Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 93 (23.11.1903)
- Date
- 1903-11-23
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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bcg sie über der g/Aniom Arbeit, mochte sich diese nun in Kunst oder in Wissenschaft zeigen, dem Zuge der Zeir, der Bei Hängung im praktischen Leben fordert, nur Zögernd folgten. Ein Volk aber, wie das Mische, das, mit orienranscher P banraue eine haarscharfe, intuitive Aufsrffung der Ponulare derealen Lebens verbindet, das. fremd im deutschen Land, durch den Zwang einer unnarürlichen Gesetzgebung, die es an der Entfaltung feiner sonnigen, gewerblichen und landwirthichastlichen Fähigkeiten hinderte, eingeschnürt war, mußte dem Volke, unter dem es lebte, in den genannten Beziehungen den Rang aölaufen. Und dieses Verhältniß besteht. wenn auch verändert, noch heute. Wer aber ist fchulo daran? Doch nicht der Jude, der als Retter in der Roth gefeiert, dann beiseite geschoben, schließlich wieder in Gnaden ausgenommen, das Spiel seiner reichen Kräfte eben nur da entfalten kann, wohin ihm die Tradition der Jahrhunderte und der Wille der Gesellschaft gestellt hat? Run zurück zu Gerlach's Confessiones. Man sagt: Alles Große in der Welt ist stets von.Einzelnen, wie von der Masse ausgegangen. Das ist sicher wahr! Allein der „starke Mann" muß auch den richtigen Nährboden für die im Bolke schlummernden Ideen finden. Und dieser Boden wiederum ist in seiner Fertilität abhängig von den wirthschaftlichen Verhältnissen, die sich nicht in ruhigem Flusse bewegen, sondern, von außen und innen beeinflußt, in wechselnden Kurven auf- und abwogen. Die in politischer Beziehung fruchtbare, in wirthschaftlicher Hinsicht sterile Mitte des 10. Jahrundert zeigt keine Spur einer antisemitischen Bewegung. Bon der agrarischen' Entwicklung gelangt Deutschland in die kapitalistisch-großindustrielle Laufbahn seit der Gründung des deutschen Reiches mit seiner neuen Gesetzgebung, die mit dem alten Zwang gründlich aufräumt und Freiheit in Bezug auf Gewerbe. Aktion ete. gewährt. Deutschland wird ein moderner Staat. Wenn ein Damm, an dem schon lange gurgelnd die Wasser nagten. Plötzlich angestochen und geöffnet wird, wird der gefesselte Strom naturgemäß sich stürmisch entleeren und Manches zerstören. So auch hier. Die Kapitalisirung führte zur lieberkapitalisirung. Die Gründerperiode endete nach einem riesigen, imaginären Aufschwung, mit einem Riesenkrach. Die Gesetzgebung hatte ihr die notwendige Sanktion und Freiheit gegeben. An der Spitze der Gesetzgebung.aber und der Jobberoperationen standen kenntnißreiche Juden, aus den bereits oben angegebenen Gründen und in Folge des inneren Zusammenbanges von Ursache und Wirkung; wie Lasker und Vamberger .einerseits. Heinrich' Bäruch Strqusberg andererseits.' . . ' ' . Die Aktionäre, die mit vielen Juden ihr Geld verloren hatten, schimpften weidlich auf dft .Juden. denen sie die Schuld beimaßen. In diese Masse, die ihre Luftschlösser von rasch erworbenem Reichthum in's Nichts versinken sehen mußte, warf ein ebensalls Her eingefallener. der Journalist Glaaau, die Brandfackel. Ter Antisemitismus feierte eine neue Auferstehung. Was Glagau anpslügte. öebaure Stöcker, der, als Orthodoxer in seinen Gefühlen durch die Behandlung kirchlicher Fragen in jüdisch-liberalen Blättern verletzt, als glanzender Redner in Volksversammlungen Donner und Blitz gegen das Judenihum schleuderte und beispiellose Erfolge erzielte. Dazu kam noch, daß die immerhin nicht urtheilsreife Blütbe der Nation, die deutsch; Studentenschaft, von Treinchk; beeinflußt, sich in den Strudel der antisemitischen Bewegung hineinziehen ließ. Bismarck selbst förderte sie eine Zeitlang indirekt, da er mit ihrer Hilfe den Liberalismus zu brechen hoffte. Tie Reichstagswahlen von 1881 brachten die große Enttäuschung. Bismarck ließ den Antisemitismus fallen, die Bewegung ebbte zurück, mit der ruhigen Besserung der wirthschaftlichen Lage schien sie 1885 zu erlöschen. Durch Fritsch, Liebermann und Vöckel erlebte sie einen neuen, unheilvollen Aufschwung. Mitöedingt durch armselige Verhältnisse in Hessen war der Sieg, den Dr. Böckel errang. Von nun an bewegt sie sich, durch große Geldkrisen in Folge der Bimarcksschen Schutzpoliiik genährt, in steil aufsteigender Kurve. Ahlwardt mit der zerrissenen Hose errang sich jenes traurige Prestige, von dem er heute glücklicherweise nur noch einen schwachen Abklatsch besitzt. Die Reichstagswahlen von 1893 brachten 16 Sitze. Damit war der Höhevunkt erreicht und — überschritten. Ter Antisemitismus zeigte, daß er zur parlamentarischen Arbeit unfähig war. Der alte Unterschied zwischen Theorie und Praxis. Die Blütbczeit. der Deutschland entgegen zu gehen schien, hielt an. Tie Zahl der antisemitischen Sitze sank rapid. Jetzt sind es noch neun ganze Mandate. Auch diese werden nicht wiedergewonnen werden. Der politische Antisemitismus, schreibt Gerlach, .hat seine Rolle ausgespielt. Der gesellschaftliche Antisemitismus wird auch allmählich erlöschen. Ernsthafte und intelligente Naturen beachten ihn nicht mehr. Soweit Gerlach! Was wir aus diesen Erörterungen lernen können, sei im Folgenden ganz kurz auseinandergesetzt: Das Judenthum möge immerhin auf der Hut sein! Die Zeiten wechseln das Antlitz! Arbeit im Kleinen, um den gesellschaftlichen Antisemitismus zu beseitigen, sei die eine Parole! Man vergesse nicht, daß dieser Zweck nur durch stärkste Betonung der religiösen Anschauung erreicht wird. ' Juden, lebt nach Eurem Glauben und Euren heiligen Gesetzen. Tastet fremde Konfessionen nicht an! Seid mild und gerecht, wehret Euch aber gegen jedes Unrecht? Arbeitet zselbewußt und eifrig an der Zerstörung der Methode antisemitischer