Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 46 (10.6.1903)
- Date
- 1903-06-10
- Page
- – (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
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-/-t- 1022 ~w :i i ihrer Bahre einhergmg und am allerwenigsten da, als er in der stillen, düsteren Ecke sieben Tage trauerte. „Aber jetzt, heute? Wohin jetzt? Wohin? Wohin..." „Chazkel!" ermunterte ihn sein Nachbar, „Chazfel! Auf! Kaddisch!" R. Wolf hatte gerade den Schiur beendet. Die Aweilim erhoben sich, um Kaddisch zu sagen. Auch Chazkel erhebt sich langsam, rüttelte sich aus seinen Gedanken auf, seufzte und stimmte mit in das Kaddischgebet ein. . - „Für wen?- fällt es ihm plötzlich ein, während die Gemeinde begeistert in „Omein jehei schmei rabboh!" einfiel, „für wen sage ich diesen Kaddisch? Für die Mutter, die ihm den ersten Tod mit in's 2efcengegeben? Oder die arme Channoh? Vielleicht gar für ihn, seinen einzigen Kaddisch, der jetzt dort, in der weiten Ferne, anstatt um die Mutter zu trauern, mit der Waffe umherexercirt?! .... Oder gar für sie, die verlorene Seele seiner Feigele, die dort noch schlimmer als gestorben?-. Er mochte nicht weiter denken . ... „Jißborach wejischtabach . ." — betet er — „gelobt, gepriesen für alles, für alles . . ." betet er ächzend und seufzend weitex. * * * Nach dem Maariwgebet zerstreute sich die Menge. Ehazkel bewegte sich nur langsam der Thüre zu. „Wohin jetzt? Wohin?" mußte er sich unaufhörlich fragen. „Die Leute strömen heim. Wo will ich nun hin? Wo ist jetzt mein Heim?" „Chazkel!" zerrte ihn plötzlich Jemand am Rocke. ' Er drehte sich langsam um. Es ist Leibe, der Briefträger. „Hier" — spricht Leibe — „hier ein Brief' Heute gekommen." „Von meinem Schmuel." nickte Chazkel ohne Ueberraschung. „Nein, von Amerika!" antwortet Leibe kurz. Chazkel em.pfand ein Zittern am ganzen Körper. ohne recht zu wissen warum. Er gönnte sich keine Zeit, um mit dem Briefe heimzugehen, sondern ging nur bis an die nächste brennende Kerze und fing an zu lesen. Er ist wirklich von Feigele — hier ihre Schrirtzüge, ihre lieben Worte. — Seine Hände zitterten, es flimmerte ihm vor den Augen, aber er nimmt feine ganze physische und geistige Kraft zusammen und liest. —- s Er kann zwar nicht im ersten Audenblicke alles! verstehen, all die kleinen und dicht aufeinander ge-; reihten Punkte und Zeichen auf einmal fassen. So V viel kann er aber aus dem allen herauslesen: „Feigele kommt, sie kommt wieder. — Ihr Mann, den sie i nicht als solchen bezeichnete, war ein Schwindler, ein Schuft und Betrüger. Er verlangte von ihr etwas Schreckliches, ganz etwas Unerhörtes .... Sie aber hat ihre Ehre bewahrt, vom ersten Augenblicke an,' da sie seine Absichten sofort durchblickt/ hatte. .Sie hatte mit unsäglicher Noth, mit Elend und Hunger zu kämpfen, aber all dieses verleitete sie nicht einen Augenblick, vom rechten Wege zu weichen .... Das Haus, ' in welches sie der gewissenlose Mensch brachte, war ein schändliches — sie erfuhr es sogleich und konnte ihm trotz Drohung und Zureden, trotz allen. Ber-. fprechungen und strengen Ueberwachnngen, schon, nach, einigen Tagen entlaufen. Sie war arm, elende und verlassen — aber ihre Ehre hatte sie gerettet. -—Einige - Landsleute, die von ihrem Schicksale erfuhren, nahmen sich dann ihrer an, und konnte sie sich mit deren?ülse einen ehrlichen und anständigen Dienst - als' Hausmädchen erwerben. Nachdem sie sich so viel verdient hatte, daß es für das nöthige Reisegeld reichte, wollte sie es nicht ferner dort halten. Fort trieb es sie, zurück nach ihrer Heimaih zu den Ihren. Was sie aber davon immer und immer wieder abhielt, war die Scham, die sie schon bei dem Gedanken erfüllte, in diesem Zustande in ihre Heimathsstadt zurückkehren zu müssen und dann — mußte sie sich fragen — „was sollte sie setzt bei den armen Eltern als lebendige Almonoh (so werden im Ghetto die Frauen bezeichnet, die, weil sie vom ersten : Gatten nicht losgetrennt, nicht mehr Herrathen dürfen) anfangen?" Da ereignete stch aber plötzlich etwas, das all die Fragen auf einmal loste und all die Bedenken mit einem Schlage zerstreute. ^. Mister Vvlli, so hieß der ihr nur rabbinisch angetrante Schwindler, wurde von der Amerikanischen Behörde, die in letzter Zeit den Mädchenhändlern streng auf der Spur war. eines Tages verhaftet. Er aber wartete das Urtheil des irdischen Richters nicht ab. sondern machte in der Zelle schon am zweiten Taae seiner Untersnchinnasbafi seinem Leben durch Selbstmord ein Ende. Sie las es erst in den Zeitungen. . Dann aber wurde ste auch aus die Polizei gerufen, wo ibr der weitere Sachverhalt eröffnet wurde. Der. Selbstmörder batte nämlich im letzten Auqenblicke. wahrscheinlich in einer Aufwallung von Rene und Skruvel. sein ganzes, nicht unbedeutendes Vermögen an diejeniaen von ihm entführten Mädchen vermacht, die ihre Ebre bewahrt und der zugeführten Unsttilichkeit entlaufen waren. Ein großer Theil dieses Vermögens fiel nun Feigele zu, und wenn sie. die Eltern, diesen Brief lesen, beftnde ste stch bereits auf dem Schiffe oder schon in der Eisenbahn ..." Von dem allen begriff Chazkel vorerst nur diese letzten Worte des Briefes. -Sie kommt! Sie kommt?" schrie er fast laut zu stch selbst. ..Sie kommt wieder! Nnd unschuldig, rein! Ich bin nicht mehr allein .... O Channoh!" Und eilig, als ob er mit jeder Minute etwas versäumen konnte, stürzte er aus dem Bes-Hamtdrosch.