Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 48 (18.6.1903)
- Date
- 1903-06-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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44. Jahrgang. M 48 Zentral-Arg an für das orthodoxe IudenLHum. Begründet von Dt. Dehnrrrnn in H$tain$. 2>onncvftaQ, de« 23. Etwa« 5663 18. J««i 1963. Da mit dem 1. Juli 1903 ein neues Quartal beginnt, so erlauben wir uns, die geehrten Abonnenten darauf aufmerksam zu machen, daß namentlich bei der Post das Abonnement frühzeitig erneuert werden muß, damit die Versendung keine Unterbrechung erleide. In der Postzeitungsliste pro 1903 eingetragen unter Nr. 3932. Neu eintretende Abonnenten (Postabonnenten gegen Vorlage der Postquittung) erhalten das Blatt bis Ende dieses Monats gratis. 6ini) MmkfchiiWil öotiiriepi) Me Folgen Mn WeiiMM? IL ' Wir sind in voriger Nummer der namentlich in nichtjüdischen Kreisen vielfach verbreiteten Ansicht entgegengetreten, als seien Judenverfolgungen ausschließlich auf soziale Gegensätze zurückzuführen, und haben dabei Herrn Liebe, den Verfasser des „unparteiischen" Buches über das Judenthum ausführlich zu Worte kommen lassen. Dieser Herr schilderte uns die sozialen Ursachen der mittelalterlichen Verfolgungen nach seiner Auffassung; lassen wir solche einmal gelten und sehen wir zu, ob. wie uns unsere Gegner gern weismachen wollen, die Vorgänge in Kischinew auf die gleichen Ursachen zurückgeführt werden können. Dazu ist zunächst ein Vergleich der beiden Länder und der Zeit der Vorgänge erforderlich. Wenn man nun auch fo gerne von den „mittelalterlichen" Zuständen in Rußland spricht, so ist doch einleuchtend, daß selbst das „barbarischste" Land heute von der modernen Kultur in erheblichem Maße profitirt hat. und mittelalterliche Zustände, wie sie im 12. und 13. Jahrh. in Deutschland waren, heute selbst in Rußland nicht mehr möglich sind. Das gilt in allererster Linie in Bezug auf den Geld- Verkehr. Der Bauer des Mittelalters, wenn er nicht geradezu glaubte, daß - der Jude sich das Geld durch Zauberei verschaffte, war doch der Ansicht daß der Handelsmann allerhand, geheime Wege besitze, um sich in den Besitz des alles bezwingenden gleißenden Metalls zu sehen. Die roullirende Eigenschaft des Tauschmittels war ihm fremd, er begriff nicht, daß sich im Gelde früher geleistete Arbeit chrystalisirt hat, und er haßte deßhalb den „Kapitalisten", weil er wähnte, daß ihm unverdienter Lohn zufalle, wenn er sein Geld in baar oder andere Werthgegenstände umsetzte. Die ganze Geldwirthschaft, das Geld in seiner Eigenschaft als Maß des Tauschwertes einerseits und als allgemeiner Werthträger andererseits, damals in Deutschland erst im Entstehen begriffen, war ihm eine unbekannte und deßhalb geheimnißvolle Welt.. Ganz anders liegen die Verhältnisse im heutigen Rußland. Da kennen die in der Umgegend der großen Städte wohnenden russischen Gutsbesitzer den Werth und die Bedeutung des Geldes sehr genau. Aber die bittere Mühe, der saure Fleiß und die herben Entsagungen, die dem Erwerbe des „schnöden Mammons" vorausgehen, die scheuen sie, sie verprassen es lieber in Paris, Warschau und Petersburg, und wenn sie dann in höchster Klemme, den Ruin vor Augen in die Provinzstädte kommen und bemerken, wie der Jude durch Fleiß und Schweiß den Preis errang, dann erfaßt un-