Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 88 (5.11.1903)
- Date
- 1903-11-05
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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den dritten Theil der Bevölkerung. Das ist der Durchschnitt für das ganze Reich; in einzelnen Theilen desselben, und zwar in den wirthschaftlich entwickeltsten Theilen, wird dieser Durchschnitt oft beträchtlich überschritten. Das jüdische Ansiedlungsgebiet grenzt an Rumänien, Oesterreich-Ungarn Und i Deutschland und umfaßt das in industrieller und . handelspolitischer Beziehung wichtigste Gebiet des; russischen Reiches. Schon in Folge dieser geographischen Vertheilung mußte den Juden ein bedeutender Antheil an dem russischen Wirtschaftsleben zufaiwn. Es kommt aber noch hinzu, daß die russischen Juden stch fast ausschließlich dem Handel, dem Handwerk und der Industrie gewidmet haben, namentlich dem Handel. Daraus hat stch ergeben, daß gegenwärtig ein sehr beträchtlicher Theil des gesammten russischen Handels, sowohl des Innenhandels, wie des Außenhandels. sich in den Händen der Juden befindet; in manchen wichtigen Punkten und in manchen wichtigen Branchen ist so gut wie der gesammte Handel in Händen von Juden, so z. B. in Odessa, in Kiew, in Warschau,- so der Getreide- und der Holzhandel. Beim Außenhandel mit Deutschland und Oesterreich kommt den Juden noch die Sprache zu statten (die russischen Juden sprechen bekanntlich jüdisch-deutsch) — vielfach auch der Umstand, daß diesseits der Grenze der Außenhandel mit Rußland ebenfalls zum Theil in Händen von Juden sich befindet. In der Industrie ist der Antheil der Juden ebenfalls beträchtlich, wenn auch bei weitem nicht in dem Maße, wie im Handel. Nun ist aber die Industrie vielfach auf den Handel angewiesen und ebenso die Landwirthschaft. Die russischen Juden bilden daber ein sehr wichtiges Glied im russischen Wirthschaftsleben. Das ist zum Theil das Verdienst der Juden selbst, zum Theil das Verdienst — der Regierung... Die Regierung war es, die eine gleichmäßige Vertheilung der Juden im ganzen Reiche und in den verschiedenen Berufen verhindert hat. Die Regierung hat den Juden verboten, sich außerhalb des Ansiedlungsgebietes niederzulassen, sie hat ihnen verboten, außerhalb der Städte zu wohnen, sie hat ihnen schließlich den Beamtenberuf und verschiedene andere intellektuelle Berufe verschlossen. Der jüdischen Thatkraft und der jüdischen Intelligenz sind nur Handwerk, Industrie und Handel freigelassen worden; hier bethatigen sie sich daher mit ihrer ganzen Kraft. So hat die russische Regierung nicht nur für die Quantität jüdischer Industriellen und Kaufleute, sondern auch für ihre Qualität gesorgt. Die wirthschaftliche Lage der russischen Juden entspricht indessen durchaus nicht ihrer wirthschaftlichen Bedeutung. Die Masse der jüdischen Händler ist äußerst arm und führt ein wahres Hungerleben: sie sind eben viel zu zahlreich. Den jüdischen Handwerkern geht es auch nicht besser. Die wirthschaftliche Bedeutung der Gefammtheit dieser armen Händler isttrotzdem sehr groß; ja. sie haben sich geradezu unentbehrlich gemacht. Die Situation ist jetzt derartig, daß die Interessen des russischen Handels und der russischen Industrie eng verbunden sind mit den Interessen der jüdischen Bevölkerung Rußlands; jede Schädigung der Juden zieht, zugleich andere Kreise in Mitleidenchaft. So haben die Judenkrawalle in Kischinew auch den rechtgläubigen Industriellen von Moskau schwere finanzielle Verluste zugefügt, zugleich hat auch die Staatsbank beträchtlichen Schaden gehabt, denn sämmtliche Wechsel Kischinewer Juden mußten prolongirt und manche von ihnen werden niemals eingelöst werden. — Die Handelsgeschäfte der Juden, die Fabriken der griechisch-orthodoxen Russen und die staatlichen Banken stehen in enger, wirthschaftliche! Verbindung miteinander, so daß jeder Schlag auf der einen Seite gleichzeitig auf allen andern Seiten empfunden wird. Das ist klar für jeden, der nur einiges Verständniß für Fragen der Volkswirthschafi besitzt. Daher waren auch alle russischen Finanzminister der letzten Dezennien entschiedene Gegner der Judenverfolgungen. Der Finanzminister Witte hat noch im vorigen Jahre bei einer Berathung der Regierung über die Judenfrage sich für die Erweiterung der Rechte der russischen Juden ausgesprochen mit der Begründung, daß die Juden ein wichtiges und nothwendiges Element des russischen Wirthschaftslebens bilden. Augenblicklich treten aber volkswirthschaftliche Erwägungen zurück, indessen ist die Judenpolitik der russischen Regierung auch in rein politischer Hinsicht durchaus verkehrt, denn sie führt zu Ereignissen, die .man gerade hat vermeiden wollen. England. London. Anläßlich des Scheidens des Londoner Lordmayors, Sir Samuel Markus, war Letzterer Gegenstand außerordentlicher Ovation. Der neugewählte Lordmayor. I. T^ Ritchie. wies in einer längeren Rede auf die großen Verdienste hin, welche sich sein Vorgänger während seiner Funktionsdauer, um die Stadt London erworben hat, wodurch es dem Redner schwer werde, sein würdiger Nachfolger zu sein. Nachdem eine die Verdienste des scheidenden Lprdmayors hervorhebende Resolution einstimmig angenommen wurde, dankte Sir Samuel Markus für die Unterstützung, die ihm seitens seiner Kollegen und der Bürgerschaft während seiner Amtszeit zu Theil würde. Hauptsächlich aber werde er sich stets dankbar der Zustimmung erinnern, welche seinem Verhalten in der Frage seiner bedrückten rumänischen Brüder gezollt wurde. Hierauf wurden Herrn Markus werthvolle Ehrengeschenke zum Andenken an seine Amtstätigkeit überreicht.