Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 60 (28.7.1904)
- Date
- 1904-07-28
- Page
- – (sequence 31)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2449986-2450042--61142-2522164- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Mit dem bloßen Zusammenschluß aber ist keineswegs etwas gethan. Solange der Misrachi die Fiktion ausrecht hält, im Grunde bestehe gar kein prinzipieller Unterschied zwischen seinem Zionismus und dem auch der besonnensten Führer, solange er vorgibt, nur im Gegensatz zu den jungrussischen Schreiern zu stehen, solange wird er sich nicht beklagen können, wenn ihn die gesetzestreuen Kritiker des Zionismus kaum als ein der gesonderten Betrachtung werthes Gebilde ansehen. Mas Notb thut, ist vor allem ein klares und entschiedenes Programm, das in dem alten, organisatorisch, ja vorzüglichen Rahmen der zionistischen Partei einen neuen Zionismus schafft mit den alten concreten Zielen, aber im Geiste der überlieferten jüdischen Lehre. Das Programm sollte etwa folgende Gesichtspunkte als unverrückbare Grundlagen für den Misrachi-Zionismus, d.' h. für den echten Zionismus fixiren. 1. Der Misrachi ist eine Organisation gesetzestreuer jüdischer Männer, die. unter Anerkennung des Baseler Programms, die nationale Aufgabe des jüdischen Volkes in der geistigen Erfassung der überlieferten Lehre und in der vollen Verwirklichung des überlieferten Gesetzes erblicken. Die Entwicklung aller nationalen Lebensäußerungen niatcriellcr und geistiger Natur hat sich auf dem Boden dieser jüdischen Lehre und im Rahmen der durch das Gesetz gegebenen Normen zu vollziehen. 2. Der Misrachi erstrebt mit allen gesetzlichen Mitteln die Anerkennung dieses seines Grundprinzipes, das der Ueberzeugung der überwiegenden Mehrheit des jüdischen Volkes entspricht, durch den Kongreß und durch die Gesammtheit der jüdischen Volksgenossen. Er hat zu diesem Zwecke seine Prinzipien durch wissenschaftliche Arbeit zu erhärten, durch aufklärende und belehrende Thätigkeit in allen Volksschichten zu verbreiten und durch seine Delegierten im Kongresse Zur praktischen Geltung zu bringen. 3. Solange die Mehrheit des Kongresses dem Misrachi noch nicht angebört. hat dieser mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln des persönlichen Einflusses und vermöge des Rechts der ansehnlichen Minderheit, die er heute schon vertritt, dahin zu wirken, daß alle Veranstaltungen und Institutionen der Partei den gesetzlichen Normen entsprechen und jedenfalls darauf zu bestehen, daß die Beiträge des Misrachi-Genossen zur Parteikasse weder direkt, noch indirekt ungesetzlichen Zwecken zu Gute kommen können. Diese Programmsätze bedürfen nur weniger Erläuterungen: a) Zu Punkt 1. Daß das Baseler Programm in seinem Wortlaut keinen Widerspruch gegen die Grundsätze des überlieferten Judenthums enthält, ist längst anerkannt und insofern natürlich, als sich das Baseler Programm darauf beschränkt, die äußeren, konkreten Ziele der zionistischen Bewegung zu fixiren. Dem für die Gesetzestreuen unannehmbaren Schweigen aber über die eigentliche Lebensaufgabe des jüdischen Volkes, das da ..gegliedert und organisirt" werden soll, tritt der vorgeschlagenc erste Programmpunkt des Misrachi mit offener und ehrlicher Aussprache ergänzend zur Seite. Er negiert keinen Satz, des Baseler Programms, aber er ist geeignet, der Verdunkelung des jüdischen Bewußtseins entgegenzutreten, die jenes verhängnißvolle Schweigen in einer Zeit wie der unserigen zur unausweichlichen Folge haben muß und bereits gehabt hat. Es ist dabei keineswegs ausreichend. in dem neuen Misrachi - Ausruf zu sagen, daß sich „Thora" und „Zion", d. h. also um die Terminologie der Roth'schen Broschüre zu gebrauchen: „Konsessionalismus" und „Nationalismus" „ergänzen". Die Thora bedarf keiner Ergänzung durch ein wie auch immer geartetes Prinzip; auf ihrem Boden ist das kräftige, nationale Bewußtsein ein sittlich bedeutungsvolles Mittel zur Erreichung der Thorazwecke, aber kein selbstständiges Prinzipium, das ihr gleichgeordnet zur Seite treten könnte. l») Zu Punkt 2: Wenn für den gewissenhaften, gesetzestreuen Juden überhaupt die Möglichkeit besteht, sich den zionistischen Bestrebungen hinzugeben, so ruht diese Möglichkeit auf der Ueberzeugung, daß die große Mehrheit des jüdischen Volkes in Gesinnung und Tbat der Thora noch immer die Treue wahrt, daß es dem Misrachi also möglich sein m u ß die Mehrheit im Kongresse zu erringen. Das ist's denn auch, was die Politik des völligen Jntransigentcnthums. wie sie von gesetzestreuer Seite vielfach empfohlen wird, so ungeheuer verantwortungsvoll erscheinen läßt! Keine Konstellation aus dem jüdischen Gesammtleben des letzten Jahrhunderts läßt sich mit der Lage der Dinge im Zionismus vergleichen: in den Gemeinden waren die Gesetzestreuen zu verschwindenden Minderheiten geworden, als der Austritt und die Bildung völlig selbstständiger Gemeindeverbände den Führern der einzige Rettungsweg schien. In den Logen, dem Hülfsverein der deutschen Juden, dem Gemeindebund, dein Lehrerverband nirgends können die Gesetzestreuen hoffen, jemals die Mehrheit zu erlangen und damit bekenntnißmuthig und entschieden den Maßstab der überlieferten Lehre an die vielfältigen Beziehungen, die es zu regeln gilt, anzulegen. Ueberall sind sie dazu verurtheilt, dauernd durch Diplomatisiren. persönliche Liebenswürdigkeit und andere an sich zwar nicht zu verurtheilende für die Reinheit der eigenen Ueberzeugung aber höchst gefährliche Mittel eine Anerkennung zu erkaufen, die dann mehr ihrer Person gilt, eks ihren Prinzipien und die sehr zu Unrecht als „Triumph 6