Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 58 (23.7.1903)
- Date
- 1903-07-23
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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44. Jahrgang. ge zu jfs 58 des *u u ciiii) MMtlfslWW Miöicpti )\t Folge» iojittlct ütfdciHünpP III. Bei der Beurtheilung der russischen Metzeleien und andererseits der Judenpolitik der russischen Regierung wird gewöhnlich dem panslawistischen Zuge nicht genügend Rechnung getragen. Judenthum und Orthodoxie sind nicht die streiterregenden Gegensätze. Der Bauer wirft sich vor dem Segen des Rabbiners in den Staub; Juden küssen den Gewandsaum des ..heiligen Russen" Johannes von Kronstadt. Die Judenseindschaft ist panslawistische Fremdenfeindschaft, verschärft durch die Empörung des wirthschaftlich Enterbten, des Ackerbauers und Kleinhandwerkers, und geschürt durch den finsteren Machiavellismus der Regierungsmänner, welche den von den Juden unterstützten Teufel des Liberalismus ohne Scheu durch den Beelzebub des revolutionären Massenmordes bekämpfen. Die Juden in Rußland bilden in der bürgerlichen Rangordnung hinter den Kleinbürgern die letzte Klasse. Der Zutritt zu Großrußland ist gesetzlich nur den ganz Reichen, Hochgebildeten „gnadenweise" gestattet. In der Eintheilung der rechtlosen Fremden rangiren sie hinter Kirgisen, Samojeden, Kalmücken und den transkaspischen Horden. Den 3000 Reformjuden Rußlands, welche tartarisch sprechen, und denen die Legende eine Abstammung von einem alten Tartarenstamme zuschreibt, ist bezeichnenderweise von Volk und Regierung eine Sonderstellung eingeräumt. so daß sie zu hohen Aemtern gelangen. Sic gelten eben nicht als Fremde, den Bauern schon wegen ihrer Erfolge im Ackerbau nicht. Von den 3U> Mill. talmudischer Juden haben dagegen nur rund 600,000 sich dem Landbau zugewendet. Die übrigen liegen in den Städten dem Gewerbe der Gastwirthschaft, des Geld-, Wechsel- und Leihgeschäfts, dem Zwischenhandel ob, haben durch ihre Intelligenz das gelernte Handwerk an sich gebracht und konkurriren in Folge ihrer Anspruchslosigkeit in den Hafenstädten mit dem Proletariat der Getreidelader. Der Dauer und Kleinbürger, die unter dem niedrigen Knlturstande des ganzen Landes und den grausamen Folgen einer unzweckmäßigen Durchführung der leibeigenen Befreiung entsetzlich leiden, sehen in dem Juden mit Unrecht den Veranlasser alles dieses Hebels, den Typus des aussaugenden Fremden. Die Konzentrirung der Juden auf die Städte ist aus Furcht •> Siehe Nummer 48 d. V. - vor liberaler Ansteckung der Bauern von der Re- : gierung nicht nur gefördert, sondern erzwungen wor- '« den. In Odessa zählten die Juden vor zwanzig Jahren j einige Dutzend, heute machen sie ein Drittel, in! Bestarabien 10 bis 16 Prozent, in manchen westlichen i Gegenden bis 36 Prozent der Bevölkerung aus. Diej ses reißende Wachsthum und die Legende von der \ Wirksamkeit eines jüdischen Geheimbundes zu gegen-! fertiger Unterstützung tragen zur Aufreizung des Land- ' Volkes und der Kleinbürger bei, die sich namentlich j nach schlechten Erntejahren, wenn die Schulden beim Schankwirth, beim Geldleiher, beim Handwerker besonders drückend geworden sind, entladet. Die Bevölkerung weiß obendrein, daß Judenmetzeleien oder Verfolgungen den Russifizirungstendenzen der Re-, gierung entgegenlommen, und die Negierung findet in den Judenkrawallen ein willkommenes Ventil für die revolutionäre Erregung des aus dem Hungerschlaf erwachten dunkelsten Rußland. Die Judenpoliiik Rußlands ist tvankelmüthig und heimtückisch. In einer etwas liberaleren Epoche raffte man sich zu dem Versuche auf, die Juden auf der Ackerscholle anzusiedeln und dadurch der Bevölkerung näher zu bringen. Die Panslawisten setzten aber durch, daß die Ackerbaukolonicn im Chersonnes unter Ausschluß aller nichtjüdischen Elemente errichtet wurden, und erstickten so den VersLhnungskeim. Wenn jetzt den Juden eine Reihe neuer Städte „eröffnet" wird, so raubt das Verbot, sie zu verlassen, einem weiteren Rest der bisher noch freizügigen Kaufleute erster Gilde und jüdischer Abkunft die vollbürgerlichen Rechte; was aber schlimmer ist. die weitere Konzentration in den Städten kann nur zur Schllrung der Rassenfeindschaft und des wi'-thschaftlichen Hasses beitragen. Sie schafft neue Kischinews. Die harte Negierung auf der einen Seite, das finstere, durch Elend zum Blutdurst gereizte Proletariat auf der anderen Seite sind ztvei Mühlsteine, zwischen denen das russische Judenthum sich in Gefahr befindet, zerrieben zu werden. ZeitungsnachrrchLe« uirv Gorrespsrrd-Nzen. Deutschland. Berlin, *18. Juli. Der Konitzer Mord wirft immer noch seine Schatten in die Gerichtssäle. Gestern gelangte vor dem Schöffengerichte des Landgerichts l eine Beleidigungsklage zur Verhandlung, welche, von dem Kaufmann Hermann Lewinski, dem Tempcldiener Noszek und der Fleischermeister-Ehefrau Pauline Levy,