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Der Israelit · 1903-08-03 · Heft 61 (3.8.1903) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 61 (3.8.1903)
Date
1903-08-03
Page
– (sequence 11)
Language
German
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J 1851 Oesterreich. Baden, bei Wien, 28. Juli. In dem Augenblicke, als an einem der letzten Renntage auf dem Badener Trabrennplatze der Rennfahrer Sigmund Spitz entseelt von seinem Wagen Herabsiel, als die Wiitwe und der Sohn des plötzlich Dahingerafften bei der Leiche des Gatten und Vaters schmerzlich erfüllt wehklagten, als der Kontrast zwischen dem Vergnügen des Rennsports und dem Schrecken des Todes das Publikum erschütterte, da entpuppte sich die Seele und das Gemüth eines echten Antisemiten in ihrer widerlichsten Gestalt. „Das macht nichts," sagte Herr Vinzenz Hofmüller, Komiteemitglied des Badener Trabrennvereins, „cs ist halt wieder ein Jud weniger". Einer anderen Version zufolge soll er gesagt haben, „ein Saujüd weniger!" Es ist sehr gleichgültig, welche von diesen beiden Versionen die richtige ist, — ob Jud, ob Saujud, die Absicht, den Todten, seinen Glauben und seine Abstammung zu schmähen, ist dieselbe, und selbst nach dem eigenen, unglaubwürdigen Zugeständnisse Hofmüller's, wonach er gesagt haben soll: „ein Fahrer weniger," liegt ein Fall unglaublicher Gcmüthsroheit vor. Wir möchten dennoch mit dem Einzelnen nicht allzustrenge in's Gericht gehen; Herr Hofmüller ist nicht roher und nicht unmenschlicher als die Umgebung, als das Milieu, aus dem heraus die angesichts einer Leiche ausgesprochene Aeußerung sich seinem antisemitischen Herzen entrungen hat. Seit Jahrzehnten wird die nichtswürdige Agitation betrieben, die dahin geht, den Juden außerhalb der menschlichen Gesellschaft zu stellen, ihn des Anspruches auf bürgerliche Achtung und menschliches Mitgefühl zu berauben. Die Stadt Baden, die ihren Aufschwung zum weitaus größten Theile dem Massenbesuche jüdischer Kurgäste und Sommerpartieen verdankt, ist ein Hauptherd dieser Agitation. Hier wiederholt sich alljährlich eine merkwürdige Temperaturerscheinung. In der heißen Jahreszeit wird nämlich der Antisemitismus kalt gestellt. Später ändert sich die Stimmung. Die „gnädige Frau" vom Sommer wird im Winter eine „dicke Jüdin" und die „Herrschaften", deren Geld man mit allen Händen genommen, verwandeln sich im Gesprächsthema der Tafelrunden beim „goldenen Hirschen." beim „goldenen Lamm", wie überhaupt in der ganzen Menagerie der Wirthshausschilder zu einer „Judenbagage". Das goldene (!) Badener Herz ist durch und durch antisemitisch und ein Abglanz dieser Stimmung strahlt auf die Direktionsloge des Trabrennplatzes, auf die tausende jüdischer Turfbesucher herab, die durch ihre Entrees und durch ihre Wetten die „Traber- Zucht heben" zu sollen glauben. Die Juden sollten es denn doch lieber vermeiden, sich irgendwo und irgend Jemand aufzudrängcn. Wenn die Badener die Juden nicht mögen, so gibt es ja zahlreiche andere ebenso heilkräftige Thermen wie die Badener Schwefelquellen, und viel gesündere und angenehmere Sommerfrischen, in welchen die Juden freundlich ausgenommen werden. Die Antisemiten sagen den Juden nach, daß diese, überall zu finden sind, wo man ohne Arbeit Geld gewinnen kann. Es würde sich den Juden sehr empfehlen, durch das Fernbleiben von der Rennbahn diesem Vorwurfe zu begegnen. Krakau. In der Angelegenheit der ohne Wissen ihres Vaters getauften unmündigen Kinder Reiß hat vor einigen Monaten der Magistrat in Krakau die Taufe der beiden älteren Kinder als ungesetzlich, hingegen die des jüngsten für rechtmäßig bestehend erkannt. Gegen die letztere Entscheidung hat der Vater des Kindes durch seinen Rechtsfreund Dr. Raphael Landau in Krakau an die Statthalterei in Lemberg rekurrirt. Diesem Rekurse wurde stattgegeben und die Taufe dieser dreier Kinder als ungesetzlich erkannt. Die Kinder werden jetzt dem Vater durch das Gericht zurückgestcllt werden, wenn sie nicht etwa wieder plötzlich unauffindbar sein sollten. St. Wolfgang. (Eine Lebensrettung.) Am 7. Juli, Abends gegen 9 Uhr, fuhr die Schiffersgattin Höpplingec. bei ziemlich bewegtem See. mit einem Ruderboot in ihre nächst St. Wolfgang befindliche Schiffshütte. Durch einen bisher noch nicht aufgeklärten Zufall kippte das Schiff um, die Frau stürzte in's Wasser, und nachdem sie nicht mehr die Kraft hatte, sich an dem Boote anzuhalten, sank sie in die Tiefe. Durch die Hilferufe aufmerksam gemacht, lief Herr Otto P o l l a k, ein Sohn des kaiserl. Rathes Alois Pollak in Wien, von der in der nächsten Nähe befindlichen Villa seines Vaters zum Seeufer, stürzte sich in's Wasser und holte mit eigener Lebensgefahr die bereits bewußtlose Frau Höpplinger aus den Wellen. Erst nach langen Bemühungen gelang es, die junge Frau zum Leben zurllckzurufen. Mltttzeilüngen aus Den liiö. ArMSverelM unü fit dieselben. (Sümmtllche Md. Wanderbettelvereine und Kaffe« für Durchreisende sind gebeten, uns Mitthsilungerr über Erfahrungen, die sie auf dem Gebiete ihrerA Thütigkeit machen, zukommen zu laffen.) WindSbach, 30. Juli. An der hiesigen Armenkasse war heute ein Mann in den 60er Jahrem mit jüdischem Typus, kleiner Gestalt, graumelirtem Vollbärtchen, spricht elsässischen Dialekt, dabei oft jüdische Wörter — besonders das Wort Mizwoh führt er oft im Munde — und verlangte Unterstützung, nachdem er schon in allen jüdischen Häusern als jüdischer Armer gebettelt hatte. Nach dem Paß befragt, sagte er, diesen habe er zur Zeit nicht, er hieße: Jakob Abraham, sei Goldschmied aus Vorweiller im Elsaß. Da er auch

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