Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 59 (27.7.1903)
- Date
- 1903-07-27
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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^jp»Mnäin‘ r ff-s— —WjwawaiAife wdmrms&ssBB 44. Jahrgang. NchtlSgülhks M Wahl in Flatsin-Alaßa». Aus den Kreisen des Ostmarkenvereins wird geschrieben: Der überraschende Wahlsieg des Antisemiten Vöckler im Kreise Flatow-Schlochau gibt mit Recht Veranlassung, nach den Ursachen dieses Erfolges zu forschen. Da den Antisemiten in vielen Orten die Abhaltung von öffentlichen Versammlungen erschwert wurde, sahen sie sich genöthigt, im ausgedehntesten Maße sich auf die Kleinagitation zu werfen. Konnten sie in einem Orte keinen Saal bekommen, so hielten sie Zusammenkünfte^ bei Schnaps und Bier. Dabei wurde den Theilnehmern dargestellt, daß alles Unglück und Elend von den Juden käme. Bei jedem Verbrechen habe der Jude die Hand im Spiel, die Macht des Judenthüms reiche so weit, daß unsere Beamten, unsere Richter, kurzum jede staatliche Institution, unter jüdischem Einflüsse ständen. Es sei fast die Regel, daß, wenn ein armer Bauer oder Handwerker vor Gericht erscheinen müsse, sei der Richter Jude oder getaufter Jude, der Rechtsanwalt selbstverständlich Jude, und unter solchen Verhältnissen müsse natürlich jeder anständige Christ immer zu Gunsten der Juden verurtheilt werden. Weiter wird dann dem staunenden Zuhörer erzählt, wie das jüdische Großkapital sich auch die Reichsbank nutzbar gemacht habe, so daß auch das „vornehmste Geldinstitut des Reiches" eigentlich nur zum Nutzen des Judenthums da sei. Ein sehr beliebtes Beispiel hierfür war. daß Herr Bleichröder nur ein Blatt Papier, d. h. einen Chek, zur Reichsbank mit seiner Unterschrift zu schicken brauche und ohne Anstand eine Million, womöglich noch mehr, darauf ausgezahlt bekomme. Der ehrlichste Bauer aber solle es einmal versuchen, zur Reichsbank zu gehen, um auf seine Unterschrift und sein ehrliches Gesicht hin einen kleinen Kredit zu erbitten, ihm würde mit Hohnlachen die Thür gewiesen werden. Ferner wird über die Unzweckmäßigkeit des Alters- und Jnvaliditätsgesetzes weidlich geschimpft, wie die Verwaltung des Rcichsversicherungsamtes mit den sauer erworbenen Groschen des kleinen Mannes nur zu Gunsten ihrer Beamten wirtschaftet; wenn das nicht der Fall wäre, so könnte die Altersgrenze ganz gut auf 60. höchstens 60 Jahre festgesetzt werden. Die Beiträge hierzu werden zu Unrecht von dem kleinen Mann erhoben, viel richtiger wäre es, wenn die ganzen Kosten für die Jnvalidcnversicherung von den reichen Börsenjuden getragen würden. . Im persönlichen Zusammensein werden die unglaublichsten Zusicherungen gemacht. Es ist z. B. vorgekommen, daß einer der Agitatoren den Arbeiter, der sich gerade Schnaps kauft, fragt: „Lieber Freund, was kostet denn der Schnaps?" und als ihm dieser erwiedert: „40 Pfg. der Liter," ihm auf die Schulter klopft und sagt: „Lieber Freund, wenn Ihr mich am 16. Juni wählt, so werde ich dafür sorgen, daß in Zukunft der Liter Schnaps nur 25 Pfg. kostet." Die Ermordung Winters wurde selbstredend als Haupttrumpf gegen die Juden ausgespielt. Wie die Reden der Antisemiten auf die urtheilslose Masse wirken, geht z. B. daraus hervor, daß, als nach den hetzerischen Ausführungen Böcklers in einer Versammlung zu Hammerftein der angesehene jüd. Rittergutsbesitzer Bernsten die Frage aufwarf, was denn nun eigentlich geschehen solle, ob man es ebenso treiben wolle, wie in Kischinew, ihm von verschiedenen Seiten aus der Versammlung zugerufen wurde: „Jawohl, das machen wir auch!" Tatsächlich wurden auch Drohreden gegen Herrn Bernsten laut, „daß er diesmal nicht gesund nach Domslaff käme." Der Schluß der Antisemiten lautet immer: Die Juden müssen wieder aus Deutschland herausgebracht werden: auf jeden Fall muß die Einwanderung untersagt werden und diejenigen, die wir nicht ausweisen können, denen sollen die staatsbürgerlichen Rechte beschränkt werden. Wenn's geht, soll den Juden auch ihr „unrechtmäßig erworbenes Geld" mit Gewalt wieder abgenommen werden. Wie agitirten gegenüber dieser Fanatisirung die anderen Parteien? Die Polen und das Zentrum traten von vornherein je als geschlossene Masse auf. Sie bekamen von ihren Geistlichen den Stimmzettel und traten Mann für Mann an die Wahlurne. Die Vündler, die Parteigänger des früheren Abgeordneten Hilgendorff, hatten ihre Hauptstärke in den landwirthschädlichen Vereinen. Die Theilnehmer der Versammlungen waren in der Hauptsache Angehörige des Bundes der tzandwirthe. Die Liberalen bezw. das deutsche Wahllomitee, hatten Justizrath Wagner- Berlin auf den Schild erhoben. Dieses Komitee begegnete seitens der städtischen Bevölkerung lebhaften Sympathien, aber eine Organisation mußte erst vollständig neu geschaffen werden. Eine sehr gute Hilfe bot mit wenigen Ausnahmen die Lehrerschaft, und wenn man die auf dem Lande erreichte Stimmenzahl betrachtet, so darf mit Recht behauptet werden, daß die Lehrer auch auf dem Lande bemüht gewesen sind, bestmöglichst für die Sache zu wirken.. Leider versagte in der Hauptsache die städtische Bevölkerung. Mit wenigen rühmlichen Ausnahmen wurde die Sache von den