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Der Israelit · 1903-05-28 · Heft 41-42 (28.5.1903) · page 33

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 41-42 (28.5.1903)
Date
1903-05-28
Page
– (sequence 33)
Language
German
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28. Mai 1903.] m W.ttHtz! [»*.84. mervev Das russische Osterfest war gekommen. Die Juden feierten den achten Tag Pesach. In' der Familie des Oberlehrers Alexander Rostowsky saß man um den Tisch herum und unterhielt sich noch über den Seder. Der Vater hatte diesmal besonders schön vorgetragen, und er hatte' allerhand scharfsinnige Bemerkungen an die Erzählung der Befreiung der Juden aus der egyptischen Sklaverei geknüpft, er setzte heute seine Auseinandersetzungen auf Wunsch der Familie fort. Seine Gattin und seine erwachsenen Söhne und Töchter hörten den geistreichen Interpretationen des Hausherrn aufmerksam zu. Manchmal hatten letztere, die das Gymnasium der Stadt besucht, und moderne Anschauungen in sich ausgenommen, gegen die, wie cs ihnen schien, etwas veralteten Anschauungen ihres Vaters Einiges einzuwenden. Der Vater sah das nicht ungern, boten ihm doch die Bemerkungen seiner Kinder nur die willkommene Gelegenheit, seine Ideen noch weiter zu entwickeln und auszuführen. „Papa," unterbrach der Primaner bei einer kleinen Pause den Vortrag des Hausherrn, „wenn man Deine Reden hört, so könnte man wirklich glauben, wir steckten noch im tiefsten Mittelalter; „in iedem Zeitalter," sagtest Du, „sind die Feinde wider uns erstanden, um uns zu vernichten!" Ich denke, dieser Ausspruch der Haggadah ist doch ein wenig übertrieben, leben wir nicht inmitten einer gebildeten Nation, ist unser Kaiser nicht der erste Friedensfürst der Welt, zu ihm schauen die übrigen Regenten der Welt bewundernd aus, und seine Völker,- lieben sie ihn. nicht ebenso, und nun erst wir Juden, lieben wir ihn nicht ganz besonders, bist Du nicht selbst von ihm ausgezeichnet worden durch ein Ehrenzeichen, das Du bei allen feierlichen Gelegenheiten auf der.Brust trägst und dabei setzest Du Dich hin und rufest aus: „In jedem Zeitalter sind sie wider uns aufgestanden, um uns-zu vernichten, aber der Heilige, gelobt sei Er, Er errettete uns aus ihrer Hand?" Ich glaube, diese Stelle sollte aus den Gebeten gestrichen tverden, sie verletzt mein ästhetisches Gefühl. In der Zeit der Elektrizität, des Dampfes und der Röntgenstrahlen sollte man auch diese aus einer barbarischen Zeit stammenden Worte zu dem mittelalterlichen Plunder werfen." „Mein Sohn," begann der Alte, „wie sehr wünschte ich, Dir recht geben zu können, aber die Erfolge der Wissenschaft haben das Gemiith der Menschen nicht zu bilden vermocht, das Gegentheil ist oft durch sie bewirkt worden, ein krasser Materialismus beherrscht die Massen stärker als je und die sozialen Unterschiede waren nie so groß, wie heute. Mögen Einzelne emporgehoben worden sein durch die Erfindungen der Neuzeit, was wissen unsere Bauern von den der Menschheit dienstbar gewordenen Naturkräften, sröhnen sie nicht dem Alkohol wie früher, kommt nicht die Bestie bei jeder Gelegenheit zum Vorschein?" „Ich glaube. Du irrst Dich, lieber Vater, das Alter hat Dich pessimistisch gemacht, auch der geringe Bauer ist nicht mehr das Thier, wie er es noch vor einem Menschenalter war, auch er liest heute seine Zeitung.".

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