Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 59 (27.7.1903)
- Date
- 1903-07-27
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1307 wider Erwarten zum Jubel der Eingekerkerten. Der erste Schritt zur Rettung war gethan. Die Hauptschwierigkeit stand noch bevor. Das Fenster war von einem Einzelnen ohne Hilfe nicht zu erreichen. Wer sollte bei der Flucht den Letzten, der durch das Fenster entkam, unterstützen? ..Wir wollen losen." ricthen einige. „Nein, ich bleibe im Gefängnisse zurück." rief Josef. „Meder das Eine, noch das Andere," entschied Don Manuel, „sondern ich bleibe zurück, während Ihr Euch zu retten suchet. Bin ich doch die Veranlassung, dass Ihr in diese traurige Lage gekommen seid." Keine Widerrede seiner Genossen konnte Manuel bestimmen, seinen einmal gefassten Vorsatz aufzugeben. Schmerzerfüllt nahm Manuel von seinen Freunden Abschied. Würde er sie jemals Wiedersehen, welches traurige Schicksal wartete seiner? Er wagte nicht daran zu denken. Da wurde er in seinem Hinbrüten aufgcschreckt. Die Gefangenen waren glücklich aus dem Gefängniss entkommen und suchten ihr Heil in der Flucht. Nur Josef war noch zurückgeblieben: nochmals versuchte er Manuel umzustimmen. doch vergebens bat er ihn zu fliehen, während er Zurückbleiben wollte. „Mas liegt mir am Leben. Ich habe weder Vater noch Mutter, noch Geschwister, auf die ich Rückstcht zu nehmen hätte; also lasse mich zurück und fliehe Du. Denke Du an Deine Familie, an Deine Gattin, die Du zur Wittwe machst, an Deine Tochter, die zur Waise wird. Fliehe, rette die Deinen, solange es noch ZcU ist, denn bald wird es zu spät sein." Schmerzlich wurde Manuel betroffen, als ibn Josef so an seine Familie erinnerte. Hatte Josef nicht reckt, war er es nicht seinen Angehörigen schuldig? Doch nein, er wollte bleiben. Konnte ihn nicht Gott noch reiten? Denn war er durch die Flucht schon gerettet, wenn es für ihn bestimmt war, jetzt zu enden? „Ich bleibe hier, und Du gehst," entschied Manuel mit einem Tone, der keinen Widerspruch duldete. «Wenn Du etwas für mich thuen willst, dann höre mich an: Sobald Du aus dem Gefängniss kommst, gehst Du nach meinem Hause, packst das Nöthigste zusammen und schliesst Dich mit meinen: Weibe und meiner Tochter den anderen Flüchtlingen an. Sei vorsichtig. Gott schütze Dich, sowie er auch mir helfen möge." „Ich werde Dir zu Hilfe kommen, hoffe auf mich, nichts werde ich unversucht lassen. Dich zu retten, vor keinem Mittel schrecke ich zurück, um Deine Fesseln zu zerreißen. Denn wisse, morgen wird mein Ruf ergehen und von allen Nachbarorten werden jüdische Jünglinge mit bewaffneter Hand berbeieilen, um Deine Kerkermauern zu zerbrechen und Dich zu befreien, noch lebt der alte jüdische Geist, noch ist Israel nicht gänzlich vernichtet. Auch der Wurm krümmt sich, wenn er getreten wird. Wehe den Unterdrückern, sie sollen uns kennen lernen." Josef hatte dies mit einer solchen Begeisterung gesprochen, dass selbst Manuel davon hingerissen war; doch nur einen Augenblick, da hatte er wieder seine gewohnte Ueberlegung. „Will die Mücke gegen den Löwen kämpfen? Was wollt Ihr Knaben gegen, ein Heer von Waffen ausrichten? Hütet Euch vor einem derartigen Unternehmen! Nur zu neuen Greuclthaten wird es Anlass geben und neue Qualen werden unsere Glaubensbrüder erleiden müssen. Folge dem Rathe eines erfahrenen Mannes und thue, was ich Dir sagte. Mir wird Gott schon helfen." Enttich nach langem Weigern verstand sich Josef dazu, mit Hülfe Manuels zu entfliehen. Jetzt war Manuel wieder allein und seine Lage kam ihm jetzt recht zum Bewusstsein. Solange seine Freunde bei ihm waren, hatte er seine Ruhe bewahrt, aber jetzt brach er ohnmächtig zusammen. Die Aufregung des Abends war zu gross gewesen. . V. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich an anderen Morgen die Nachricht von der Gefangennahme Don Manuels und seiner Genossen. Jubelnd zogen die Volkshaufen nach dem Gerichtshause, um die Verurtheilung der Juden mit anzuhören. Stand ihnen doch wieder das schönste Schauspiel, das Auto dass», das sie so lange entbehren mutzten, bevor. Dichtgedrängt von Zuschauern war der Saal, in dem die Verhandlung stattfinden sollte, und gespannt warteten Alle, bis der Großinquisitor die Verhandlung mit den Worten eröffnete: „Man bringe die Gefangenen." Erwartungsvoll schauten Alle nach dem Eingänge, nur der Großinquisitor und die übrigen Richter behielten ihre gleichgiltig kalten und grausamen Gesichter. - Da endlich nach langem Warten öffnete sich die Thüre und herein tritt, geführt von zwei Wärtern, mit stolz erhobenem Haupte Don Manuel. Man konnte meinen, er sei der Aufseher und die ihn begleitenden Wärter die Angeklagten, so entsetzt ivaren ihre Gesichter. Was sollten sie zur.Flucht der übrigen Gefangenen sagen? Sie waren für ihre Gefangenen verantwortlich, und welche Strafe drohte ihnen! Da wurden sie in ihrem Nachdenken durch den Inquisitor unterbrochen. „Warum bringt Ihr nicht gleich die übrigen Gefangenen. wie ich Euch befahl?" Entsetzen malte sich auf der beiden Antlitz. Was sollten sie antworten? «Sie sind nicht mehr da," stammelte endlich der muthigste von ihnen.