Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 57 (20.7.1903)
- Date
- 1903-07-20
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1263 steher theilte darauf auch den Frauen mit, was sie beschlossen hatten. Dem grausamen Feinde zu entgehen, wollten sie sich gegenseitig tödten. Ruhig hörten die- Frauen diesen Beschluß an. Sie waren schon längst darauf gefaßt. Nur noch fünf Kinder, darunter das Davids ben Sebulon, waren am Leben. Alle anderen waren dem Hunger erlegen. Man brachte sie hinunter zum schlafenden Rabbi. Darauf sagten sie alle das Sündenbekenntniß und schieden muthig, das Schema Jißroel auf den Lippen, aus dem Leben.- Vorher schon hatte David ben Sebulon von ihnen Abschied genommen. Er war aus der Burg gegangen und in's feindliche Lager geschritten. Hier hatte man ihn sofort ergriffen. Er verlangte, zum Befehlshaber, dem Ritter Bertrand de Mercy, geführt zu werden. Man willfahrte seinem Wunsche. David ben Sebulon sagte dem staunenden Ritter, Gott habe den Juden verboten, Lug und Trug zu üben. Er habe es dennoch gethan. Detzhalb komme er, um die Strafe zu empfangen. Der Ritter ließ ihn sofort martervoll tödten. Man verstand sich damals schlecht auf wahres Heldenthum. Darauf zogen die Feinde aus, um nochmals einen Sturm auf die Citadelle zu versuchen. Aber groß war ihr Erstaunen, als sie keinen Kämpfer auf der weiten Esplanade erblickten. Sie fürchteten eine Kriegslist der Juden und rückten vorsichtig vor. Sie langten vor der Burg an und noch immer war kein Mensch zu sehen. Die Brücke war aufgezogen und tiefe Vurggraben versperrte ihnen den Marsch. Aber sie zerhieben die Ketten, an denen die Brücke hing, sie rasselte herab und sie stürmten hinan, das Schwert'in der Faust, eines Ueberfatts gewärtig. Aber der Weg war offen. Sie drangen in die Säle und fanden bald die kalten Leichen der Juden. Einen Augenblick ergriff sie starres Entsetzen. Die Haare standen ihnen zu Berge ob des Schauspiels voller Grauen. Doch bald erhoben sie ein Jubelgeschrei. Sie warfen die Schwerter fort und Huben an zu plündern. Reicher Sold fiel ihnen in die Hand, doch Blut klebte an dem Golde. Es war das Blut der vernichteten Gemeinde von Jork. XV^ Mehrere Tage waren seit der Plünderung der Citadelle vergangen. Die Bürger Jorks waren wieder an ihre Arbeit zurückgekehrt. Nur schwer gewöhnten sie sich wieder an das Alltagsleben. Noch einmal so sauer kam es ihnen vor, mit dem Schweiße ihres Angesichts sich Geld zu verdienen. Sie hatien's zuletzt so leicht erworben. Es brachte ihnen keinen Segen. Es zerrann unter ihren Händen, ehe sie's versahen. Es lief in die Wirthshäuser und in den Schatz des Königs. Denn bald nach vollbrachter That langte eine Kompagnie königlicher Soldaten unter Führung eines Hauptmannes an, um die Juden zu schützen. Der ° Hauptmann zeigte sich sehr erzürnt zu hören, daß er zu spät käme. Im Aufträge des Königs legte er eine schwere Steuer über die Bewohner Jorks, die zur Ber streitung des Kreuzzuges nach Jerusalem dienen sollte. Auch drohte er mit dem Zorne Richards, der sich gegen die Thäter wenden werde. So kamen manche Umstände zusammen, um die Bürger herabzustimmen. Nur von nagenden Gcwissenssorgen blieben sie verschont. Sie waren überzeugt, ein verdienstliches Werk gethan zu haben. Das war der Einfluß der Priester. Dennoch aber mieden sie es. zur Citadelle zu gehen. Abergläubige Furcht hielt sie davon ab. So lag die Citadelle öde und wüst da, ein trauriges Bild der Zerstörung. Die stolze Burg war zur Ruine geworden, kein Mensch dachte daran, sie aüfzubauen. Die milde Frühlingssonne schien freundlich auf sie herab, aber sie schaute nur Trümmer und Leichen. Es war in der Dämmerungsstunde des vierten Tages, da tauchte aus den Trümmern Rabbi Rabbi Nathan hervor mit fünf noch zarten Kindern. Die Kinder weinten heiße Thränen. Ernst und still war der Rabbi. Mühsam räumte er Schutt und Erde beiseite. bis er endlich auf Menschenleichen stieß. Sie waren längst erkaltet. Als der Rabbi es sab, da rollte auch ihm eine schwere Thräne in den schneeig weißen Bart. Er führte die Kinder ein wenig fort. Der Anblick taugte nicht für sie. Dann ging er zurück zu den stillen Leichen, sah jeder in's Gesicht und drückte ihr die gebrochenen Augen zu. Tief seufzte er. Da hörte er plötzlich neben sich noch einen seufzen. Er wandte sich hin und bemerkte einen jungen Ritter in nickendem Federbusch und wallendem Kriegsmantel. Er erschrak nicht. Ruhig sprach er: „Du kommst um mich zu morden? Tödte mich und schone diese." Gr wies auf die fünf Kinder. Aber der Ritter schüttelte das "Haupt. „Ich habe auch hier ein theures Wesen verloren," sprach er, „das ich gerne gerettet hätte." Es war der Ritter de Gourdon. Lange hatte ihn sein treuer Knecht gesucht und endlich in einer geheimen Zelle der unteren Kirchenwand gefesselt und geknebelt gefunden. Er hatte ihn befreit, aber es war schon zu - spät. „Rabbi". Hub der Ritter-wieder an, „o schrecklich ist das Schicksal der Armen. O wäre ich mit ihnen gestorben und läge mit ihnen still und kalt auf ders Erde." ... Der Rabbi schwieg. „Rabbi," sprach der Ritter nach kurzer Pause und seine Stimme bebte, „ein theures Wesen hat mich gelehrt, daß einst die Zeit wird kommen, da alle Menschen