Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 56 (16.7.1903)
- Date
- 1903-07-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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|;| KenLrat-Zrgan für das orthodoxe Zudenthum. Begründet von i>r. Drhnränn in Wtuinf 7 - - ,.t® 56< aonnetft**- -*-L M_amns 5663 * "rirr. Juli 1SV3. Verträglichkeit und Versöhnung. Hatz und Zwietracht unter unseren Voreltern waren es, welche den Feind in die Stadt unseres' Gottes führten, das Heiligthum des Ewigen in Asche legten und über unser Volk unsägliches Elend brachten. Die schrecklichen Folgen hätten uns belehren und von jenen schlimmen Untugenden befreien sollen; aber die Geschichte Israels beweist leider das Gegentheil'ünd oft waren es die Edelsten und Besten, durch deren Zwietracht die wildesten Leidenschaften entfesselt wurden. Wir erinnern nur an den Emden - Eibeschüh'schen Streit, der die Thora und ihre Vertreter in den Augen der Menge heruntersetzte und der die trostlos irreligiösen Zustände der Gegenwart mithervorgebracht hat. Es sei uns daher gestattet, zur Verträglichkeit und Versöhnung zu mahnen. Kurz sind die Tage unseres Beisammenseins aus Erden, vergifte sie Dir nicht durch Zorn und Uebereilung. Hast Dü einen Feind oder einen abgefallenen Freund, so bereite Dir den süßen Triumph der Versöhnung. Nöthige den, der gegen Dich gefehlt hat, durch Dein edelmüthiges Betragen zur Erkenntnitz seiner Verirrung und Ungerechtigkeit, zur tiefen Bereuung seiner Unbesonnenheit. Siehe dann, wie die Thronen der Rührung und Herzlichkeit ihm im Auge stehen, ihm, der Dich gerne gehaßt hätte, aber nun gezwungen ist. Dich zu verehren! Verachte keinen Zwist, er sei noch so gering; verachte keinen Gegner, er sei noch so klein. Viele Feindschaften, durch welche das Glück ganzer Geschlechter zu Grunde ging, entstanden nur aus geringfügigen Ursachen und erwuchsen nur durch jene Vernachlässigung allmählich zu der ungeheuren Ausdehnung, die endlich alles verschlang, den Freund und den Feind, den Schuldigen und den Schuldlosen. Ein einziges, mildes, verständiges Wort, eine einzige gegenseitige Erklärung wäre oft hinreichend gewesen, den ersten Keim des beginnenden Mißverständniffes zu ersticken. Es geschah nicht; die Herzen erkalteten nach und nach immer mehr, man mißdeutete sich selbst das Unschuldigste; jeder Theil glaubte sich von dem anderen immer stärker gekränkt, die Erbitterung stieg, die Versöhnung ward mehr und mehr erschwert, der Groll blieb unverändert und der Haß vererbte sich sogar auf die Kinder. Willst Du weise sein, so gehe hin und fordere die Hand der Freundschaft von Deinem Bruder wieder, die er Dir entziehen wollte. Erdulde lieber ein geringes Unrecht, opfere.Deinen Stolz. Deine Eigenliebe. Dein Selbstgefühl, und thue Du den ersten Schritt zur Versöhnung, besänftige den Zornigen durch Deine Großmuth. Und wenn es sich um den berechtigsten Streit handelt, um einen wissenschaftlichen Streit oder um die Eruirung einer religiösen Wahrheit, in Bezug auf welche die Meinungen sich noch nicht geklärt haben, so mögen die Waffen des Geistes geschwungen werden, aber fern muß gehalten werden: der Hohn, die Bitterkeit, die persönliche Verunglimpfung; diese letzteren sind nur dazu geeignet, die Wahrheit zu % verdunkeln und die Gemüther der zu Belehrenden irre zu führen. Als Gott den Menschen erschaffen'wollte, berietst er sich mit den Engeln. Der Engel des Friedens sprach: Erschaffe ihn nicht, denn er wird an Zwistigkeiten Gefallen finden. Der Engel der Liebe sprach: Erschaffe ihn, denn er wird Liebe üben mit seinen Mitmenschen. Der Engel der Wahrheit sprach: Erschaffe ihn nicht, denn er wird voll sein der Unwahrheit.