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Der Israelit · 1903-06-18 · Heft 48 (18.6.1903) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 48 (18.6.1903)
Date
1903-06-18
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Frankreich. Paris, 15. Juni. Vor einigen Tagen habe ich Gelegenheit gehabt, mit einem römischen Arzte zu sprechen, den seine Regierung zum Besuche der hiesigen Spitäler nach Paris entsandt hat. Wir haben über das antike und moderne Italien, über die italienische Kunst und über den stets heiteren und lachenden Himmel Italiens gesprochen. Im Laufe unseres Gesprächs habe ich ihn gefragt, ob er auch Herrn Luzzatti kenne, diesen ausgezeichneten Mann, der sittlich und wissenschaftlich gleich hoch steht, der die jämmerlichen Finanzen Italiens zur Vlüthe gebracht und dessen Bekanntschaft ich hier vor zwei Jahren auf einem Arbeiterschutzkongreß zu machen die große Freude hatte. Ich frage also den betreffenden Arzt: „Kennen Sie auch Herrn Luzzatti?" Und schnell antwortete er mir: „Ah Luzzatti? — hebreo!" Diese Antwort ist sehr charakteristisch und psychologisch hochinteressant. Selbst für diesen feingebildeten und ganz vorurtheilsfreien Römer ist Luzzatti (der übrigens ein Nachkomme von tz'n'v'i und tz'iip ist) in erster Reihe nicht etwa der geistreiche und hochbetagte Nationalökonom, nicht etwa der Mann, der seine ganze Kraft, sein großes Wissen und sein mächtiges Wollen ausschließlich dem Wohle und der Größe seines Vaterlandes gewidmet hat, für ihn ist Luzzatti vor allen Dingen der Jude. Für ihn, der weder Klassennoch Rassenhaß kennt, ist der „Jude" keineswegs etwas Minderwerthiges oder gar Entehrendes, er hält es aber trotzdem der Mühe Werth, die jüdische Abstammung des einen oder des anderen zu betonen. Und er thut es ganz instinktiv. Denn der Jude bleibt immer und überall Jude! Pi. Rußland. Petersburg, 33. Juni. Der vielgerühmte russische Priester Johann Ssergiew, der sich nach den Metzeleien in Kischinew in einem Schreiben sehr scharf gegen die Judenheher ausgesprochen hatte, bittet jetzt in einem von der „Snan^a" veröffentlichten Briefe an seine „geliebten christlichen Brüder in Kischinew" um Verzeihung, daß er ausschließlich gegen sie einen Vorwurf wegen der begangenen Greuel erhoben habe. Durch die Briefe von Augenzeugen sei er jetzt überzeugt, „daß man nicht bloß die Christen, welche von den Juden zu den Unordnungen provozirt wurden, beschuldigen darf, und daß hauptsächlich die Juden selbst an der Katastrophe die Schuld tragen." Bobrek. Am Fronleichnamsfeste umzingelten am helllichten Tage etwa 200 Personen das Haus des jüdischen Handelsmannes Langer in Bobrek bei Sielce in Russisch-Polen und brachten Kundgebungen gegen die Juden aus. Sechs junge Burschen drangen demolirend in das Haus. Man wollte einen Krawall wie in Kischinew inszeniren. Als Langer die Situation in Folge der ausgestoßenen Drohungen überblickte. sprang er mit einem seiner Söhne zum Fenster heraus und holte Hilfe. Die sofort erschienene Polizei griff mit der Zuchtknute ein und zerstreute die Menge. Zwei der Eindringlinge wurden verhaftet. Der Polizeimeister Sosnowice erfuhr am Frohnleichnam, daß die in der Kirche versammelten Leute Gewaltthatigkeiten gegen die Juden ausführen wollten. Der Beamte besetzte die Kirche mit seinen Mannschaften und ließ die Kirchenbesucher nur zu zweien heraus, sie vorerst fragend, wohin sie wollten. Sie mußten geradewegs nach Hause gehen, sonst wurden sie sofort durch einen der Wachleute nachdrücklichst angetrieben. Kischinew. (Wer ist Herr v. Plehve?) Der russische Minister des Innern, Katscheslaw Konstantinowitsch v. Plehve, welcher an Stelle des längst der wohlverdienten Vergessenheit verfallenen Grafen Jgnatiw in Rußland die Rolle des Judenhenkers übernehmen zu wollen scheint, ist durch. Verrath, Denunciation und grausame Verfolgung Andersdenkender zu seiner gegenwärtigen hohen Stellung gekommen. Im Jahre 1848 als Sohn eines armen Edelmanns geboren und früh verwaist hat sich ein reicher litthauischer Magnat des schutzlosen Knaben angenommen und ihm eine gute Schulbildung angedeihen lassen. Zum Dank dafür d e n u n c i r t e der junge Plehve seinen Wohlthäter bei Murajew, dem „Henker Polens" wegen politischer Umtriebe, worauf der unglückliche Mann, der eine Schlange an seinem Busen genährt hatte, sein Leben am Galgen lassen mußte, v. Plehve aber machte von da ab seine Earri^re. . . Er studirte als künftige Stütze des Thrones auf Staatskosten Jura und wurde nach Beendigung seines Studiums sehr bald Staatsanwalt. Auf diesem Posten wußte er sich geschickt vorzudrängen und sich gehörigen Ortes als schneidiger Ankläger und wüthender Nihilistenfresser in's richtige Licht zu setzen. Von Warschau, wo er eine nihilistische Verschwörung aufgedeckt hatte, kam er als Reichsanwalt nach Petersburg, wo es ihm durch rechtzeitige Entdeckung des Dynamitattentats auf das Winterpalais gelang, das Leben Alexander II. um eine kurze Frist zu verlängern. Als 1881 Czar Alexander dennoch das Opfer seiner nihilistischen Feinde geworden ist, wurde v. Plehve als der geeignete Netter des Staates befunden und zum Chef des Potizeidepartements ernannt. 1884 machte der edle Streber einen weiteren Schritt vorwärts, iitbem Czar Alexander III. ihn mit dem Titel eines Unterstaatssekretär in das Ministerium des Innern berief. Hier konnte der kaum 36jährige Plehve seiner Verfolgungssucht reichlich Genüge leisten und die Polen als Katholiken, die Deutschen als Stundisten und die „Hebräer" als Juden nach Herzenslust verfolgen. Eine noch weit einflußreichere Stellung erlangte er 1896, wo er zum Staatssekretär von Finnland, ernannt wurde. Es siel ihm die Aufgabe zu, die Freiheit eines »

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