Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 51 (29.6.1903)
- Date
- 1903-06-29
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2449890-2449937--58545-2522969- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1181 Wahrheit besieht ja allein schon. Wir haben Land und haben Gut, doch neide ich Euch, Euch Juden. Web. daß ich fort von Euch nun muß ziehen, zurück in die Nacht und das Dunkel Weh. da« ich hin zu dem Volke mutz ziehen, das quälet und mordet die Juden!" Zn tiefem schmerze klangen seine Worte aus und Tirzah fühlte sich mächtig ergriffen. Unendliches Hochgefühl erfüllte ihre Brust und heißes Web der Trennung. Sie fühlte ihre Kräfte schwinden und wollte ein Ende machen. „Herr Ritter," sprach sie in sanftem Tone, .zur Rettung der Juden ziebt Zbr ja bin. Vielleicht besänftigt sich der Pöbel,- siebt er die elende Beschuldigung grundlos. Eilet, denn die Zeit drangt. Bewabrer Euch Eure Gesinnung und freut Euch, daß der Herr Euch erleuchtet." Fester umschlang sie sich mit dem Tuche. Wieder schien es ihr. als ob sie ein Geräusch im Gebüsch vernähme. Sie mußte sich wieder geirrt haben. „Lebet wohl, Herr Ritter." sprach sie zitternd, „möge der Herr Euch segnen." „Tirzab," rief der Ritter, „leb' wobl! Darf ich sagen: Auf Wiedersehen!?" „Nein, Herr Ritter Gottfried de Gourdon. nicht auf Wiedersehen." Er streckte ihr die Hand entgegen, doch sie ergriff ste nickt. Voll Bewegung wandte sie sich ab und huschte davon. Bald war sie in der Dunkelheit verschwunden. Der Ritter schaute ihr nach, bis auch ibre Tritte verhallten. Der Schmerz drohte ibn zu übermannen. Mit großer Kraft faßte er sich, rückte sein Barett zurecht und schritt aus das Gebüsch zu. um zum Flusse zu kommen, auf dem er ein Boot vorbereitet batte. Auf ander Weise konnte er nicht aus dem Zudenviertel gelangen. Er hing ganz seinen Gedanken nach und achtete nicht des Weges. Mit der Hand zerLheilte er die niederen Aeste des Gebüsches, um sich Platz zu machen. Da stolperte plötzlich sein Fuß an einem barien Gegenstand und gleichzeitig legte sich eine schwere Faust auf seine Schulter. Er taumelte, blickte überrascht auf und stand dem weißgekleideten Mönch gegenüber. Seinen Lipven aber entfuhr der Ruf voll Staunen und Schrecken: „Mein Vater!" „Ja. Gottfried." sprach Ritter Robert mit häßlichem Grinsen, „ich bin's. Dein Bater. der vor Sehnsucht und Sorge nach Dir vergangen ist. Ich glaubte. Du seiest todt!" Gottfried hatte noch immer nicht sich von seiner Ueberraschung erholt. „Du hier!" stammelte er. „und in diesem Auszug?" „Wundert's Dich, daß ich unter die Priester gegangen bin? That's wahrlich nicht freiwillig. Ein Jude hat mir die Burg abgebrannt. Köniz Richard mich wegen gewisser Vorgänge zur Verantwortung gezogen. Obdachlos und bedroht, wie ich war, tvar blieb mir übrig, als mich in den weichen, liebevollen Arm der Kirche zu retten? Die Kirckr ist mächtig und schützt ihre Wiener." Gottfried stand noch immer stumm da. „Mein Sodn." svrack der Vater mit katzenarriger Freundlichkeit, »scheinst nicht gerade sehr über bas Wiedersehen mir Deinem alten Erzeuger erfreut zu sein. Difen gestanden, ich din's.auch nicht. Wir passen nicht gut zusammen, wie ich erst vorhin wieder aus Deinen Lamentationen mit Feinsliebchen erkannt habe. Weißt Du. Gottfried, die Welt ist ja groß, wir wollen uns aus dem Wege gehen, da wir. fürchte ich. uns sonst gegenseitig hindern wurden. Ich bin der Aeltere. zudem Dein Vater. Auch habe ich hier in Jork wichtige Geschäfte. Geh Du vor mir fort. Ich ratbe Dir. geü nach London, tritt iv.'s Kreuzheer und mach' in Jerusalem Dein Glück. Was sagst Du dazu?" — Gottfried starrte vor stch hin. „He. Du. sieb' doch nicht so da. als ob der leibhastige Gottseibeiuns mit Dir redete." Und er rüttelte ibn unsanft an der Schulter. Da erwachte Gottfried wie aus einem tiefen Schlafe und rief voll Schaudern: „Rühr' mich nicht an! An Deinen Händen klebt das Blut armer, unschuldig Gemordeter!" „Schon gut. schon gut." sprach der Alte, „laß das. Ist überhaupt meine Sache. Geht Dich nichts an! Was sagst Du zu meinem Vorschlag?" „Ich bleibe hier." sprach nun auch der Sobn. kurz entschlossen, „die gottlosen Beschuldigungen gegen die Juden zu widerlegen." „Sbo." rief der Alle mit rauhem Lachen, „das wird nicht gut gehen, mein Söhnchen." „Es wird," sprach Gottfried und machte einen Sckriit vorwärts. Aber wieder stolperte er. Er blickte zur Erde und gewahrte einen — Leichnam. Einen Augenblick war er starr vor Entsetzen. Er verstand nickt den Zusammenhang. Da fuhr ihm plötzlich ein.greller Gedanke durch den Kopf. Er brach in ein gellendes Gelächter aus und rief mit furchtbarer Stimme: „Das also sollte Tein todter Sohn sein!" Wie im Fieber klapperten seine Zähne aneinander. Er neigte üch zur Erde und ehe der Vater ück's versah, bub er den Leichnam auf und rannte damit dem Flusse zu. Er hörte seinen Vater hinter sich leuchen und fleucken. schwang den Leichnam hoch in die Lüfte und warf ibn weithin in den Fluß, daß er sckollernd versau!. Schweißtriefend blieb er stehen. Der Alte kam heran.