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Der Israelit · 1903-05-28 · Heft 41-42 (28.5.1903) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 41-42 (28.5.1903)
Date
1903-05-28
Page
– (sequence 7)
Language
German
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911 Ihre Religion war so garhz anders. Darin blühte es voll seliger Hofsnung und heiterer Lebenslust, und diese Religion hatte auch gar nicht so viel mit dem Jen-; seits zu thun, wohin die gebrochenen Herzen sich sehnen, die sprach immer nur von dem. was man hier essen und hier trinken, hier thun und hier lassen solle, damit man auch hier sich freuen könne, und die wollte auch, daß uian sich sehnen solle nach einem Reich, das hier auf der alten, bösen Erde einst anbrechen werde, voll Frieden nnd'-Ruhe, voll Glück und Erkenntniß, wenn einst der Herr sich erbarmt und den Erlöser sendet und Jerusalem erbaut und den Tempel darin. Und zu allererst kämen dann die Juden bin nach Jerusalem, denn es sei ja ihre Stadt und es sei ja auch ihre Schuld, daß auch die übrigen Menschen erlöst würden, denn sie hätten ihnen trotz aller Leiden und Qualen die Wahrheit aufbewahrt, nach der sie sehnsüchtig greifen würden, wenn erst all' ihre eigene Erkenntniß als nichtig sich gezeigt, sie ihnen die Hoffnungen geborgen, die sie einst wie Balsam auf ihre brennenden Wunden legen wurden, wenn erst die Verzweiflung über sie gekommen, über das große Leid und das große Weh. das nimmer von selbst sie heilen könnten. Und wie Tirzah so sprach, das Auge träumerisch in die Ferne getaucht, als ob sie die Zukunft erschauen wollte, da blickte Jehuda sie voll Scheu an. und sie kam ihm vor wie eine stolze, stolze Prophetin. Ja, stolz war sie. die kleine Tirzah. stolz darauf und froh damit, Jüdin zu sein, diesem großen, heiligen, eisigen Volke anzugehören, stolz darauf, in ihrem Köpfchen Wahrheiten zu tragen, die zu erfassen eine ganze Menschheit nicht im Stande sei, deren inbrünstige Erkenntniß einer ganzen gequälten Menschheit augenblicklich die Erlösung zu bringen vermöchte. Und für alles, was sie ihm sagte, dankte er ihr in ' so feurigen Worten, daß es ihr ordentlich warm um's ßcn wurde. Das spornte sie an, umso eifriger ihn zu belehren und sic freute sich damit, wie empfänglich er war. In ihm aber brannte verhaltene Glnih und schwer nur konnte er sich zügeln. Sie war so unbefangen wie ein Kind und abnte nichts von dem Sturm in seiner Brust. Rur zuweilen fiel in letzter Zeit ein Schatten auf ihr liebliches Antlitz. Die Sehnsucht nach ihrem Vater und die Sorge um ihn begann sie zu umdiistern. Es war ja in den damaliaen Zeiten ganz natürlich, daß, wenn Jemand eine längere Reise antrat, man lange auf seine Rückreise, ja überhaupt auf ein Lebenszeichen von ihn: warten mußte. Aber Woche entschwand auf Woche und Baruch blieb verschwunden.; Nicht nur sic allein war es. deren kindliches Herz in banaer Sehnsucht ihrem Vater entgeaenharrte. Die ganze. Gemeinde vEAork^hatte ..Baruch.als.'. Vertreter nach London entsandt und-große.Hoffnungen-auf feine Reise gesetzt. Denn alle Juden hatten reichlich gespen- - ... . , bet, damit ein ansehnliches Geschenk für König Richard zusammenkomme. Allerdings hatten sie auch die ' Mittel dazu.; Die Gemeinde von Pork war reich. Die Juden! lebten stets mäßig. Was der Vater erspart, verschwen- bete er nicht, sondern vererbte es seinen Kindern, die ihrerseits wieder das Vermögen vergrößerten. Meist - lagen sie den: Handel ob, denn Ackerbau war ihnen un-; tcrsagt. Auch Geldgeschäfte machten sie. Die Wohlj habenheit, die ihr mäßiges Leben ihnen verschaffte, er-! weckte den Neid der Christen. Wohlverstanden, es wa- ' rcn nicht ihre Geldgeschäfte, ihre Darlehen, die ihnen Haß zuzogen. Vor dem ersten Kreuzzug war ihnen; noch der Ackerbau zumeist gestattet, und sie lebten in s Frieden mit ihren Nachbarn. Da kam der erste Kreuz- \ zug und überall erweckte die Feindschaft der Geistlich- . fett den Judenhaß. Dieser Haß vertrieb die Juden; vorn Ackerbau uno drängte sie zu Handel und Geldgeschäften. Diese Geldgeschäfte vergrößerten wieder \ ihrerseits die Feindschaft, die bereits längst, durch! Verschulden der Geistlichkeit, aufgeloder! war. , So hatten hie Juden in Pork allen Grund, sich! um die Gunst des neuen Herrschers zu bewerben, und ' voll Spannung warteten sie auf Varuchs Rückkehr. Da lagerte sich allmählich dumpfe Schwüle auf die stille Stadt. Leise Gerüchte von Ausschreitungen des Pöbels in London tauchten auf, um bald wieder zu verschwinden. Aber sie genügten, um den Juden - Parks das Gefühl der Unsicherheit, das sie nie verließ, zu erhöhen. Sie wußten ja, daß jeder Augenblick ' ihnen gräßliches Verderben und Unheil bringen konnte, j Sie wußten, daß ilw Leben von der Gnade eines rohen,! verirrten Volkes abhing, das man nur ein wenig aufzuhetzen brauchte, um in ihm die wildesten Leidenschaf-! ten zu entfesseln. ' Die Juden Parks kamen nur wenig mit den? Christen zusammen. Aber dennoch merkten sie bald, i daß deren Verhalten nicht mehr war wie gestern und! ehegestern. Teuflischer Spott leuchtete aus ihren Augen, j und wilde Grausamkeit lag in ihrem Blicke. j Nächtlicher Weile erklangen die Straßen von' düsteren, schauerlichen Gesängen, in denen der ganze', Ekel und Widerwille der Menschen gegen die bestehende > Welt sich aussprach, sowie ihre Sehnsucht nach neuem Heile und neuer Erlösung. Und mitten dazwischen; schallte wieder die tollste Lust und Sinnlichkeit, diej wildeste Orgie, in deren Arme sich das Volk warf, um! sich selbst mit allen Mitteln des Reizes zu betäuben.! Fürchterliche Unnatur beherrschte die Gemüther,! die von der Geistlichkeit nach Belieben aelenkt wurden! und rathlos allen Einflüssen sich ausgesetzt sahen. I Und mitten unter solchen Menschen wandelten diel .trugen das Heiß um es eben denselben Menschen zu bringen, die so sehnsüchtig danach die Hand ausstreck-

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