Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 35 (7.5.1903)
- Date
- 1903-05-07
- Page
- – (sequence 28)
- Language
- German
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- 796 sprach. Ihr schien es, als höre sie den Rath des Mentors. Sie konnte nicht zulassen, daß er sie ihres Zaubers beraube, und rief selbst Vater Simon herbei. „Ach! Ich habe an Sie eine Bitte!" sprach sie lebhaft. „Wie gut, daß wir uns hier treffen!" „Sie haben eine Bitte an mich?", fragte der Alte verwundert. „Ja wohl! Eine sehr schüchterne Bitte," sprach Musa. „Meine Mama ist 'dermaßen verliebt in Sie und Ihren unvergleichlichen Witz, daß sie förmlich nach Ihnen schmachtet. Und Sie geruhen nicht einmal, uns zu besuchen!" Sie glaubte ein wenig zu schnell, sie habe ihn mit diesem groben Weihrauch gewonnen. Vater Simon aber verneigte sich nur lächelnd, murmelte etwas und entfernte sich schleunigst. „Sie hielt mir die Räucherpfanne unter die Nase," sprach er zu Jakob, „ich wette, lediglich auf Deine Rechnung. Sie fühlte, daß ich von ihr sprach! — Noch eins, lieber Jakob! Sie ist eine Sirene! Verstopfe Dir die Ohren mit Baumwolle, schließe die Augen und mach' Dich davon! Das ist das einzige Mittel!" „Für mich gibt es weder Sirenen, noch Zauberinnen!" sprach Jakob mit einem Seufzer. Simon schaute ihn lange an und druckte ihm schweigend die Hand. „Ah!" rief er, „das dauert!" Es ziemte sich für Musa nicht, Jakob selbst herbeizulocken. Geschickt -also wußte sie Tilda dazu zu bewegen, iüdem sie Neugierde vorschutzte. Jakob kam gehorsam herbei, und lehnte sich auf das Klavier. Die Unterhaltung wurde 'immer lebhafter. Leider aber erlosch der Glanz dieses Marmorpüppchens neben dem bleichen, traurigen^Gesichtchen der armen Dulderin. Musa fühlte, daß sie keinen Eindruck mache. Sie wollte sich nicht umsonst erschöpfen. Sie erhob sich, um fortzugehen und wandte sich nur ncch an Jakob mit der Bitte, sie bald einmal zu besuchen. Dies that sie gleichgültig und kalt, indem sie ihm das nahetzelegene Haus zeigte, welches sie bewohnte. „Vergebens sträubst Du Dich," sprach sie im Geiste. „Ich fange Dich doch. Du kalter Mann!' Du mußt der Meine werden, und über diese Demüthigung rechnen wir später mit einander ab!" Bescheiden, still, fast furchtsam entfernte sie sich. Tilda geleitete sie hinaus, und als sie wieder eingetreten, begann sie ihr Lob zu verkünden. Aber dies fand kein Echo. „Aber Sie, Herr Jakob, wie finden Sie Musa?" „Bezaubernd schön," sprach Jakob. „Aber unerhört abstoßend und unangenehm!" Alles schrie auf. „Ich kenne kein Weib, welches auf mich den Eindruck eines gekünstelteren Wesens machte. Das Weib aber muß, wie.ein Ideal, die Wahrheit und Lauterkeit selber sein!" ' Simon klatschte Beifall. „Das war reizend gesprochen. Aber wenig Weiber werden Dir gefallen!* Tilda vertiefte sich in Gedanken. Während man im Salon sich so unterhielt, begleitete. Herr Heinrich, als Wirth, Musa noch einige Schritte weiter. Aus seinen Fkammenblicken sah man, daß ihm diese Perle noch besser gefiel, als Signora Gigantr. Musa aber that vor allem ein Gatte noth.' Obschonauch ihr Herr Heinrich nur zu wohl gefiel, obschon ihre beiden Seelen wie für einander geschaffen, sympathisirten, durfte sie sich doch nicht kompromittiren mit einem verheirateten Mann. Heinrich verabschiedete sich von ihr am Pfortchen mit einem so bedeutsamen Blicke, daß sie dadurch für Jakob's Gleichgültigkeit fast entschädigt wurde. Die Mutter erwartete sie auf der Schwelle. Aber an ihrem nachdenklichen, ernsten Gesichtchen errieth sie das Mißbehagen. »Nun. wie war es?" fragte sie. „Trafst Du ihn dort?" „Jawohl!" „Und wie?" ' „Aber Mamachen, die Präludien find immer langweilig, wie Du selber sagst. Ich spielte ihm Schumarm's Phantasie ganz reizend vor. Ich war 'entzückt davon; ich bemühte mich, anziehend und gleichgültig zugleich zu sein, ich heftete die Blicks forschend auf ihn, nicht allzu kühl, und nicht, übertrieben heiß. Mt der größten Berechnung bestrebte ich mich, ihn zu umgarnen, zu umspinnen —" „Aber wie scheint es Dir? Wird es wirksam sein?" „Weißt Du, Mamachen, mir scheint, daraus wird nichts werden! In seinem Herzen ist schon etwas Anderes. Ich fühle dies!" „Aber Du. meine kleine Hexe, sollte es Dir nicht gelingen, aus diesem Herzen alles zu vertreiben, was darein ausgenommen wurde?" „Versuchen wir es!" rief Musa. indem sie das Hütchen auf das Kanapee warf und in den Spiegel blickte. „Diesen Mann nimmt Keine mit irgend einem Reize gefangen, nur mit dem Herzen! Und ein Herz gewinnen? O, das ist das Allerschwerste! Aber probiren wir es!" wiederholte sie mit einem Seufzer. „Es ist nur schlimm." sprach händeringend die Mutter, „daß Du. Du selbst von vornherein zu zweifeln scheinst!" „O. wenn ich es . will, werde ich auch ün Stande sein, ihn zu erobern! Aber ich werde mich etwas kompromittiren müssen! Ich meine, in den Augen der Leute, indem ich mich gewissermaßen affichire!" „Das würde ihn vielleicht fesseln!" (Fortsetzung folgt.) VrrantworMcke Redaction: Oscar Lehmann in Mainz. — Expedition des .Israelit". SchottstraßeMr- L Mainz. Druck und Bcrlag der Joh. Wirth'.i cb en HofbuLdruckcrei Aktien-Gesellickalt kn Main».