Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 30-31 (22.4.1903)
- Date
- 1903-04-22
- Page
- – (sequence 47)
- Language
- German
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„Wiesbadener Volksbücher." Herausgegeben vom „Volksbildungs-Verein" in Wiesbaden. (Geschäftsstelle Buchhandlung Heinrich Staadt, Wiesbaden.) Der „Volksbildungsverein" in Wiesbaden hat sich ein großes Verdienst erworben durch die Herausgabe der Wiesbadener Volks-Bücher. In der richtigen Erkenntniß, daß im Volke das Bedürfniß nach guter Lektüre herrscht, hat er es unternommen, zu billigem Preise die besten Erzeugnisse deutscher Litteratur herauszugeben, um so der fast den Markt beherrschenden Schundlitteratur entgegenzuarbeiten. Man bedenke, welcher Bildungsfaktor den breiten Volksschichten dadurch verloren geht, daß sie ihren Drang nach Lesestoff statt in den Werken anerkannter, guter Poeten und Schriftsteller, in den auf Sensation berechneten Schriften, die ihnen durch Kolporteure zukommen, befriedigen. Der beispiellos billige Preis (pr. V. 10 Pf.), mit dem die Wiesbadener Volks-Bücher vertrieben werden, macht es wohl möglich, daß der Volksbildungs- Verein das ihm vorgesteckte Ziel erreichen wird. Bei der Auswahl der herauszugebenden Bücher sind alle religiösen und politischen Parteibestrebungen durchaus ferngehalten, und wir finden ebenso den bekannten Ghettoerzähler Kompert, wie Tolstoi und Hansjakob vertreten. Zu wünschen wäre nur noch, daß die Kenntniß von der Existenz der Bücherei in weitere Kreise dringe und an noch mehr Orten Verkaufsstellen errichtet würden. — Von den da vertretenen Autoren nennen wir außer den obenerwähnten nur noch folgende, um die Reichhaltigkeit, und Vielseitigkeit der Wiesbadener Volks-Bücher zu zeigen: Riehl, Rosegger, Dickens, Hauff, Hoffmann, Heyse, - Ebner-Eschenbach, Vicbig, Storm, Keller, Raabe, Willbrandt, Droste- Hülshoff ü. v. A. Wir wünschen dem jungen Unternehmen in Anbetracht seines wohlthätigen Zwecks ein gutes Gedeihen. I. L. „Humoreöken" von Hedwig v. P r i t t w i tz. E. Prerson's Verlag, . Dresden. Preis M. 1.60. Zwei sehr amüsante Erzählungen hat Hedwig von Prittwitz unter dem Titel „Humoresken" in einem elegant ausgestatteten Bändchen vereinigt. Die erste der beiden köstlichen Geschichten heißt „Der Besuch der Schwiegermutter". Die Verfasserin hat es verstanden, dem scheinbar abgenutzten Motiv neue humoristische Reize abzugewinnen. Sie schildert in launiger Weise, wie die Mutter einer jungen Offiziersfrau durch ihre Anwesenheit allen erdenklichen Schaden stiftet, schließlich aber durch Freundeslist aus dem Hause entfernt wird. Die zweite Humoreske, eine „Badeepisode" betitelt, erzählt uns, wie einem verliebten und sehr eingebildeten Provisor von zwei übermüthigen jungen Mädchen mitgespielt wird. Beide Humoresken sind so anspruchslos und flott erzählt, daß man sich wirklich gut dabei unterhält und der Autorin eine große Anzahl vergnügter Leser wünschen möchte, besonders da unter der Menge „Humoresken", die heutzutage geschrieben werden, nur wenige so lustig sind, wie diese beiden., . Elisabeth Siewert, Bajowo, Roman. Berlin W. . 10. Richard Taendlers Verlag. Preis Mt. 2, elegant geb. Mk. 3. . . v-, - Elisabeth Siewert, die sich bereits durch eine Reihe größerer und kürzerer Arbeiten in bedeutenden Zeitungen bekannt gemacht hat, nimmt in der modernen Litteratur eine Art Sonderstellung ein. Der Roman „Bajowo" spielt auf einem westpreußischen Gut. Elisabeth Siewert ist Ostpreußin und wurzelt mit allen Fasern ihres Talentes in den lokalen Eigen» thümlichkeiten ihrer Heimath; dessen Bewohner, spiegeln die starre, vornehme Gesinnung des benachbarten Ostpreußens wieder, aber ein versprengter Tropfen Polenblut macht sie temperamentvoller und beweglicher. Die spannenden Konflikte in dem Roman „Bajowo" hängen mit dem charakteristischen Milieu eng zusammen:. Diese Menschen, die auf den Gütern in seelischer Einsamkeit, ihr Gemüths- und Verstandeskeben eigenartig, unabhängig und dennoch einseitkg entwickeln, fesseln vom ersten Augenblick. Das Ganze ist eingesponnen von Naturschilderungen allerfeinster Art.. Ueberall tritt uns das lebendige Leben entgegen, nach dem die Modernen wieder mit glühendem Verlangen streben, und das allein das Wesen echter Kunst zu allen Zeiten ausgemacht hat. . Bernhard Zielsnziger. Wenige Tage, nachdem im befreundeten Oesterreich dem poesiereichen Leben Ludwig August F r a n k l's im hohen Alter der Tod ein Ziel setzte, und der große, bescheidene Meister auf immer von uns schied, um nie mehr seine Weisen ertönen zu lassen, da ist hier in deutschen Landen ein neuer Dichter erstanden, den wir ebenfalls stolz zu den Unseren rechnen dürfen: Bernhard Z i e l 6 n z i g e r.. Wie Frankel, ist auch er Arzt von Beruf. Aber während jener wohl nie die Praxis ausübte, und gleich von früh an feinen dichterischen und literarischen Neigungen lebte, waltet dieser,.. ob schon hochbetagt, noch heute in Potsdam mit liebevoller Hingebung seines heiligen Amtes, geliebt und geehrt von allen, die ihn kennen. Und sie kennen ihn alle! Denn Ziel6nziger ist nicht bloß ein hervorragender Arzt für die, deren Körper krank ist, sondern ein ebenso trefflicher für solche, die leidenden Herzens und leidender Seele sind. Und in seinen Liedern, deren schlichte Einfachheit, deren mannigfache Stimmungen und seelische Empfindungen den Leser völlig gefangen nehmen, läßt er jene Leidenden Trost finden. Hat ihn doch selbst ein großes Leid, das ihm als Greis wider-