Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 48 (18.6.1903)
- Date
- 1903-06-18
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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44. Jahrgang. mmmm Zettungsnachrkchten und Corresporrd-rrzen. Deutschland. Berlin, 15. Juni. (Auch eine Schöpfungsgeschichte.) J.m benachbarten Lichterfelde-W. wurde am 29. März das schöne Haus eingeweiht, darin alten, invaliden, israelitischen Lehrerinnen ein sorgenloser, friedlicher Lebensabend bereitet ist. — lieber den feierlichen Akt der Einweihung wurde z. Z. bereits an dieser Stelle berichtet; heute möchten wir unseren Lesern nun in Kürze von der Entstehung des Heims erzählen, das durch seinen hochherzigen Zweck, wie durch seine vornehme und doch praktische. Gestaltung allezeit dastehen wird als einer der glänzendsten Erfolge zielbewußter Frauenbestrebung. Denn eine strebende, ringende Frau, Frl. Pauline Münchhausen, war es, in deren Kopf und Herzen zuerst der Gedanke aufstieg und Wurzel schlug, den zahlreichen israelitischen Lehrerinnen, die — von Stadt- oder Staats-Anstellung ausgeschlossen — keine Pensionsberechtigung gewinnen können, eine würdige Altersstätte zu bereiten. — Wie jene andere muthige Frau, die, um den Fabrikarbeiterinnen erfolgreich helfen zu können, erst selbst unerkannt in eine Fabrik eintrat und das Leben der Genossinnen mitlebte, so wirkte auch Frl. Münchhausen zunächst einige Jahre beobachtend selbst im Lehrberufe. Die hierdurch gewonnenen Erfahrungen bestätigten ihr jedoch nur, daß weder hervorragende Begabung, noch hingehende Pflichttreue der israelitischen Lehrerin resp. Erzieherin in Privatstellung, ein ausreichendes Schutzmittel gegen die Winterstürme des. Alters erringen können. Da mußte geholfen werden; die Gemeinschaft sollte ausgleichende Gerechtigkeit üben an den schwachen und altersmüden Veteraninnen, die in treuer, erfolgreicher Kulturarbeit ihre Kräfte verbraucht hatten! Und Frl Münchhausen begann frischen Muthes mit ihrer Idee hervorzutreten. Zunächst sollte ein Verein Gleichgesinnter durch die Beiträge seiner zahlreichen Mitglieder allmählich den Fonds für ihren Zweck aufzubringen suchen. War sie doch von der Notwendigkeit und Güte der Sache so durchdrungen, daß cs ihr ganz selbstverständlich schien, dem eigenen warmen Enthusiasmus und die eigene heilige Ueberzeugung auch bei allen Guten wecken zu können. Und was bot sie alles zu diesem Zweck auf! Sie zog für ihren Plan werbend nicht allein durch ganz Deutschland, auch im Auslande trat sie heischend an alle Diejenigen heran, die entweder durch ihren Beruf oder ihr Vermögen, durch ihren gesellschaftlichen Einfluß oder durch den Ruf ihrer guten Werke zur Beihilfe geeignet schienen. Sie fand einen warmen, überzeugten Freund der guten Sache in dem bekannten Philanthropen Eugen Rosen st i e l. Er stärkte ihren Muth, unterstützte zweckmäßig ihre Propaganda und trat mit Rath und That geradezu vorbildlich für das Unternehmen ein. Sie kämpfte nun nicht mehr allein, doch bedurfte es acht Jahre unentwegten Strebens und beharrlicher Arbeit, bis der Verein „Israelitisches Lehrerinnenheim" unter der thatkrästigen Initiative der Herren Dir. Dr. Adler und Rosenstiel sich endlich — im Februar 1899 — konstituiren konnte, und zwar zunächst auch nur mit einer ziemlich geringen Mitgliederzahl. Aber es war, als sei nun der Bann gebrochen, der so lange über der Entfaltung des großen Werkes gelegen hatte. Ueberraschend schnell stieg die Zahl der Mitglieder; ansehnliche Stiftungen und namhafte Spenden flössen dem Verein zu; Frauen, wie Frau Fanny Reichenheim^ Frau Prof. Landau u. a. m., deren Namen auf den Gebieten edelsten Wohlthuns als erste glänzen, arbeiteten hingebend und eifervoll im Vorstand. Männer, wie Eugen Rosen st iel. Dir. Dr. Adler, San.-Rath Dr. Wiesenthal und Alfons Jacobson -Leipzigs setzten nicht nur ihre fördernden Kräfte, sondern auch zum Theil beträchtliche Mittel für das Gelingen der Stiftung ein. Die Rabbiner, die Logen, die jüdische Presse, alles wetteiferte, die lange versäumte Pflicht nachzuholen; die Saat, von Frl. Münchhausen acht Jahre lang hindurch mühevoll ausgestreut, ging glänzend unter dem Beistand hochherziger Glaubensgenossen auf! Nach dreiviertel Jahren bereits — am 31. Oktober 1899 — hatte der Verein die frohe Genugthuung, das israelitische Lehrinnenheim für ganz Deutschland in Steglitz zu eröffnen. Es gewährte vorläufig sechs Pfleglingen in der schönen Etage eines Mietshauses jei.cn Comfort eines guten Familienkreises und entwickelte sich unter der bewunderungswürdigen Fürsorge und sachverständigen Oekonomie seiner Vorstandsdamen bald zu einer Musteranstalt ersten Ranges. Natürlich mußte man nun bestrebt sein, die Vortheile dieser Schöpfung einer größeren Anzahl von Bewerberinnen gewähren und dem trefflichen Anfang eine angemessene Fortentwicklung geben zu können; dafür sorgte das rührige Propaganda-Komitee unter des unermüdlichen Frl. Münchhausen Vorsitz. So gewann denn der Verein, trotz der Zeiten Ungunst, weiter an Umfang; es bildeten sich Ortsgruppen in Stettin,