund Josef lachend vor sich hin: „Der erste Theil ist gelungen, gebe es Gott, daß sich der zweite Theil meines Vorhabens ebenso glatt abwickelt." Er wurde in seinen lauten Gedanken durch den wieder eintretenden Alten unterbrochen, der ihm einen Laib Vrod und einen Krug Wasser hinstellte. Josef griff wacker zu, denn er hatte in Wirklichkeit den ganzen Tag noch nicht viel zu sich genommen. Lächelnd sah ihm der Aufseher zu, wie er dem Vrod so kräftig zusprach. „Es schmeckt doch nach einem solchen Marsche," meinte der Alte. „Aber sage mir, alter Vater, warum unternimmst Du noch solche anstrengende Märsche? Sind dazu nicht Jüngere da?" '„Die Pflicht, die Pflicht," entgegnete ihm der angebliche Mönch. „Ich habe mir einmal zum Ziele gesetzt, das Christcnthum zu verbreiten und werde es. auch ansführen. Wie viele Juden konnte ich schon durch die Taufe vor der ewigen Verdammniß retten! Ist dies nicht der Mühe werth? Und wird mein Lohn im Himmel dafür nicht groß sein?" „Das mag wohl sein; aber lasse das doch den Jüngeren zukommen und schone Dich in Deinem Alter; wenn Du es aber auf die Juden abgesehen hast, dann weiß ich noch einen, bei dem Du Dein Glück versuchen kannst. Es ist ein hartgesottener Sünder." „Wo ist er?" frug Josef scheinbar sehr erstaunt. „Er ist ganz in der Nähe, nämlich im Gefängniß, und er soll wahrscheinlich morgen verbrannt werden. Wie viele haben schon versucht, ihn zu bekehren, doch vergeblich. Er ist und bleibt der alte, hartnäckige Jude." „Wer ist das?" frug der Mönch. „Es ist Don Manuel von Sevilla, der schon seit Monaten hier gefangen ist. Du kannst ja einmal zu ihm gehen, er wird Dir aber jedenfalls gar keine Antwort geben." g U es versuchen, begleite mich zu seiner Der Wärter zündete seine Fackel an und schritt voran. Lange, feuchte Gänge durchschritten sie und mit Schaudern dachte Josef an die eine Nacht, die er hier verlebt hatte. Endlich hielt der Alte an und knarrend drehte sich der Schlüssel in dem Schlosse, die Thüre öffnete sich und das Licht der Fackel fiel auf das abgezehrte Gesicht Manuels. Mit stummem Mitleid betrachtete ihn Josef. Also das war aus dem Manne geworden! Zu einem Krüppel hatte ihn die Kerkerluft gemacht, aber er wollte dem ja jetzt ein Ende machen. „Laßt mich jetzt allein mit dem Gefangenen," wandte er sich an den Aufseher, „ich werde den Weg allein zurückfinden." Schweigend gehorchte der Alte und entfernte sich langsam. ■ - Während Don Manuel beim Eintritt des Mönchs sich, mit Abscheu abwandte, wurde er beim Klange der Stimme Josef's aufmerksam. Wo hatte er dieselbe schon gehört? Seine Erinnerung verließ ihn. Da warf Josef seine Kutte ab und mit einem Freudenschrei fiel Manuel ihm um den Hals. Lange verharrten sie in dieser Stellung. Josef raffte sich zuerst auf. „Es ist keine Zeit zu verlieren, Don Manuel! Ich bin gekommen, um Dich zu befreien, folge mir! Frage mich jetzt nichts, denke jetzt nur an Deine Rettung, nachher will ich Dir alles erzählen." „Beantworte mir nur die eine Frage: Wo befindet sich mein Weib, meine Tochter?" „Sie sind wohl! Deßwegen kannst Du beruhigt sein. Jetzt folge mir. aber vorsichtig, ohne Lärm zu machen." Leise schritten sie in dem langen Gang vorwärts, jedes Geräusch'vermeidend; und glücklich gelangten sie bis zum Zimmer des Wärters. „Jetzt vorsichtig," mahnte Josef." sonst ist alles verloren; oder ich müßte im Falle der Noth den Wärter Den Nest des Satzes konnte Manuel nicht verstehen, aber er wußte, was Josef meinte. Zu ihrem Glücke war die Thüre zu des Aufsehers Zimmer fest geschlossen und glücklich kamen die Beiden bis. zur Thüre des Gefängnisses. Der Schlüssel steckte. Mit aller Vorsicht drehte ihn Josef um und öffnete die Thüre, sie waren frei.- „Endlich frei!" stammelte Manuel glückselig. „Folge mir schnell, es ist keine Zeit zu verlieren." Schnell bogen sie um die Ecke, wo einer der Freunde Josef's mit drei Pferden auf sie wartete. Mit der größten Eile bestiegen sie dieselben, und nach wenigen Minuten hatten sie die Stadt durchritten und eilten unter Josef's Führung nach dem Dorfe, wo sich die Gattin und Tochter Manuel's aufhielten. „Wo reiten wir hin?" fragte Manuel.

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