Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 88 (5.11.1903)
- Date
- 1903-11-05
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
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Zu allen Zeiten haben also die jüdischen Aerzte Großes geleistet, und auch heute finden wir unter den Koryphäen der medizinischen Wissenschaft viele jüdische Namen. Im Mittelalter hat man ihr Verdienst einstimmig dadurch anerkannt, daß man den künstlich anerzogenen Haß gegen die Juden überwand, wo es sich um das Heil des eigenen Leibes handelte, uzid jüdische Aerzte in einer Zeit blindester Verfolgungswuth in die einflußreichsten Stellen und zu höchsten Ehren beförderte. Geistige wie weltliche Fürsten, Päpste und Bischöfe. Könige und Herzöge haben ihren Leib mit Vorliebe jüdischen Gelehrten anvertraut. ahöstrußel Skizze von Bernhard -Nun war er wieder in der Heimath. Doch die Heimath war ihm fremd geworden, er ging an altbekannten Stätten vorbei, doch sie grüßten ihn nicht, und die Menschen kannten ihn nicht mehr. Das hatten die Jahre vollbracht, die langen, langen Jahre, die verflossen waren, seit er dem Elternhause den Rücken gewandt hatte in knabenhaftem Trotz und starrem Sinn. Im Vaterhaufe war es ihm zu eng geworden, sein hochfliegender Sinn konnte sich nicht schicken in die althergebrachten Formen, die Lebensführung daheim war so ganz das Gcgentheil von dem, was ihm in seinen liebsten Träumen von Freiheit und Ungebundenheit vor der Seele stand. Und so hatte der Achtzehnjährige nur ein spöttisches Lächeln, ein bedauerndes Achselzucken, wenn der - Vater die uralten Bräuche und Satzungen seines Volkes übte, wenn er den Sabbat beim Weine segnete, wenn er sich zum Gang in's Gotteshaus anschickte. Und als er den Zwiespalt mit seinem Vater nicht mehr ertragen konnte, als das vergrämte Gesicht der Mutter ihm nicht mehr Ruhe ließ, da war er davongcgangen, hinab in die weite Welt. Nie wieder hatte er von den Seinen etwas gehört, und so wußte er nicht, daß die Mutter wenige Jahre nach seinem Weggange die verweinten Augen für immer geschlossen hatte, daß der Vater, dem der Verlust des einzigen Kindes näher gegangen war/ als der glaubensstarre Mann es sich und andern wahrhaben wollte, der geliebten Gattin nach . kurzer Zeit nachgefolgt war, und er wußte nicht, daß! Beide nun schon fast dreißig Jahre dort draußen ruhten unter dem stillen Hügel. -- j Und nun war er zurückgekommen, nach langen I Jahren der Mühsal und Plage, nach einem Menschenj alter voll von Enttäuschungen und Fehlschlägen. Eine ■. aach der andern hatte er seine Hoffnungen zu Grabe getragen, und in ihm war es dunkel und öde geworden. Als lebensfroher Jüngling war er hinan sgezogen als vorzeitig gealterter, gebrochener Mann kehrte er heim, und jetzt ging er wie suchend durch die einst so I vertrauten Straßen; doch kein bekanntes Gesicht wollte ' David—Ijam b.u r g. sich ihm zeigen, keiner von den Vorübergehenden erkannte ihn — die Zeit hatte ihr Vernichtungswerk in ihm und an ihm zu übermächtig geübt. Fast unwillkürlich und ohne Ueberlegung ging er den Weg, den er soeben schon mehrere Glaubensgenossen hatte gehen sehen, und ohne sich dessen bewußt zu werden, folgte er ihnen — in's Gotteshaus. Er wußte nicht, wie ihm war, seit mehr als dreißig Jahren hatte er keine Synagoge mehr betreten, hatte er einst die alten, einfachen Melodien gehört, und doch, als er jetzt in dem ehrwürdigen Raume weilte, als er die Stimme des Vorbeters vernahm, die er als Jüngling nicht hatte hören wollen, da erwachte etwas in ihm in seinem Innern, er wußte, er empfand, daß heute Freitag Abend sei. Und die Augen des Mannes wurden feucht, und um seine Lippen zuckte es wie von verhaltenem Weinen, und mit den Thränen schmolz die Rinde seines Herzens, und 'plötzlich war die Sehnsucht in ihm erwacht, die Sehnsucht nach seinen Eltern, die er in kindlichem Unverstand verlassen hatte, die er nie mehr sehen sollte auf Erden. — Der Gottesdienst war zu Ende, und als der Schwarm der Andächtigen sich verlaufen hatte, da trat als letzter ein einsamer Mann aus dem Gotteshause heraus. Hell schien der Mond vom sternenbesäten Herbsthimmel, und sabbatliche Stille herrschte ringsum. Der einsame Mann ging langsam seines Weges, doch plötzlich hemmte er seinen Schritt. Er stand vor einer angelehnten Pforte, und ein einziger Blick erweckte die Erinnerung wieder in ihm: er befand sich vor dem Friedhof.. Er trat ein, und lange irrte er suchend in den Reihen umher und entzifferte beim hellen Mondesschein die Inschriften der schmucklosen Steine. Doch schließlich hatte er gefunden; der Hügel dort mit dem einfachen, weißen Stein barg die Ueberreste derer, denen er im Leben so großes Weh bereitet hatte, nach denen, er sich-jetzt sehnte in gewaltigem Schmerz und in zu später Reue. Lange kniete er in inbrünstigem Gebete an dem Hügel nieder, und seine Thränen netzten das kalte Erdreich. Schließlich Lbermannte ihn die Schwäche und Ermattung, sein Haupt senkte sich und er schlief ein.