Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 36 (11.5.1903)
- Date
- 1903-05-11
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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zwei Kriegsknechte mit der Faust niederstreckte und mit einem zu Tode verwehten Genossen entfloh. Voller Wuth schleiften die Kriegsknechte ihre todten Kameraden durch die Straßen. UeLerall verkündeten sie, daß die Juden sie verrätherifch ermordet hätten. Mehr bedurfte es nicht, um den ohnedies aufgeregten Pöbel in den furchtbarsten Taumel zu versetzen. Im Nu war die ganze Stadt im Aufruhr gegen das Ghetto. Das waren die Nachrichten, die Ranulph de Granville dem Könige brachte. Unheilvolle Rufe drangen bis in den Festsaal und bestätigten diese Nachricht. „Tod den Juden! Nieder mit den Ketzern!" hörte man schreien, man sah die Straßen sich mit Bürgern füllen, die ihr, friedliches Handwerk verlassen und ein verrostetes Schwert, aber auch Knüttel, Brecheisen und Feuerbrände an sich gerissen hatten. Der König entsandte Ranulph de Granville, um die Rasenden zu beruhigen und strenge Bestrafung der Schuldigen zu versprechen. Er wurde verhöhnt. Da zeigte Richard sich selbst der Menge und versuchte dem Aufruhr Einhalt zu gebieten. Vergebens. Tie einmal aufgeregten Volksmassen dürsteten nach Blut. Sie stürzten zum Ghetto. Weithin schallten ihre donnernden Axthiebe. Da sanken die Thore. Unter wildem Geheul drang der Janhagel in die öden Gassen, allen voran — Robert de Gourdon mit seinen Spießgesellen. Während die übrigen in den ersten Häusern mit Mord und Plünderung sich aufhielten, brach er in ein mit einem rothen Kreuze bezeichnetes Haus. Bald kehrte er mit einem schönen Weibe zurück, das krampfhaft in den Armen ein schreiendes Kind trug: Es war die Gattin Davids ben Sebulon. Er eilte fort mit ihr. Hinter ihnen sank das Ghetto in Asche. IV. Drei Monate vor den bisher erzählten Ereignissen wurde nächtlicher Weile an das Thor des Juden Varuch in Dort heftig gepocht. Dieser außergewöhnliche Vorfall jagte dem Juden Baruch einen solchen Schrecken ein, daß er das Buch, das er gerade in Händen hielt, zur Erde fallen ließ. Er hob es hastig auf, küßte es und legte es auf den Tisch. Darauf flüsterte er leise einige Psalmstellen, die er vom. häufigen Gebrauch auswendig kannte, damit heilsam ablaufe, was er nun zu thun willens war. Er ging nämlich an's Fenster und öffnete ein kleines Guckloch. Darauf schaute er hindurch, uni zu erspähen, wer der späte Eindringling sei. Wie er nun das Haupt ein wenig hinäusstreckte, erlebte er den zweiten Schrecken. Denn was er daußen ersah, war unheimlich genug. Stand da eine über und über vermummte Gestalt, groß und schlank. und pochte gerade abermals, nur noch dringlicher und heftiger. Wer es auch immer war, so viel stand fest, daß der Harrende ungeduldig geworden. Diese Erkenntniß veranlaßte den -Juden Baruch zu folgenden Maßregeln: Er schloß das Guckloch und weckte die Insassen seines Hauses, die bereits die Ruhe gesucht und zum Theil schon gefunden hätten, da er. der fromme Mann, noch dem Studium des Gesetzes beflissen.. Mit schläfrigen Gesichtern kämen da hervor zunächst Dina, die alte Haushälterin, die Baruch's Mrthschaft besorgte, seit Riwkah, die treue Gattfn. Vas Zeitliche gesegnet; dann Lirzoh, die blühende Tochter, der Stolz und das Herzblatt des Vaters; zuletzt drei Hausgenossen Baruch's, noch jugendliche Leute, denen die Freigebigkeit ihres Gönners ermöglichte,-sich ungestört dem Gesetzesstudium hinzügeben. Ihnen allen theilte Baruch das unvorhergesehene Ereigniß mit. Er befahl seinen dre'i Hausgenossen, sich mit Waffen zu versehen, die?n jenen unruhigen Zeiten in keinem Hause fehlten und dann das Thor zu öffnen, da schon zum dritten Male das Pochen ertönte. Er selbst ergriff ebenfalls eine Waffe und erwartete mit Tochter und Haushälterin das Kommende... Tie drei öffneten behutsam das Thor und der Fremde trat ein.. Einer der jungen Leute fragte nach seinem Begehr. Er aber weigerte sich zu antworten und forderte, zu dem Hausherrn geführt zu werden. Sein Wunsch würde erfüllt, und bald stand er vor Baruch. Er bat ihn, die Zeugen und Zeuginnen hinauszuschicken. Baruch that es, wenn auch ungern. Wie der Fremde mit dem Hausherrn sich allein sah, ließ er die Vermummung fallen, uüd stand als schöner, blühender Jüngling mit hellem Lockenhäar vor dessen erstaunten Blicken. Roch ehe Baruch Zeit hatte, von seinem Erstaunen sich zu erholen und Fragen zu richten, fiel ihm der Jüngling zu Füßen und bat ihn um feinen Schutz und Beistand. Baruch hob ihn auf und forderte nähere Erklärung. Da erzählte ihm der Fremde, er sei ein Flüchtling, und es sei nicht unwahrschein'kich, daß er verfolgt werde. Iknter Christen sei er ausgewachsen und erzogen worden, und bis vor-kurzer Zeit habe er auch nicht anders gewußt, als daß er wirklich ein Christ sei. Da habe er plötzlich wie durch einen Zufall erfahren, seine Eltern seien Juden gewesen, denen er im zartesten Alter auf gewaltsame Weise geraubt worden sei, um dem Christenthum zugeführt zu werden. Wie er dies vernommen, da habe es ihn nicht mehr gehalten. Er habe sofort nach feinen richtigen Eltern Erkundigungen eingczogen, zu seinem Schmerze aber erfahren müssen, daß sie bald nach der verübten GLwaltthät kurz nacheinander gestorben seien. Nun habe er erst recht beschlossen. jenen unglückseligen Raub zu nichte zu'machen, und er sei den Händen seiner Aufseher entflohen. Die größten Gefahren und Entbehrungen habe er auf der