Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1903-07-16 · Heft 56 (16.7.1903) · page 17

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 56 (16.7.1903)
Date
1903-07-16
Page
– (sequence 17)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2446951-2449890-2449942--58664-2523093
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Wische lüfifcr an itsliciiischki! Wkilhöft«? Von Kr. Katt. 44.5Jarhgang. Wahrend der Blüthezeit italienischer Renaissance unter den Medizäern, namentlich am Hofe von Mantua, spielt die Musik eine große Rolle. Unter Vincenzo I.. genannt der Prächtige, Francesko, Ferdinands, Vincenzo II. und Ferdinand von Guastalla, deren fürstliche Hofhaltungen den Neid und die Bewunderung anderer Nationen herausfordern, erregt eine Spezies ausübender Künstler gerechtes Aufsehen, die jüdischen Musiker an diesem Hofe von Mantua, die mit Ehren überhäuft, gleichsam eine Ausnahmestellung an eben diesem Hofe einnahmen. In dieser Periode, welche Vasari, der kunstbegeisterte, fröhliche Maler so herrlich zu schildern wußte, in diesen Jahren 1542—1628 wird eine Pracht in theatralischen und gesanglichen Aufführungen in Italien entfaltet, bei welchen die Höfe der Medizäer, der Mantuaner, die Patrizier der Renaissance, sich den Rang streitig machen. Im Teatro olimpico zu Vincenzo wird auf der Vorderbühne bereits gespielt, herrliche Dekorationen entstehen, die Perspektive der gemalten Häuser und Paläste wird täuschend nachgeahmt. Auf dieser Bühne nun, unter Carlo Gonzaga tritt der jüdische Sänger und Musiker Abramo ball Arpa der Ebreo, wie er genannt wird, als Gott Pan auf; er spielte wundervoll die Harfe, ging stets in purpursammtner Kleidung, erhielt ein großes Gehalt und war noch im Jahre 1666 im Dienst, bis er, wie es heißt, eingekerkert ward, und dennoch seinem Glauben zum Opfer fiel, das heißt in der Verbannung starb. Jsacchino Massarano. Lautenspieler und Sänger, unterrichtete die fürstlichen Damen im Lautenspiel und Tanz. Er soll ein ebenso schöner als reicher Mann gewesen sein, die Herzöge Vincenzo und Alfonso Gonzaga. sowie der junge Annibala, luden sich selbst zu Gaste bei ihrem Lautenspieler, man erzählte sich Wunderdinge von diesen Festen. — Jsacchino Massarano war es, welcher in Ferrara im Jahre 1684 jenes glanzvolle Hoffest leitete, auf welchem der Erbprinz Vincenzo zum ersten Male in die Gesellschaft eingeführt wurde, zu der Oper: „Jl Pastor fido," komponirte er einen Tanz der Blinden, hochgeachtet, stirbt er als betagter Greis, welchem bei der Beerdigung große Ehren erwiesen werden. *) Quellen:' Jüdische Musiker an» Hofe von Mantua (Birnbaum) Vasari — Erlebtes. , Wir gelangen nun zu den berühmtesten unter jenen italienischen Künstlern am Hofe zu Mantua, vier Namen von stolzem Klange: Salamon de Rossi, seine Schwester/ die wunderschöne Madonna Europa, deren Sohn Anselmo Rossi, dessen Motetti noch heute gesungen werden (1618). (für drei Stimmen), endlich der Jüngling David da Civita, dessen dreistimmige Gesänge — Vruchtheile derselben befinden sich auf der königlichen Bibliothek zu Berlin — dem Herzog Ferdinands Gonzago gewidmet sind. (1618.) Vasari berichtet von der unvergleichlichen Madonna Europa, die er als Arianna von Monteveroli bewundern durfte. „Der Saal im Palast zu Mantua war mit blendender Pracht zu einem improvisirten Theater umgestaltet worden, das verdeckte Orchester erklang in den Instrumenten außerordentlich reizvoll. Die Stimme der unvergleichlichen Sängerin erklang zauberhaft, die liebliche Jüdin, im meist goldgestickten Gewände, stellte die Verlassene sc überzeugend dar, daß Alles in Thronen zerfloß, als sich die Gardine senkte und die Himmlische verschwand. Der Herzog selbst beglückwünschte Madonna Europa zu ihrem Erfolge und bat sie, ein kostbares Kleinod von ihm anzunehmen, eine florentinische Arbeit, bestehend aus einer Goldkette mit daranhängendem Talismann aus edlen Steinen. Sie aber bat, alle Ehre auf ihren berühmten Bruder Salomon zu übertragen, welcher bescheiden daneben stand und sich der Schwester freute, die durch ihre Kunst so Großes erreichte." In der Thal konnte man diese jüdische Patrizierfamilie zu den ältesten Ebräern rechnen, welche nach Italien verpflanzt wurden, vielleicht hatten ihre Ahnen unter Titus schon das Joch der Gefangenschaft auf sich nehmen müssen, aus dem fernen Orient waren sie nach dem Herz der Welt, nach Rom geschleppt worden. In der Sklaverei aber hatte sich in ihren Nachkommen der Trieb zur göttlichen Kunst entwickelt. Salomon de Rossi muß ein außerordentlich bewunderungswürdiger Künstler gewesen sein. Er spielte die Violine mit jener Leidenschaft, die seinem Volke eigen ist, er konnte schluchzen, jauchzen auf derselben; vierzig Jahre diente er seinem Fürsten mit einer Hingebung. einer Treue, die nicht vergessen ward. Seinen Stammesgenossen ein weises Vorbild, überlebte ihn sein unsterblicher Ruhm in seinem Sangeswerk „Haschirim", welches er der Synagoge stiftete, und heute, neu bearbeitet, wirken diese Gesänge wie eine Offenbarung, eine hehre Tragödie von Leid und Freude des menschlichen Herzens.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.