Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 46 (10.6.1903)
- Date
- 1903-06-10
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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44. Jahrgang. ßi 4(i de! 35t Ae bdßifOe IrolfilBttfiüiiraliii gtgtu )ir Siidinfipcr SnuL (Criginal-Scti<f)t für *« „Z-rarNt.^ 15. Brüssel. 28.?Äai. Am Mittwoch Abend fand das große „Protest- Meeting", veranstaltet seitens der „Belgischen Bereinigung zur Wahrung der Menschenrechte" im neuen Brüsseler Hofe statt. Ein überaus zahlreiches Publikum war erschienen, dank der Propaganda, die seitens der Sozialisten, insbesondere seitens der russischen Studenten und S^dentinnen, fast in jedem Restaurant und fast in jedem Kaffee gemacht worden war. Auf der Tribüne hatten neben dem Vorsitzenden der Vereinigung, Hrn. Rousseau, noch Play genommen: Frau Hector Denis, Staatsminister Le Jcune. die Herren Abgeord. Van der Velde, Furremont und Demblon, die Herren Professoren Leo Errara, Lucien Anspach und Georges Pitre. Herr Rousseau erklärt zuerst den Zweck der Versammlung: Klar und deutlich die Entrüstung auszudrücken, die in allen zivilisirten Ländern durch die abscheulichen Mißhandlungen in Kischinew hervoracrusen worden. Herr M o n s e u r verliest dann einen Brief von Herrn Van der Kindere, der^ in Folge einer schweren Erkältung nicht an dem Meeting theilncbme» kann. In diesem Briefe unterbreitet der hervorragende Professor der Versammlung die Idee, die..lagne 1' aiu-ai.se d^s droits de riumime“ zu bitten, die Initiative in die Hand zu nehmen zu einem Protest gegen die befreundete Nation. Dieser Verlesung wird lebhaft applaudirt. Dann nimmt Herr Leo E r r e r a an Stelle seines Bruders, Herrn Paul Errera. der verhindert ist, das Wort. In seiner ruhigen und gemäßigten Weise legt der Redner die Verhältnisse klar, die zu dem schrecklichen Gemetzel der letzten Wochen geführt haben. Die gesetzliche Verfolgung der Juden, das Verbot der Ausübung gewisser Gewerbe, das Verbot zu reisen, das theilweise Verbot, das Gymnasium und die Universität zu besuchen, da nur eine beschränkte Anzahl zugelassen wird, die Verwaltungstyrannei, worunter die Juden zu leiden haben, und die Demoralisirung, die diese Ungerechtigkeiten zur Folge haben. Dann erzählt er in genauen Zügen die Ereignisse, woraus mit Deutlichkeit die Verantwortlichkeit der Zeitung „Bessarabetz" bervorgeht, die unleugbare Verantwortlichkeit der Negierung, deren verwirrte Er-. klärunoen besonders verdächtig sind. Die russische Regierung möge alles anftürtcn, sich Europa gegenüber von der Schuld reruzuwaschen, bei diesen abscheulichen Brutalitäten ibre Polizei unthatlg gelassen ZU haben, es wird ihr unmöglich sein. Dieser Vortrag, der durch seine einfache Darstellung große Rührung hervorrief, machte tinen tiefgehenden Eindruck auf die Zuhörer. Herr Errera sagte zum Schlüsse: „Vielleicht hat die russische Regierung das jüd^ und orthodoxe Proletariat. das eine durch das andere, vernichten wollen. Das einzige Mittel, um der Regierung Halt zu bieten. ist. so viel wie möglich die Ideen der Vernunft, der Gerechtigkeit und der Menschlichkeit in diesem noch balbbarbarische» Lande zu verbreiten." Hierauf nimmt Herr Van der V e ld e das Wort. „Was wäre noch zu dem eben gehaltenen Vorträge hinzuzusuacn' Wir müssen uns unserer Zeit schämen, in der man in Transvaal, in China, in Armenien und in Bessarabien tobtet. Der Redner leitet die Vekantwortlichkcit zuerst von der „Antisemitischen Pest" ab (hat cs nicht eine Zeitung durch einen fünfjährigen Feldzug dahin gebracht, eine friedfertige Bevölkerung in eine Bande wilder Thicre zu verwandeln!), dann von der gcsammtcn russischen Regierung. Indern sie den religiösen und nationalen Fanatismus fördert, sucht sie ein Ableitnngömittcl für die Unzufriedenheit, die im ganzen russischen Reiche herrscht. Was man in den jüdischen Handwerkern nnler-r drücken wollte, war die Idee der Glcichbercchttgttttg. die sich immer mehr im ganzen Lande verbreitet. Angesichts dieser Thatsachen würde die Sozialdemokratie alle ihre Pflichten vernachlässigen, tvenn sic sich nicht den beherzten Männern auschließen würde, die uns heute hier empfangen haben. Wir müssen mit de» Opfern von Kischinew fühlen, weil sie Menschen sind, weil sie unglücklich, well sie diesem bewnuderungswürdigen jüdischen Proletariat, das so viele Beispiele von Heldenmntb gegeben, angchören." Zum Schlüsse erwähnt der Redner, daß das Internationale sozialistische Bureau einen Protest gegen die Verbrechen von Kischincw absenden wird. Lebhafter Beifall belohnte den Redner für seinen anregenden Vortrag. Sodann betrat die Tribüne Herr Demblon, Abgeordneter von Lüttich. Er spricht mit der ihm eigenen Kürze sein Urtheil über Antisemitismus aus. Anhaltender Beifall folgte seinen Worten.. Herr M o u s c n r verliest sodann folgende solution, die einstimmig angenommen wird: „1500 belgische Bürger, vereinigt am 20. Mai 1903, zu einer Versammlung einberusen von .,1rl l,igue des Droits de l'honune“ empört über die