Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 46 (10.6.1903)
- Date
- 1903-06-10
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Kinde in die Backe. Das aber erschrak und verbarg sich an der Brust des Vaters. «Latz eS gut sein," sprach der Vater, „und sagt mir, wo das Haus des Vorstehers Baruch steht." Da sperrte der Thorwärter die Augen auf und brachte athemlos hervor: * «Wie, Ihr wißt etwas über ihn?" «Wo steht das Haus?" wiederholte jener, schon ungeduldig werdend. Namenlose Neugierde ergriff den Thorwärter, nur wenige Augenblicke schwankte er unschlüssig, dann warf er entschlossen den Thorschlüssel in sein Häuschen und sprach kurz: „Kommt, ich. will Euch die Wohnung des.Vorstehers zeigen." ' Es war schon spät am Nachmittag, als sie das Judenviertel betraten. Bereits waren die Männer nach Hause zurückgekehrt und schickten sich an, in's Gotteshaus zu gehen, um das Vespergebei zu verrichten. Aber jedem, den er erblickte, macht der Thorwärter ein bedeutsames Zeichen, indem er auf seinen Genossen hindeutete. „Der bringt Nachrichten," zwinkerten dabei seine Augen. Von verschiedenen Seiten kamen die Bewohner herbei, um dem Fremden den Friedensgrutz zu entbieten, und sie alle schlossen sich, vom Thorwärter veranlaßt, dem Zuge an. Lawinenartig wuchs er. Allgemein fiel die stattliche Gestalt des Fremden auf, aber auch die düstere Trauer, die auf seinem Gesichte lagerte. Was bringt er? Diese Frage lag auf Aller Lippen, doch keiner wagte es, sie ohneweiteres zu stellen. Sie kamen endlich zu der Synagoge, vor der ein geräumiger Vorhof sich befand. Hier wurde das Gedränge so groß, daß an ein Weitergehen nicht mehr zu denken war. ■ Da trat ein Mann auf den Fremden zu, dessen Gang schon eine gewisse Würde verrietst. „Friede.mit Euch", sprach auch er. . „Mit Euch sei Friede," antwortete still , der Fremde. «Ihr seht die Aufregung," Hub jener wieder an, „in die Euer Kommen die Gemeinde verseht hat. Wochenlang schon warteten sie auf Nachricht und sind noch völlig im Zweifel. Ich bin der zweite Vorsteher der Gemeinde. Wollt Ihr mir nicht sagen, wer Ihr seid?" „Ich bin David ben Sebulon und war Vorsteher der Gemeinde zu London." Bei diesen Worten bemächtigte sich ungeheure Spannung aller Anwesenden. Athemlos lauschten sie. «Ihr kommt direkt von London?" fragte wieder der Vorsteher. ..? „Ich komme von dort." „Und Baruch, unser Abgesandter ist nicht mit Euch gekommen. Wie geht es ihm?" - „Ihm ist wohl." , \ :s «Und was ist der Erfolg der Gesandtschaft, die; wir alle aus ganz England an den König geschickt?" Da zuckte es gar seltsam im Gesichte des Fremdem ■ ‘; . „Der König hat Eure Geschenke angenommen:" „So ist," fragte jener und seine Stimme stockte fast, „so ist mit unseres Gottes Hilfe der Zweck der - ' -y- Gesandtschaft erreicht?"; y: l u. . Einen Augenblick zauderte der Fremde. Er über-- schaute die Menge, die an seinem Munde hing, als ob er ihr Schicksal ihnen zu verkünden hätte. Das Schick- ' sal seines Volkes hing daran, wie ein fremder König geruhte, ihre Geschenke anzunehmen. Da ergriff 'ihn , überwältigendes Leid. Das ganze Weh seines armen, armen Volkes brannte ihm plötzlich lodernd im Busen. / . Seine Fassung schwand und mit brechender Stimme schrie er: ' •;••• vf. . . , „Baruch ist todt. Alle Gesandten sind todt. Die '• Gemeinde von London vernichtet." . .v . Seine Worte verhallten und noch immer Todtenstille. Als aber voll Grausen der Fremde sein Antlitz . verhüllte, da brach ein Jammergeschrei aus, ein furcht- . -- bares Wehgcheul ohnegleichen. Die Juden zerrissen ihre Kleider. Sie streuten Asche auf's Haupt.' Und ... >. / . auch der Fremde that so. trotzdem schon alt sein Schmerz. Und sie weinten, daß Helle Thränen flössen^. . Plötzlich kam eine Bewegung über sie. Scheu wichen sie überall zur Seite. Durch ihre Reihen schritt . Rabbi Nathan, gefolgt von dem Diener der Gemeinde, der ihn zum Gebet abgeholt. Noch wußte er nichts.' Aber ahnungsvoll blickte sein großes, ruhiges Auge _ über die. jammernde Gemeinde. Vordem Fremden hielt er. Der trat unwillkürlich einen Schritt zurück. „Friede mit Dir," sprach der Rabbi. . „Mit Dir sei Friede," die Antwort. ' „Du bringst Nachricht?" - ,-y David ben Sebulon wiederholte seine Schreckensmäre. Auch der Rabbi schwieg einen Augenblick, y „Gesegnet der Richter der Wahrheit," sprach er dann. . - '•' -- : .y . - „Faßt Euch, meine Brüder." fuhr er fort, „Ihr wißt ja. Gott schickt uns dies. Sein heiliges Volk sind wir. Er ruft uns . zu jeder Zeit. Kommt, ehe die Stunde vergeht, zum Gebet." : v y Und Rabbi Nathan wandte sich und schritt in die Synagoge. Die ganze Gemeinde folgte ihnn Ein j jeder ging zu seinem Platz. Der Vorbeter gab'das j Zeichen zum Beginn. Bald schlossen sich ihre Füße j und sie, die eben ihr Urtheil vernommen, flehten zu i ihrem einzigen Annehmer im Himmel, daß Er richte ihren Streit, ihr Leid ihnen heile und sie bald, von allen' ' vier Enden sammle und hinsnhre nach Jerusalem, dem ' / - wiedererbauten, hin zum Throne Davids, auf dem dep^ ' Sproß, der gewachsen, aus Davids..Stamm, in Herr-' y I lichkeit und Ehren die Menschen richtet. " Und sie/ .y-;y j beteten heiß und innig. —.— J? .y.y'y.i