Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 50 (25.6.1903)
- Date
- 1903-06-25
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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1112 Unter den vielen Opfern jener Zeit gedenkt die Geschichte besonders der Gebrüder Julian und Papus, deren Jugend. Unschuld und Todesmuth sie zu Märtyrern machte. Man befahl ihnen, den Göttern zu opfern, und da fie sich weigerten, gab ihnen, voll Mitleid ob ihrer Jugend, sogar der Henker zu verstehen, sie könnten sich, wenn sie sich nur scheinbar vor den Bildsäulen verneigten, vom Tode befreien. Die Jünglinge aber wollten den Mitbrüdern durch ihren Abfall keinen Schmerz bereiten, und unerschrocken gingen sie in den Tod. Dieser Heldenmuth rührte Alle unbeschreiblich. Die Aelteren erholten sich Raths bei einer ehrwürdigen Matrone, die man für heilig hielt, und begaben sich auf ihren Vorschlag nach Rom. Hier riefen sie, in den Straßen der Stadt umherirrend: „O Himmel! Sind wir Menschen denn nicht alle Brüder und e i n es Vaters, einer Mutter Söhne? Sind wir denn keine Menschen mehr?!" Die Ueberlieferung erzählt, daß dieser so große Schmerz, dieser Mahnruf, die Römer rührte und zum Mitleid geneigt machte, und daß Traian in den letzten Jahren seiner Herrschaft die Verfolgung sehr beschränkte. Der Tag, an dem man die früheren Befehle widerrief, wurde unter -dem Namen Trajan's-Tag wie ein Fest gefeiert. * Akiba hatte in jener Zeit die römische Herrschaft verlassen, wo der Verdacht und die Mißgunst der Menschen all' seine Wirksamkeit hemmte. Er begab sich nach dem Oriente, um die Herzen der zerstreuten Mitbrüder zu erwärmen. Eine Zeitlang verweilte er in Cephvrium in Cilicien, dann in der Hauptstadt Kapvadociens, in Mesovodamien, in Apamea, am Euphrat pnd sogar in Aethiopien, wo er mit den damaligen Herrschern in Beziehung stand. Ueberall . bemühte er sich, die Bedürfnisse zu erforschen, den Zustand des Volkes und die Lage der Verbannten. Endlich, als die Verfolgung etwas nachgelassen, kehrte er in das Vaterland zurück, um den Frieden auszubeuten und in ihm für die Zukunft vorzuarbeiten. Nach dem Tode Trajans rief dessen Nachfolger Hadrian den grausamen Quietus ab und verurtheilte ihn zum Tode. Aber die Wunden, die er dem jüdischen Volke geschlagen, verharrschten nicht so schnell. Die Erinnerungen an sie waren noch zu frisch und zu schmerzlich. Die vielen schuldlosen Opfer erweckten das Verlangen nach Rache. Eine Menge angesehener Leute war gefallen. Darunter Familienhäupter und Hoffnungen der Zukunft. In diesem Seelenzustande war es ein Leichtes, Akiba's Gemüth zu erwärmen und zu erregen.' Das schmerzersüllte Volk konnte ein einziger energischer Mann in Aufruhr setzen, ein' Wort es zu Haufen schaaren. Der Mann, der die unglücklichen Israeliten erwecken und zum Schutze ihrer Gesetze erheben sollte, war S i m o n Bar Kochba. Bar Kochba war kühn, unternehmend, von bestechendem Aeußeren und vornehmer Haltung. Er besaß daher alle Eigenschaften eines Anführers der Aufständischen. Hadrian, der, als er sein Reich bereiste, es ganz ruhig fand, soll damals eine Unterredung mit einem der Rabbinen gehabt haben, in welcher er den Wiederaufbau des Tempels gestattete. Letzteres wurde indeß später zurückgenommen. Just während dieser Kaiserreise begab sich Akiba zu Bar Kochba und, nachdem er dessen Muth und Energie näher kennen gelernt, erstaunte er über diese großen Eigenschaften, und nannte ihn den „Slern I kobs" und einen „Messias." Der Talmud prophezeit, da der Ankunft des göttlichen Gesandten schreckliche T-.'ederlagen voran- . gehen sollten. Man bezog hierauf du jüngstvergangene, blutige Zeit. Akiba unterstützte di se Ansicht, fand aber viele Ungläubige. Man verkündete dem Volke die Ankunft des Messias. Die Menge entflammte sich an der Hoffnung der nahen Befreiung. Tausende schaarteu sich unter der Führung Bar Kochba's. Mit ihnen verbündeten sich die Heiden aus Abscheu vor der römischen Unterdrückung. Man sorgte insgeheim für Waffen und knüpfte Beziehungen mit den Festungen im ganzen Lande an. Bar Kochba hielt sich für unbesiegbar, so vertraute er auf seine Heere. Nach den Ueberlieferungen nahm man Niemand in diese auf, der nicht als Probe seiner Kraft einen Baum entwurzelt hatte. Der vom Stolz aufgeblähte Führer soll gesagt haben: „Gott, wenn Du mir auch nicht helfen willst, hilf wenigstens auch meinen Feinden nicht. Wir werden sie schon allein besiegen!" Dieser Stolz und Eigendünkel verkündete, wie stets und überall, den Fall des Hochmüthigen. Auf die erste Kunde von dem sich vorbereitenden Aufruhr, eilte Rufus, der Regent Palästinas, herbei, wurde aber in einem Treffen geschlagen. Dies verbreitete den Brand noch mehr und vergrößerte die Macht der Israeliten. In Jahresfrist eroberten sie 60 Festungen und Burgen und 986 Dörfer. Hadrian, der anfangs nur wenig Gewicht auf diese Bewegung gelegt, empfand, nachdem sein Heer geschlagen, doch große Unruhe. Die Juden wurden dreister und verweigerten > die Abgaben. Von größter Wichtigkeit für den weiteren Fortgang des Krieges war die Festung Betar in Palästina. Dahin verlegte Var Kochba seine Hauptstadt und ließ, wie ein Herrscher, eine nach ihm benannte Münze prägen. Hadrian berief aus Britanien Severus, den Tapfersten seiner Feldherrn und sandte ihn gegen die Aufständischen. Die' Juden aber hatten sich in ihren