Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1903-06-18 · Heft 48 (18.6.1903) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 48 (18.6.1903)
Date
1903-06-18
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2449890-2449934--58461-2522882
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

edlen seit Jahrhunderten unter dem Schutze einer selbsigegrörnen Verfassung lebenden Volkes zu erwürgen, und man muß zugeben, daß Herr v. Plehve sich dieser Aufgabe vollkommen gewachsen zeigte. Als er vorigen Jahres Finnland verließ, um an die Spitze des russischen Ministeriums des Innern zu treten, folgten ihm die Flüche von Millionen, deren Freiheit er zertrümmert und deren Recht er mit Füßen getreten hat. Daß rin Mann, wie Plehve, der seine Laufbahn als Judas begonnen hat. sie, auf dem Gipfel der Macht angelangt, als Hwman fortsetzen werde, braucht wohl kaum bezweifelt zu werden. Das neue Gesetz, welches mit der einen Hand den Juden 101 Plätze zum Aufenthalt eröffnet, um ihnen mit der anderen das Recht auf Erwerb von beweglichem Eigenthum im weiten Czarenreiche zu nehmen, beweist, in welcher Richtung die Plehve'schen Ausnahmegesetze sich Wohl bewegen werden. Im Ansiedelungsrayon selbst hat Jgnatiw schon den Juden so viel genommen, daß ihnen zu nehmen weiter nichts mehr übrig bleibt. Aber eine ansehnliche Anzahl von Juden haben noch Rechte außerhalb des Ansiedelungsrayon und Herr v. Plehve wird sich bemühen, ihnen diese Rechte zu rauben, falls nämlich ein neuer Wind in Rußland ihn inzwischen nicht von seinem Minister- Posten hinwegwehen wird. Amerika. Washington, 35. Juni. Der Staatssekretär des Auswärtigen, Hay, machte den Präsidenten Roosevelt darauf aufmerksam, daß es dem internationalen Brauch widersprechen würde, wenn die Vereinigten Staaten sich wegen der Vorgänge in Kischinew förmlich bei Rußland beschweren wollten. Präsident Roosevelt hat infolgedessen beschlossen, seine Entscheidung über weitere Schritte bezüglich Kischinews bis nach der Berathung zu vertagen, die er demnächst mit einer Abordnung hervorragender Führer der amerikanischen Israeliten haben wird, die ausdrücklich um ein Einschreiten Amerikas zur Verhütung einer Wiederholung der Ereignisse von Kischinew bitten will. Präsident Roosevelt drückte der israelitischen Deputation sein Bedauern aus, daß er in Angelegenheit der Kischinewer Juden bei der russischen Regierung keine offiziellen Schritte thun könne. KcrsouaNen. Natibor. Zum Rabbiner der hiesigen Synagogen-Gemeinde wurde einstimmig Rabbiner Dr. Max Dienemann aus Breslau gewählt. F c it i I 1 e t o it. Jerusalem. Histsvifche Svzsylung von Jsaae Breuee—Frankfurt a. M. 141 Rings brandeten die tosenden Wogen und schlu- ' -gen näher und näher. Zu den Ohren der Juden drangen die wilden Lieder, von denen die Stadt widerhallte und kündeten ihnen nahes Verderben und Sterben. Wann wird es kommen? Wann wird es vollendet sein? Und wieder beteten und fasteten und "spendeten sie und bereiteten sich zum Tode vor.- Aber in ihrer Mitte lebte ein Mann, in dem der Herr einen Geist entfesselt hatte, wie er bislang noch nicht erschaut worden war im armen Volk der Juden. Einen Geist, der sich dem namenlosen Leide nicht beugen mochte und nicht lernen wollte, zu entsagen und zu dulden. Gewaltige Kraft gährte in der Brust ^es Juden David ben Sebulon. Ihn hatte der Herr zu unerhörtem Thun ausersehen, auf daß er zum Wahrzeichen werde für kommende Zeiten. Deßhalb schenkte der Herr ihm zuerst Gelingen, ehe Er sein-Geschick ihm vollendete. In gigantischem Trotze hatte dieser Jude sich gegen eine tausendjährige Vergangenheit aufgelehnt. Er hatte den schmerzenden Schlag, der ihn getroffen, nicht ruhig hingenommen. Die flehenden Manen seiner Väter, ja selbst seines todten Weibes, hatte er abzuschütteln vermocht. Nicht mehr als Jude, nein als gleichberechtigter Mensch, dem Stärke den Arm erfüllte, hatte er das Schwert ergriffen und war dem Verruchten entgegengetreten. Und als dann der Sieg nicht fein wurde, da hatte er als grollender Rachegeist zur lodernden Brandfackel gegriffen und seinem heißen Grimme war die stolze Ritterburg in Staub und Asche gesunken. Und die Flamme, die er vom Fuße des Hügels zum Himmel züngeln geschaut, die brannte fort und fort in seiner Brust und trieb ihn unablässig an zu neuen Thaten und Werken. Denn kein vereinzelter Racheakt sollte der Burgbrand sein. Das Signal sollte er bilden zur Aufrüttlung seines Volkes aus tausendjährigem Schlummer. Diese Aufrüttelung, er wollte sie vollbringen zum Heile seines Volkes, das er mit der ganzen Gluth seines heißen Herzens liebte. Oft saß er stundenlang und schaukelte sein Kind auf dem Schoße, drückte es fest an die Brust und gedachte kommender Zeiten. Die sollten besser werde», sein Kind sollte sie genießen. Er wollte es bewirken!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.