Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 40 (25.5.1903)
- Date
- 1903-05-25
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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893 -; raubt. Unter den Tobten und Schwerverletzten befinden sich auch viele Christen. Daß diese Thatsachen öffentlich in Rußland bekannt werden, ist der Regierung nicht erwünscht, eben weil sie die Grundstimmung aufdecken, aus welcher die Unruhen erwuchsen. Lieber läßt sie die Judenhehe allein als das Grundmotiv der. Emeute gelten. — Und nun noch einige Richtigstellungen der bisherigen Mittheilungen deutscher Blatter über -das Verhalten der russischen Negierung. Daß Generalleutnant von Raaben Geld von Juden gefordert habe, ist durchaus unzutreffend. Der Hauptgrund seiner Verabschiedung war gerade, daß er sich von den Vorgängen überraschen ließ, der weitere Grund, daß er, anstatt Truppen zu seiner eigenen Verfügung zu fordern — welches Recht ihm zustand — den Kopf verlor und die Verwaltung und Verantwortlichkeit entgegen den gesetzlichen Bestimmungen dem rangältesten Truppenführer überwies, welcher nun erst Instruktionen aus Odessa und Petersburg erwarten mußte. Inzwischen nahmen sowohl die Judenmassakres, als auch der Ueberfall der christlichen Bazarhändler ihren Fortgang. Diese Schuld trifft von Raaben, der ein tapferer Herr mit gutmüthigem deutschen Gesicht, seinen Posten seiner absolut zuverlässigen Ehrlichkeit und allerdings auch dem Umstande verdankte, daß seine Führung einer Division an Thatkrast zu wünschen übrig ließ. Ebensowenig trifft es zu, daß Beamte sich an der Plünderung betüeiliat hätten.' Maskiert war Niemand, und ein Pope kann deßhalb nicht seinen Talar unter einem Kittel verbergen, weil ersteres Kleidungsstück bis auf die Knöchel, letzteres nur an die Oberschenkel fällt. An Ort und Stelle lies das Gerücht, es solle ein einziger dienstfreier Offizier geplündert haben. Feststellung gelang mir nicht. Das Verbalten der unteren Polizeiorgane mag in einzelnen Fällen schlecht gewesen sein, es ist überhaupt schlecht. Die übrigen Organe aber und die Negierung selbst thaten ihre Pflicht. Der Aufstand wurde blutig niedergeschlagen, über tausend Personen verhaftet, die zum Theil standrechtlich bestraft werden. Graf Mussin Puschkin, der Kommandeur mehrerer Armeekorps, eilte.zur Stelle, ebenso der Oberstaatsanwalt an- Qdessaer Appellationshof, Pollan. Aus Petersburg erschien der Chef des Polizeidepartements sofort. Die Forderung, die Regierung solle die Entschädigungssummen der christlichen Bevölkerung auferlegen, ist unerfüllbar und nach dem Mitgetheilten auch unbegründet; denn die Schuldigen träfe dies nicht. Es war eine Pöbelrevolte und der Pöbel kann nichts bezahlen. Die wohlhabenden Klassen aber sind selbst bedroht gewesen, wenn auch in zweiter Linie. In den größeren Städten sind die Polizeiorgane ständig auf dem ..qui vive**, da überall kleine Unruhen befürchtet werden. Am geängftigsten sind die Juden, die von den Revolten in den Bezirken, in denen sie zahlreich vertreten sind, meist als Erste, aber nicht als Einzige betroffen werden. | Zu dieser Auslassung der „National-Zeitung* sei Folgendes bemerkt: v. f Es wäre ja recht schön, und wie gerne würden wir es glauben, daß die Kischinewer Unruhen weiter nichts seien, als ein Symptom für die allgemeine politische Unzufriedenheit, wenn — cs nur wahr wäre. Aber die Aeußerung ist weiter nichts, als das Machwerk eines russischen Beschwichtigungs-Hofrathes, der den Märtyrern von Kischinew auch das Letzte noch nehmen will,, das sie besitzen: das Mitleid ihrer Glaubensgenossen im Auslande. Denn jeder, der dies liest, sagt sich, wenn die. ganze Geschichte auf nichts, als auf politische Streitigkeiten hinausläuft, bei denen auch so und so viele, Christen umkamen, dann geht uns die Sache ja ziemlich wenig an und die Russen sollen sehen, wie sie fertig wer-- den. Es ist deßhalb die heiligste Pflicht der nichtruffischcn jüdischen Presse, gegen solche gefährlichen Entstellungen der thatsächlichen Verhältnisse auf. das: Energischste zu protestiren. . Die ganze Kischinewer Katastrophe ist und war nichts, als eine ganz gemeine, krasse, entsetzliche Judenverfolgung, wie sie in Balta, in. Kiew und an vielen anderen russischen Orten sich von Zeit zu Zeit wiederholen. Die russischen Judenverfolgungen haben mit Politik nicht das Mindeste zu thun. sie waren schon, bevor der russische Bauer etwas von Politik wußte. Das Umgekehrte von dem. was. die „Natioual-Zeituug" ausführt, ist vielleicht richtig. Wegen der vielen Judenverfolgungen ist in Rußland beidenkenden Juden und Nichtjuden, die der russischen Negierung jetzt so unangenehme politische Grundstimmung erzeugt worden. Ob der Gouverneur wohl auch den Kopf verloren hätte, wenn die Nihilisten gegen die besitzende Klasse der Nichtjuden vorgegangen wäre? So/ aber überließ er der Meute die Beute, damit, sie an anderes sich nicht heranwage.- . .; Berlin, 18. Mai. Nach der „Korrespondenz Textilindustrie" wird aus Moskau berichtet, daß sich in der dortigen Textilindustrie die Folgen der Unruhen in Kischinew in pekuniärer Beziehung bereits sehr fühlbar zu machen beginnen. Eine große Anzahl von Wechseln der Kaufleute in Kischinew sei unter Protest gegangen. Der Moskauer Platz hätte, soweit Textilwaaren in Betracht kommen, an l1/-» Millionen Rubel zu fordern, während Lodzer Textilfirmen in Kischinew mit 500,000 Rubel interessirt seien. Frankfurt a. M., 21. Mai. In der heute dahier unter dem Vorsitz des Herrn Rabbiner Dr. H o r o v i tz abgehaltenen Generalversammlung des Vereins „Lemaan Zion" wurden die ausscheidenden Verwaltungs- . räthe auf neun Jahre wiedergewählr. .Der kpoptirte Grand-Rabbin Zadoc Kahn in Paris wurde gleichfalls - auf neun Jahre gewählt.' — Der' Verwaltungsrath. hielt darauf eine Sitzung und beließ den geschäftsführenden Ausschuß in seiner bisherigen Zusammensetzung.