Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 56 (16.7.1903)
- Date
- 1903-07-16
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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TT 1247 sollte es uns Allen ergehen, so ergeht es Gottlob nur mir, und die Menschen waren so entsittlicht, daß sie mit Absicht auf den Ehrenraub ausgingen und wie Weaelauerer die giftigen Geschosse der Verleumdung auf gute Namen entsendeten, die Splitterrede mit kalter Ueberlegung gliederten, um die fremde Ehre in Trümmer zu stürzen. Dennoch, meine Lieben, bitte ich Euch innig: vergebet und vergesset es unseren Widersachern und gedenket der Worte, welche ich Euch vor 27 Monaten in dem allerersten Briefe von Könitz geschrieben habe. ..Es lebt ein. gerechter Richter über uns. Sein sei die Rache!" Seid Ihr ihnen gegenüber sanftmüthig, denn Sanftmuth ist die Beherrscherin des Zornes und der Stützpunkt des Verstandes. Nicht Derjenige ist sanftmüthig, der, wenn ihm Unrecht geschieht, nur so lange sanfmüthig bleibt, als ihm die Macht fehlt, sich zu rächen. Wohl aber ist der ein Sanftmüthiger, welcher, wenn ihm Unrecht geschieht und er sich zu rächen Macht genug besäße, seinem Beleidiger verzeihet." Jedes Begleitwort, bemerkt dazu die „I. Pr.", würde den Eindruck desselben nur abschwächen. Und ein Mann von solchem Gestnnungsadel sollte wirklich eines Meineides fähig gewesen sein, oder sich in seinem Gewissen auch nur durch einen Hauch von Schuldbewußtsein belastet fühlen! England. London. (Lord-Mayor Samuel über die Ereignisse in Kischinew.) Gelegentlich einer Preisvertbeiluna in der Religionsschule der Londoner South. Hackncy Synagogue ergriff Lord- Mavor Samuel die Gelegenheit, um den Standpunkt der Spiken der Londoner jüdischen Gemeinde, welche bekanntlich jeden öffentlichen Protest gegen die russische Regierung anläßlich der Ereignisse in Kischinew perborresciren, zu vertheidigen. Er wisse aus bester Duelle, daß Niemand über die Massacres in Kischinew mehr empört ist, als der Czar selbst. Ein Zwana ist also an dieser Stelle vollkommen überflüssig. Eine Anzahl jüdischer Gemeinden in Australien habe ihm — zugleich mit einer größeren Geldsammlunq — auch eine Resolution gegen die Kischinewer Vorgänge übermittelt. Er konnte nicht umhin, diese Resolution dem Auswärtigen Amte zu überreichen, hier aber erfuhr er, daß die englische Regierung die Ereignisse in Kischinew als eine interne russische Angelegenheit betrachtet, die keine andere Macht irgendwas angcht. Im klebrigen glaubt er. der Lord-Mayor, zu der erfreulichen Hoffnung berechtigt zu sein, daß die Gleichberechtigung der Juden in Rußland in naher Zukunft eine Thatsache werden wird. Der Ezar ist durch die Ereignisse in Kischinew auf die Judenfrage aufmerksam gemacht worden, und werden es hoffentlich noch Alle erleben, daß ein die Gleichberechtigung der Juden anerkennender Ukas erscheinen wird. Zum Schlüsse fordert der Lord-Mayor die Londoner jüdischen Massen auf,.Vertrauen zu ihm und den übrigen Führern der jüdischen Gemeinde zu haben, da diese sehr gut wissen, was sie zu thun und zu unterlassen haben. . . . Im gleichen Sinne hat sich in der Sitzung des „Board of Deputies" Leopold de Rothschild geäußert: Er sowohl, wie Sir Samuel Montag«, als namentlich auch Lord Rothschild sind Alle der Ansicht, daß ein ‘ von der jüdischen Bevölkerung Londons so stürmisch | verlangtes Protestmeeting mehr schaden als nützen ‘ würde. Ein dahingehender Antrag des Mr. Bentwich wurde darauf mit 30 gegen 1 Stimme abgelehnt. Rußland. Petersburg. Das neue Ausnahmegesetz vom 10. Mai 1903 stellt sich bei näherer Besichtigung als ein echtes „Maigesetz" heraus, das sich den berüchtigten Maigesetzen des Grafen Jgnatiew würdig an die Seite stellen kann. Dasselbe eröffnet den Juden in den 1? Gouvernements des eigentlichen russischen Ansiedelungsrayon 101 neue Ortschaften, die ihnen vorher verschlossen waren zum ständigen Aufenthalt. Davon liegen 47 in den von 1,410,000 Juden bevölkerten sechs Gouvernements Nordwestrußlands, 38 in den von einer gleichen Anzahl Juden bevölkerten fünf Gouvernements Südwestrüßlands und neunzehn in den von 730,000 Juden bevölkerten Gouvernements Südrußlands. Die zehn Gouvernements Polens kommen j nicht in Betracht, da in denselben den Juden der bej ständige Aufenthalt auf dem flachen Lande auch bis- I her nicht verboten ward. Im Gouvernement Minsk ist den Juden kein einziges Dorf eröffnet worden, während die Gouvernements Mohilew und Bessarabien der jüdische Wohnsitz um je ein ganzes Dorf erweitert würde. Daß auch in den übrigen Gouvernements die czarische ..Gnade" nicht allzuhoch bewerthet werden kann, beweist das Beispiel des Kreises Wilna. Unter den 17 Dörfern, welche den Juden in diesem Kreise eröffnet worden sind, befinden sich sieben „Dörfer", die nichts weiter als gewöhnliche Vorstädte der Stadt Wilna sind, mit ihr unmittelbar Zusammenhängen und von jeher stark mit Juden bevölkert waren. Aehnlich wird es mit den übrigen den Juden gnädigst eröffneten „Ortschaften" sich verhalten. Ueberall dürften die Juden schon früher in größerer Anzahl in ihnen gewohnt und der „Gnadenakt" des Ezaren bereits bestehenden Verhältnissen bloß die gesetzliche Sanktion verliehen haben. Aber selbst wenn die 101 Ortschaften nagelneue Plätze wären, in den bis jetzt kein einziger Jude gewohnt hätte, wssre die Eröffnung derselben nur als ein sehr mäßiges Glück zu betrachten. Wie die Verhältnisse zur Zeit in Rußland liegen, sind die Juden einst-- weilen auf Handel und Handwerk angewiesen. Was sollen sie nun in den elenden Nestern beginnen? Etwa