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Der Israelit · 1903-11-05 · Heft 88 (5.11.1903) · page 26

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 88 (5.11.1903)
Date
1903-11-05
Page
– (sequence 26)
Language
German
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von Aeröinsnö Stein—B e r l in. Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Juden zu allen Zeiten/ vom frühen Mittelalter bis zur Gegenwart, in allen Kulturländern sich der medizinischen Wissenschaft und dem ärztlichen Berufe in relativ großer Zahl gewidmet haben, und es erfüllt uns mit großem Stolze, wenn wir die ungeheure praktische Tüchtigkeit und den weitgreifenden Einfluß der jüdischen Aerzte auf die Entwicklung und Verbreitung der medizinischen Kenntnisse erfahren. Gerade aus dem Schoße des Volkes, das man überall mit unmenschlichem Fanatismus verfolgte und unterdrückte, und sowohl physisch wie moralisch zu Grunde richten wollte, sind merkwürdigerweise eine große Anzahl hervorragender Vertreter der Medizin hervorgegangen, und gerade in den Jahrhunderten des furchtbarsten Martyriums hat das Judenthum einen großen Theil seiner besten Lebenskraft in den Dienst der leidenden Menschheit gestellt und allen Kranken und Darbenden ohne Unterschied des Glaubens Hülfe und Trost gespendet. Noch in jüngster Zeit hat Rudolf Virchow vor einem Auditorium der bedeutendsten Vertreter der Medizin auf dem internationalen Aerztekongretz' zu Rom i. I. 1894 mit Recht von der oft erblichen Veranlagung der Juden für den medizinischen Beruf gesprochen, die sich bis in's frühe Mittelalter zurück verfolgen lasse. Und der berühmte französische Universitätsprofessar Prunelle schrieb in einer seiner Abhandlungen, der Ruf der jüdischen Aerzte wäre so groß, daß man zu einer bestimmten Zeit geglaubt habe, manmüsse, um in der Heilkunde Erfahrung zu haben, von jüdischer Herkunft sein. Woher stammt nun diese eigenthümliche Befähigung der Juden für die Ausübung der medizinischen Kunst? Erstens schärfte die gesetzlich befohlene und auch ausgeführte intensive Beschäftigung mit den heiligen. Büchern, besonders mit dem Pentateuch und Talmud, den Verstand der jüdischen Knaben und Männer in ganz hervorragender Weise. Man lernte die Arzneikunde, über welche diese Bücher reichhaltigen Aufschluß geben, als eine höhere, edlere Kunst betrachten, so daß das Studium derselben von Vielen geradezu als eine religiöse Pflicht angesehen wurde.. Die durch das Studium der heiligen Schriften erworbene Geistesschärfe vererbte sich dann mehr und mehr auf die folgenden Generationen; denn auch geistige Eigenschaften können sich bekanntlich forterben und in demselben Grade steigern, in welchem die Geschlechtslinie tiefer sinkt. Bei der anerkannten Uneizennützigkeit und Hilfsbereitschaft der Juden, bei ihrer zähen Ausdauer und ihrem geduldigen Temperamente, Eigenarten, die sie sich allerdings nicht zum wenigsten in Folge des äußeren Druckes und ihrer inferioren sozialen Stellung haben aneignen müssen, konnten die Erfolge gerade im ärztlichen Berufe nicht ausbleiben. „Vermöge ihrer Verstandesschärfe/ sagt Dr. Adolf Jellinek in seiner gedankenvollen Schrift, „Der jüdische Stamm", „sind die Juden besonders geeignet,, die letzten Gründe der leiblichen Thätigkeit zu verfolgen, die Erscheinungen der Körperwelt zu vergleichen, die Thatsachen der Beobachtung zu kombiniren, aus äußeren Symptomen auf innere Zustände zu schließen. Das sympathetische Herz schützt den jüdischen Arzt vor jener Gleichgültigkeit und Abstumpfung, welche der wiederholte Verkehr mit Kranken und die oftmalige Behandlung derselben Krankheitsfälle gewöhnlich erzeugen. Das geschmeidige Naturell, welches anderen rasch sich anschließt, sich in fremde Empfindungs- und Anschauungsweise mit großer Leichtigkeit versetzt, die Besonderheiten und Eigenthümlichkeiten des Nebenmenschen in der kürzesten Zeit entdeckt, und das den Juden in der Zerstreuung unter so verschiedenartigen Völkern die größten Dienste leistet, erzeugt jene Hingebung, welche dem Leidenden wohl ihut und dem Kranken Vertrauen zu seinem Arzte einfließt." Andererseits waren den Juden viele Jahrhunderte lang in der Auswahl des Berufes unendliche Schranken gesetzt, ein Zultand, der z. Th. heute noch besteht, sehr viele Berufe, von den wissenschaftlichen oft alle, waren , ihnen verschlossen, und der Zutritt zu allen öffentlichen Aemtern gänzlich abgeschnitten. Einen Arzt brauchten die Juden ja für ihre eigenen Kranken, und größere Gemeinden waren sehr wohl im Stande, ihn ohne fremde Unterstützung selbst zu ernähren. Es lag also für die Israeliten, die einen höheren Drang nach wissenschaftlicher Vethätigung in sich spürten, kaum etwas näher, als das Studium und die Ausbildung in der Heilkunde, weil sich ihnen hier ein Feld bot. wo sie ihre wissenschaftliche Thätigkeit mit einem ehrenvollen freien Erwerbe harmonisch paaren konnten. Unter diesen Umständen war es natürlich, daß das rastlose Wirken der jüdischen Aerzte von Erfolg gekrönt war, und der wissenschaftliche Sinn in Verbindung mit dem äußeren Drucke, der durch die Beschränkung der Berufswahl hervorgerufen wurde, mußte naturgemäß auch zu medizinisch-litterarischen Studien führen.

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